Pro­test ge­gen die „Fe­s­tung Eu­ro­pa“

Kund­ge­bung vor Ab­schie­be­knast / Mensch­li­che Flücht­lings­po­li­tik ge­for­dert

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Jür­gen Pe­che

Als Teil eu­ro­pa­wei­ter Pro­tes­te ge­gen die Ab­schot­tung Eu­ro­pas in der Flücht­lings­po­li­tik gab es ges­tern auch in Pforz­heim ei­ne De­mons­tra­ti­on, bei der über 60 Teil­neh­mer vom Haupt­bahn­hof durch die In­nen­stadt und dann zur Ab­schie­be­haft­an­stalt in der Rohr­stra­ße zo­gen, wo ei­ne Kund­ge­bung statt­fand. Dort saß kürz­lich für zwei Ta­ge ein Mann mit tür­kisch-af­gha­ni­schen Wur­zeln ein, des­sen Ab­schie­bung nach Af­gha­nis­tan das Ver­wal­tungs­ge­richt in letz­ter Mi­nu­te ver­hin­der­te.

Die frü­he­re Pforz­hei­mer Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te der Lin­ken und jet­zi­ge men­schen­recht­li­che Spre­che­rin ih­rer Frak­ti­on, An­net­te Groth, for­der­te ei­nen le­ga­len Zu­gang für Men­schen nach Deutsch­land und Eu­ro­pa, die vor Ter­ro­ris­mus und Krieg flüch­ten müs­sen. Die der­zei­ti­gen Ab­schie­bun­gen nach Af­gha­nis­tan be­zeich­ne­te sie als „Ver­bre­chen“, an­ge­sichts der dor­ti­gen 11 400 zi­vi­len Op­fer im ver­gan­ge­nen Jahr. Die Ver­an­stal­tung ver­lief fried­lich und oh­ne Zwi­schen­fäl­le. Die Po­li­zei war mit Dut­zen­den Fahr­zeu­gen und Be­am­ten vor Ort. Die Or­ga­ni­sa­to­ren der De­mons­tra­ti­on, die Karls­ru­her Ak­ti­on Kol­lek­tiv Thea­tral (AKT), for­dern si­che­re Flucht­we­ge, Rück­nah­me al­ler Asyl­rechts­ver­schär­fun­gen, die Auf­he­bung des EU-Tür­keiDe­als und Blei­be­recht für al­le Ge­flüch­te­ten. Schon beim Treff­punkt vor dem Bahn­hof war­ben De­mons­tran­ten bei Pas­san­ten mit Fly­ern für ih­re Zie­le und ga­ben ein State­ment ab, „ge­gen die vor­an­schrei­ten­de Pra­xis, Eu­ro­pa zu ei­ner Fe­s­tung ge­gen Flücht­lin­ge aus­zu­bau­en“. Beim Zug durch die weit­ge­hend men­schen­lee­re Fuß­gän­ger­zo­ne skan­dier­ten die Teil­neh­mer, Mi­gra­ti­on sei kein Ver­bre­chen und for­der­ten schnelle In­te­gra­ti­on in Aus­bil­dung und Ar­beit und ei­ne mensch­li­che Asyl­po­li­tik. Der Ruf „Kein Mensch ist il­le­gal“war im­mer wie­der zu hö­ren, oder auch „Ab­schie­bung ist Fol­ter, Ab­schie­bung ist Mord“.

An der End­sta­ti­on Knast ver­sam­mel­ten sich die De­mons­tran­ten vor der mit Mau­er und St­a­chel­draht ge­schütz­ten Ein­rich­tung, die sym­bol­haft für an­de­re Ab­schot­tun­gen ste­hen: die Zäu­ne auf der Bal­kan­rou­te, die Zäu­ne um die spa­ni­schen Ex­kla­ven Nord­afri­kas und die Flücht­lings­la­ger in Sy­ri­en.

Seán McGin­ley (Flücht­lings­rat Ba­denWürt­tem­berg) be­zeich­ne­te den Ab­schie­be­knast in Pforz­heim als Teil der Fe­s­tung Eu­ro­pa. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Ba­den-Würt­tem­berg in Mann­heim hat die ge­plan­te Ab­schie­bung ei­nes Va­ters zwei­er min­der­jäh­ri­ger Kin­der, der dort für zwei Ta­ge war, vor­läu­fig ge­stoppt. Das Ge­richt ent­schied, der An­trag­stel­ler sei in Deutsch­land zu­nächst zu dul­den. Die Rich­ter be­zo­gen sich auf das Grund­recht auf Schutz von Ehe und Fa­mi­lie. Bei ei­ner Ab­schie­bung nach Af­gha­nis­tan wä­re sorg­fäl­tig zu prü­fen ge­we­sen, wel­che Fol­gen die Ab­schie­bung für die Fa­mi­lie hat. Das sei of­fen­sicht­lich nicht er­folgt.

Groth war 2015 auf der Bal­kan­rou­te un­ter­wegs, um das Elend der Flücht­lin­ge haut­nah zu er­le­ben: „Ich war er­schro­cken und ent­setzt.“Die 100 Mil­lio­nen Eu­ro, die Deutsch­land täg­lich für Rüs­tung auf­wen­de, kön­ne man bes­ser ge­gen So­zi­al­ab­bau und für Mi­gran­ten ein­set­zen. Um wirk­lich et­was ge­gen die Flucht­ur­sa­chen zu tun, sol­le man mit ei­nem Stopp der Waf­fen­ex­por­te an­fan­gen.

Ab­schie­bung ei­nes Va­ters in letz­ter Mi­nu­te ge­stoppt

RUND 60 TEIL­NEH­MER de­mons­trier­ten ges­tern Mit­tag in Pforz­heim ge­gen die Ab­schot­tung Eu­ro­pas in der Flücht­lings­po­li­tik. Sie for­der­ten die Rück­nah­me al­ler Asyl­rechts­ver­schär­fun­gen. Fo­to: Pe­che

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