Din­ner en­det in De­sas­ter

Thea­ter Ba­den-Ba­den zeigt das Stück „Ge­äch­tet“über ver­steck­te Vor­ur­tei­le

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ein Loft und Ate­lier vor der Sky­line von Man­hat­tan, ein­ge­rich­tet im tren­di­gen Be­ton­look. Mit ei­ner Go­ril­l­a­mas­ke auf dem Kopf jagt Amir sei­ne Frau spie­le­risch zwi­schen Mö­beln und Skulp­tu­ren. Emi­ly flieht, lässt sich fan­gen und gibt sich hin. Das Le­ben ist gut und ver­spricht noch bes­ser zu wer­den. Amir ist An­walt in ei­ner re­nom­mier­ten Kanz­lei und hofft auf ei­ne Part­ner­schaft. Emi­ly hat als Künst­le­rin die Aus­sicht, an ei­ner wich­ti­gen Aus­stel­lung teil­zu­neh­men. Ei­nes Abends la­den die bei­den ein be­freun­de­tes Paar zum Din­ner ein: den Ku­ra­tor Isaac und die An­wäl­tin Jo­ry. Vier welt­of­fe­ne Bil­dungs­bür­ger hoch über den Dä­chern von New York. Das Ge­spräch be­ginnt als Small­talk bei Fen­chel­sa­lat und spa­ni­schem Wein und en­det in ei­nem De­sas­ter.

„Ge­äch­tet“von Ayad Akhtar, das nun in ei­ner Ins­ze­nie­rung von Ru­di Gaul am Thea­ter Ba­den-Ba­den Pre­mie­re hat­te, kommt zu­nächst wie ein Bou­le­vard­stück da­her. Die Kon­stel­la­ti­on er­in­nert an „Drei Mal Le­ben“von Yas­mi­na Re­za: zwei Paa­re, ein Abend­es­sen und vie­le un­an­ge­neh­me Wahr­hei­ten. Doch „Ge­äch­tet“birgt un­gleich mehr Spreng­stoff. Der ame­ri­ka­ni­sche Au­tor Ayad Akhtar, selbst Sohn pa­kis­ta­ni­scher Ein­wan­de­rer, fragt dar­in nach der Ver­ein­bar­keit west­li­cher Wer­te mit dem Is­lam. Oh­ne ei­ne Ant­wort zu lie­fern, zeigt das Stück Fi­gu­ren, de­ren Den­ken bei al­lem In­di­vi­dua­lis­mus und al­ler To­le­ranz stark kul­tu­rell-re­li­gi­ös ge­prägt, ja be­schränkt ist. Der Text häuft po­li­tisch in­kor­rekt Kli­schee auf Kli­schee und be­ein­druckt zu­gleich durch sei­ne Kom­ple­xi­tät.

So dis­tan­ziert sich der An­walt Amir, der pa­kis­ta­ni­sche Wur­zeln hat und mus­li­misch er­zo­gen wur­de, wort­ge­wandt vom Is­lam, be­trach­tet ihn als rück­stän­dig, als un­ge­eig­net für die Welt von heu­te. Sei­ne, wie mehr­fach be­tont wird, „wei­ße Frau“, die an­glo­ame­ri­ka­ni­sche Künst­le­rin Emi­ly, lässt sich hin­ge­gen von den For­men is­la­mi­scher Kunst in­spi­rie­ren, schwärmt von de­ren Schön­heit und Weis­heit. Da­zu kom­men der jü­disch-ame­ri­ka­ni­sche Kunst­ku­ra­tor Isaac und die afro­ame­ri­ka­ni­sche An­wäl­tin Jo­ry, die sich aus dem Ghet­to em­por­ge­ar­bei­tet hat und so­eben statt Amir Part­ne­rin der Kanz­lei ge­wor­den ist.

In Ba­den-Ba­den ist das Stück nicht eth­nisch be­setzt; die Ins­ze­nie­rung setzt statt­des­sen Mas­ken ein, lässt die­se zwi­schen­durch tau­schen und spielt mit den gän­gi­gen Vor­stel­lun­gen. Re­gis­seur Ru­di Gaul ge­lingt es her­vor­ra­gend, das he­te­ro­ge­ne Quar­tett durch be­lang­lo­se Höf­lich­kei­ten, bos­haf­te An­spie­lun­gen und bit­te­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen hin­durch bis zum Eklat zu füh­ren. Zu die­sem tra­gen dann nicht nur Po­li­tik und Re­li­gi­on, son­dern auch be­ruf­li­che Kon­kur­renz und se­xu­el­le Un­treue bei. Vor­ur­teil ge­gen Ver­nunft, In­stinkt ge­gen In­tel­lekt.

Max Ruh­baum glänzt als Amir, der längt über­wun­den ge­glaub­te Res­sen­ti­ments zu­ta­ge tre­ten lässt, durch­dreht und am En­de al­les ver­liert. Über­zeu­gend spie­len auch Lil­li Lo­renz als Emi­ly, Mat­tes Her­re als Isaac, Na­di­ne Kett­ler als Jo­ry und Patrick Scha­den­berg als Amirs Nef­fe Abe.

Die Ins­ze­nie­rung in der Aus­stat­tung von Ol­ga Mot­ta be­dient sich zwei­er Kunst­grif­fe, die das Stück um­so ver­stö­ren­der wir­ken las­sen: Zum ei­nen be­kommt das Pu­bli­kum, das idea­li­sie­ren­de Por­trät, das Emi­ly von Amir ge­malt hat, nie di­rekt zu se­hen. Zum an­de­ren bleibt Amirs Ge­walt­aus­bruch ge­gen Emi­ly vor­der­grün­dig auf ei­nen kur­zen Schlag be­schränkt; im Hin­ter­grund be­steigt un­ter­des­sen ein rie­si­ger Go­ril­la ein Hoch­haus, dem Film­mons­ter King Kong gleich, in sei­ner Pran­ke ei­ne wei­ße Frau. Si­byl­le Or­gel­din­ger

Nächs­te Auf­füh­run­gen am 4., 11. und 23. März, ab 20 Uhr und am 5. März, ab 19 Uhr am Thea­ter Ba­den-Ba­den, Goe­the­platz 1.

VIER BIL­DUNGS­BÜR­GER re­den sich in Ra­ge: Das Ge­spräch be­ginnt als Small­talk bei Fen­chel­sa­lat, birgt aber viel Spreng­stoff. Fo­to: Klenk

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