95. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Der Ver­band war nim­mer weiß, son­dern ros­tig braun vom ge­trock­ne­ten Blut, und die Wun­de brann­te, als hätt die Be­ne­dik­ta nicht nur ei­nen Schluck, son­dern die gan­ze Fla­sche Bor­b­ler drauf­ge­schüt­tet. Feu­er­was­ser, so sag­ten die In­dia­ner zum Schnaps. Jetzt wuss­te Ag­nes, war­um. Sie streng­te sich wirk­lich an, nur die Amei­sen zu se­hen, die auf dem Bo­den vor ihr ei­ne to­te We­s­pe zu ei­nem Na­del­hau­fen scho­ben, so wie die Wal­burg dies im­mer tat. Aber lan­ge ging das nicht gut, da schau­te sie schon wie­der zum Him­mel hoch. Die Son­ne stand im­mer noch am sel­ben Fleck.

Ein fer­ner Schuss ließ sie auf­hor­chen. Schnell folg­te noch ei­ner, dann kei­ner mehr. Sie sprang auf, dreh­te sich im Kreis, hör­te das Ra­scheln im Un­ter­holz und sah ei­nen Schwarm Krä­hen auf­flat­tern. Jä­ger! Und wenn das der Pfis­ter und der Frey wa­ren? Der Wald um sie her­um wie­der still und stumm. Gab’s für ei­nen Mord schlech­te­re Zeu­gen als Tan­nen? Sie hätt sich nicht dar­auf ein­las­sen dür­fen! Un­ter Men­schen musst sie ge­hen, da könnt sie kei­ner ab­knal­len wie ein Stück Wild, da wär sie viel si­che­rer. Nur wo­hin? Heim konnt sie nicht, in dem Punkt hat­te Wal­burg recht, da wür­de sie der Drecks­seckel Pfis­ter zu­erst su­chen. Aufs Hunds­eck konnt sie schon gar nicht, das war ja die Höh­le des Lö­wen. In die Büh­ler­ta­ler Kirch könnt sie lau­fen und den Pfar­rer um Schutz bit­ten. Aber der würd Fra­gen stel­len. Wo­hin dann? Sie dreh­te und dreh­te sich, bis ihr ganz schwin­de­lig wur­de. Zur Berg­wacht! Der Frido­lin, der würd auf sie auf­pas­sen. Dass sie da nicht frü­her drauf­ge­kom­men war.

Sie schnür­te ih­re Schu­he, schul­ter­te den Ruck­sack und sah wie­der nach der Son­ne. Der Wie­den­fel­sen lag in ih­rem Rü­cken, der Bä­ren­stein west­lich da­von. Sie lief los. Vom Bä­ren­stein wür­de sie bald zum Kur­haus Sand ge­lan­gen, und von dort war es nicht mehr weit bis zur Berg­wacht­hüt­te, die auf hal­bem Weg zum Hunds­eck lag.

Bis zum Kur­haus be­geg­ne­te ihr kei­ne Men­schen­see­le. Aber dort hielt ge­ra­de der Post­bus, und ein paar Wan­de­rer stie­gen aus. Ein lus­ti­ger Ver­ein, drei Män­ner und zwei Frau­en. Ag­nes war­te­te. Falls sie in Rich­tung Hunds­eck mar­schier­ten, wür­de sie sich ih­nen an­schlie­ßen, aber lei­der schlu­gen sie den Weg nach Her­ren­wies ein.

Al­so ging sie al­lein wei­ter. Sie kam schnell vor­an, der Weg hat­te hier kaum noch Stei­gung. Als sie die Lam­bret­ta vor der Hüt­te ste­hen sah, at­me­te sie er­leich­tert aus. Jetzt war sie in Si­cher­heit.

Sie woll­te die Hüt­te um­run­den, um nach Frido­lin zu se­hen, als die­ser ihr ei­lig und ab­marsch­be­reit ent­ge­gen­kam. Er hielt das auf­ge­roll­te Seil und den Ruck­sack in der Hand. Sein Lä­cheln ließ ihr Herz hö­her­schla­gen.

„Ag­nes. Leg die Post aufs Fens­ter­brett. Wie schad, dass ich kei­ne Zeit hab. Am Bet­tel­manns­kopf hat’s ei­nen auf die Nas ge­legt.“Er schul­ter­te den Ruck­sack und roll­te sich das schwe­re Seil um Hüf­te und Schul­tern. „Hat sich’s Bein an ei­nem Zaun auf­ge­ris­sen. Ich muss so­fort los. Aber guck mal, wer da­hin­ten steht. Ges­tern hast ihn g’sucht, und heut ist er da. Ade dann! Bis bald, hoff ich.“

Wäh­rend er sich auf die Lam­bret­ta schwang und die Zün­dung ein­schal­te­te, lös­te sich Mon­sieur Pfis­ter aus dem Schat­ten der Hüt­te.

„Hal­lo, Fräu­lein Ag­nes. Ich ha­be schon nach Ih­nen ge­sucht.“

Er kipp­te sein fal­sches Lä­cheln wie ei­ne Fuh­re Mist über ihr aus. Sie schrie wie am Spieß. Aber der Lärm der knat­tern­den Lam­bret­ta er­stick­te den Schrei, und Frido­lin fuhr da­von, oh­ne sich nach ihr um­zu­dre­hen.

Büh­ler­hö­he

Nichts war von dem fri­schen Lüft­chen zu spü­ren, das Bras­sel für die Büh­ler­hö­he avi­siert hat­te. Ein blei­er­ner Him­mel auch hier, Ro­sa sehn­te das hef­ti­ge Ge­wit­ter, das die­ser ver­sprach, ge­nau­so her­bei wie ei­ne schnelle Rück­kehr nach Oma­rim. Sie fühl­te sich ge­schla­gen. Seit Ta­gen focht sie ge­gen Be­dro­hun­gen, oh­ne sa­gen zu kön­nen, wel­che da­von echt und wel­che falsch wa­ren. Wie ein Krebs­ge­schwür wu­cher­te das Miss­trau­en in ihr. Sie hat­te so­gar Nat­han – ih­ren Nat­han, den mit den zwei lin­ken Hän­den und Fü­ßen – ver­däch­tigt. Wie Don Quichot­te kämpf­te sie ge­gen Wind­müh­len, und jetzt hat­te sich ihr ein al­ter, ein­bei­ni­ger Mann als San­cho Pan­sa an­ge­dient.

Bras­sels An­ge­bot rühr­te sie, und sie hat­te sich auf­rich­tig da­für be­dankt, aber wie soll­te ihr der Staats­an­walt hel­fen? Er hat­te ih­ren Va­ter ge­kannt, er ver­ur­teil­te die Ju­den­ver­nich­tung. Reich­te das, um ihn ins Ver­trau­en zu zie­hen? Sie wuss­te es nicht. Des­halb lehn­te sie sei­ne Ein­la­dung, ei­ne er­fri­schen­de Li­mo­na­de auf der schat­ti­gen Ter­ras­se vor dem Wil­helm­turm zu trin­ken, ab. Sie muss­te al­lein sein.

Nach­dem sie aus dem Ta­xi ge­stie­gen wa­ren, schlug sie al­so nicht wie Bras­sel den Weg in Rich­tung Ho­tel ein, son­dern such­te sich ei­ne schat­ti­ge Bank im Park. Mit ei­nem Seuf­zer der Er­leich­te­rung zog sie sich die Schu­he von den auf­ge­quol­le­nen Fü­ßen und mal­te mit den Ze­hen Krei­se in den Kies. Sie schloss die Au­gen, und ei­ne Zeit lang war das sanf­te Dun­kel wohl­tu­end, aber dann wir­bel­ten ihr die Er­eig­nis­se der letz­ten Ta­ge durch den Kopf. Al­so öff­ne­te sie die Au­gen wie­der. Sie ließ den Blick über den in der Hit­ze dö­sen­den Park glei­ten und rich­te­te ihn dann auf die Tau­ben, die kei­ne drei Me­ter von ihr ent­fernt im Kies scharr­ten. Fünf wa­ren es, und es kam Ro­sa sinn­los vor, dass sie ih­re ner­vö­sen, im­mer vor und zu­rück zu­cken­den Köp­fe auf den Bo­den rich­te­ten und mit den sil­ber­grau­en Schnä­beln zwi­schen den St­ei­nen nach Ess­ba­rem such­ten. Sie ver­stand nicht, war­um sie plötz­lich al­le wie auf Kom­man­do auf­flo­gen, sich drei von ih­nen auf die lee­re Bank rechts von ihr und zwei auf die Äs­te ei­ner ver­krüp­pel­ten Tan­ne setz­ten, erst zwei und we­nig spä­ter al­le wie­der zu­rück­kehr­ten. War­um sie jetzt nicht mehr pick­ten, son­dern sie aus den win­zi­gen schwar­zen Au­gen mit wei­ter­hin zu­cken­den Be­we­gun­gen an­starr­ten. Sie ver­stand über­haupt nichts.

Sie quetsch­te die Fü­ße zu­rück in die Pumps, zupf­te sich das schweiß­ver­kleb­te Kleid von den Ober­schen­keln und zwang sich auf­zu­ste­hen. Ein paar Mi­nu­ten spä­ter trat sie durch das Tor in den In­nen­hof. Sie re­gis­trier­te die St­ei­ne auf dem Brun­nen­rand, so wie man Ve­rän­de­run­gen an all­täg­li­chen Din­gen eher un­be­wusst denn be­wusst wahr­nimmt. Sie hät­te sie nicht wei­ter be­ach­tet, wä­ren sie nicht py­ra­mi­den­för­mig auf­ge­schich­tet ge­we­sen, und als sie beim Nä­her­tre­ten un­ter den St­ei­nen ei­ne Fe­der ent­deck­te, wuss­te sie, dass Wal­burg im In­nen­hof ge­we­sen war. In ih­rem Glücks­som­mer war es ei­nes ih­rer Lieb­lings­spie­le ge­we­sen, sich mit Hil­fe sol­cher Zei­chen zu su­chen. Wal­burgs Zei­chen war die Py­ra­mi­de mit der Fe­der. Au­to­ma­tisch leg­te Ro­sa die St­ei­ne zu ei­nem Drei­eck, ih­rem Zei­chen. Es über­rasch­te Ro­sa, dass Wal­burg das Ho­tel­ge­län­de be­tre­ten hat­te. Frü­her hat­te sie sich von Ra­chel und ihr im­mer weit vor dem Tor mit dem stei­ner­nen Ad­ler ver­ab­schie­det, weil ihr das „Schloss“, wie sie die Büh­ler­hö­he nann­te, nicht ge­heu­er war.

Die Ni­sche der Rund­hal­le, in der die Po­li­zis­ten heu­te Mor­gen auf sie ge­war­tet hat­ten, war leer. Nur ein ein­zi­ger äl­te­rer Herr blät­ter­te in der Ni­sche da­ne­ben in ei­ner Zei­tung. Der Hit­ze we­gen wa­ren die Tü­ren zur Hirsch­ter­ras­se ge­schlos­sen und die Vor­hän­ge zu­ge­zo­gen. Ro­sa ging zur Re­zep­ti­on und griff nach dem Schlüs­sel, den die Haus­da­me bei ih­rem Ein­tre­ten gleich für sie be­reit­ge­legt hat­te.

Fort­set­zung folgt

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