Ver­fem­te Or­gel­mu­sik und al­te Meis­ter

Kon­zert mit „Ge­schichts­stun­de“zum 23. Fe­bru­ar 1945 in der Au­fer­ste­hungs­kir­che

Pforzheimer Kurier - - KULTUR IN PFORZHEIM -

Ei­ne hoch­in­ter­es­san­te Ver­an­stal­tung fand am Sams­tag­abend in der Au­fer­ste­hungs­kir­che statt. Zum Ab­schluss der Sa­nie­rung der Wal­cker-Or­gel und be­wusst in zeit­li­cher Nä­he zum 23. Fe­bru­ar 1945, der Zer­stö­rung Pforz­heims, spiel­te Micha­el Ger­hard Kauf­mann Wer­ke von Dietrich Bux­te­hu­de bis zu Ce­sar Bres­gen und Wolf­gang Fort­ner. Kauf­mann ist un­ter an­de­rem Pro­fes­sor für Kir­chen­mu­sik und Or­gel­sach­ver­stän­di­ger der Ba­di­schen Lan­des­kir­che. Als Mu­sik­wis­sen­schaft­ler be­schäf­tigt er sich seit Jahr­zehn­ten mit dem The­ma „Or­gel und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“. Er zeig­te in Wort und Bild, wel­che Aus­ma­ße das im Drit­ten Reich an­ge­nom­men hat­te. Sein Vor­trag war in vier Punk­te un­ter­teilt, der ers­te war „Al­te Meis­ter des Or­gel­spiels“.

Zu­erst er­klang von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach „Al­la bre­ve in D“BWV 589, dann von Lud­wig Bos­let zwei Sät­ze aus ei­ner Be­ar­bei­tung des Kon­zerts F-Dur für Or­gel und Orches­ter op. 4 Nr. 5 von Ge­org Fried­rich Hän­del. Es folg­te mit be­mer­kens­wer­tem Pe­dal­spiel das Prä­lu­di­um in C von Ge­org Böhm.

Der zwei­te Punkt von Kauf­manns Er­läu­te­run­gen ‚ „Or­gel­mu­sik für die na­tio­nal-so­zia­lis­ti­sche Fei­er­stun­de“um­fass­te ne­ben den Stü­cken von Hein­rich Spit­ta, Bres­gen und Fort­ner auch Bil­der von Kirch­bau­ten, zum Bei­spiel der ‚Hin­den­burg Ge­dächt­nis­kir­che‘ in Stet­ten am kal­ten Markt. Die­se Kir­che wur­de auch von Ot­to Bart­ning, dem Ar­chi­tek­ten der Au­fer­ste­hungs­kir­che ge­baut. Sie zeigt schon die Merk­ma­le, die in vie­len von Bart­ning ge­bau­ten (Not)Kir­chen zu se­hen sind, Holz­de­cke und klei­ne Fens­ter. Er er­wähn­te auch die Wal­cker-Or­gel, die 1936 zum Reichs­par­tei­tag in Nürn­berg ge­baut wur­de, mit fünf Ma­nua­len und mehr als 16 000 Pfei­fen, und er zeig­te ein Bild mit Gün­ther Ra­min, dem Tho­mas­kan­tor bei der Pro­be am Spiel­tisch. Die Mu­sik der Ro­man­tik im drit­ten Teil, „Mu­sik der Ver­falls­zeit“, war ver­femt, galt als zu weich oder zu ka­tho­lisch wie das von Kauf­mann ge­spiel­te Werk von Jo­sef Rhein­ber­ger, auch die Mu­sik von Sig­frid Karg-Elert und ganz be­son­ders die „jü­di­sche“Mu­sik von Fe­lix Men­dels­sohn-Bar­thol­dy. Auch wur­den Lie­der um­ge­tex­tet oder neue Ver­se hin­zu­ge­fügt, wie bei „Gro­ßer Gott, wir lo­ben Dich“, na­tür­lich mit „völ­ki­schem“Text. Die Mu­sik klingt he­ro­isch, viel in do­ri­scher Ton­art, aber mit fal­schen Tö­nen, es soll­te mo­dern klin­gen. Die Her­ren Bres­gen, Spit­ta und Fort­ner ver­ga­ßen ih­re Kom­po­si­tio­nen für das „Tau­send­jäh­ri­ge Reich“spä­ter oder füg­ten an­de­re Kom­po­si­tio­nen un­ter der Opus­zahl ein. Zum Schluss des span­nen­den Vor­trags spiel­te Kauf­mann ein Ma­gni­fi­cat von Bux­te­hu­de und Jo­hann Se­bas­ti­an Bach, in der ech­ten do­ri­schen Ton­art im Ge­gen­satz zum „Na­zi do­risch“. Die Zu­hö­rer wa­ren sehr be­ein­druckt und spen­de­ten viel Bei­fall. Chris­ti­an Hen­rich

AN DER WAL­CKER-OR­GEL gab Micha­el Ger­hard Kauf­mann ein Kon­zert mit ei­nem span­nen­den Ex­kurs in das The­ma Or­gel und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Fo­to: Wa­cker

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