Le­ben schlägt „La La Land“

ANDREAS JÜTTNER

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

Was wird von den Os­cars 2017 in Er­in­ne­rung blei­ben? Die Mel­dun­gen und Kommentare im In­ter­net ges­tern dreh­ten sich vor al­lem um die bi­zar­re Pan­ne beim Fi­na­le, als der bes­te Film ge­krönt wer­den soll­te und zu­nächst der fal­sche Ti­tel ge­nannt wur­de. Und was auch im­mer der Grund da­für war, dass Prä­sen­ta­tor War­ren Be­at­ty statt des Um­schlags für den bes­ten Film den Er­satz­um­schlag für die bes­te Schau­spie­le­rin in die Hand ge­drückt be­kom­men hat­te – der Vor­fall dürf­te ein St­a­chel im Fleisch der auf Per­fek­ti­on ge­trimm­tem Traum­fa­brik blei­ben.

Gleich­wohl pass­te der Feh­ler zur be­son­de­ren Stim­mung die­ser Os­car-Nacht. Nach den Pro­tes­ten im ver­gan­ge­nen Jahr, als es nur wei­ße Preis­trä­ger gab, war die größ­te Selbst­in­sze­nie­rung der Film­bran­che dies­mal von vorn­her­ein auf Viel­sei­tig­keit und ge­sell­schaft­li­ches Mit­ein­an­der aus­ge­legt – bis hin zu dem Ein­fall der Show­re­gie, ein gu­tes Dut­zend Tou­ris­ten von ei­nem Sight­see­ing-Bus di­rekt in die Ver­lei­hung zu lot­sen und sie als Stell­ver­tre­ter der „klei­nen Leu­te“den Stars die Hän­de schüt­teln zu las­sen.

In­so­fern kann man es auch als dra­ma­tisch-ge­nia­le Schluss­poin­te des Schick­sals ein­stu­fen, dass zu­nächst der „wei­ße“, auf per­fek­tes En­ter­tain­ment ge­trimm­te Abräu­mer­film „La La Land“zu tri­um­phie­ren schien und dann doch dem Au­ßen­sei­ter „Moon­light“den Vor­tritt las­sen

muss­te. Denn das für ge­ra­de mal 1,5 Mil­lio­nen Dol­lar ge­dreh­te Low-Bud­ge­tDra­ma um den Le­bens­weg ei­nes jun­gen Schwar­zen, der mit der Ge­sell­schaft und sei­ner ei­ge­nen Se­xua­li­tät ringt, ent­spricht ge­nau der Öff­nung für ge­sell­schaft­li­che The­men und le­bens­na­he Er­zäh­lun­gen, die sich die Film­aka­de­mie auf die Fah­nen ge­schrie­ben hat­te.

Aus die­ser Per­spek­ti­ve hät­te auch ein Os­car für „To­ni Erd­mann“ge­passt: Der Film von Ma­ren Ade wird zu Recht da­für ge­fei­ert, dass er den Ein­druck er­weckt, dem tat­säch­li­chen Le­ben zu­zu­schau­en – und zwar bei Er­eig­nis­sen von so schmerz­li­cher Ko­mik, dass her­kömm­li­che Fil­me sie meist aus­blen­den. Aber nach dem skan­da­lö­sen Ein­rei­sestopp der US-Re­gie­rung konn­te die glo­bal aus­ge­rich­te­te Film­bran­che wohl gar nicht an­ders, als den ira­ni­schen Film „The Sa­les­man“mit dem Aus­lands-Os­car aus­zu­zeich­nen. Der ist nicht nur eben­falls ein her­aus­ra­gen­des Werk, son­dern ver­lieh der Os­car-Ga­la noch den sym­bol­kräf­ti­gen Mo­ment, durch die Aus­zeich­nung ei­nes Ab­we­sen­den zu zei­gen, welch be­rei­chern­dem Aus­tausch sich ein Land ver­sagt, das be­stimm­te Kul­tur­krei­se prin­zi­pi­ell aus­schließt.

Was die Os­cars 2017 ge­prägt hat, war das ve­he­men­te Ein­tre­ten für Ge­mein­sam­keit und ge­gen Aus­gren­zung. Der Feh­ler im Fi­na­le war in­so­fern nicht nur ei­ne Pan­ne, son­dern auch ei­ne Po­in­te.

Pan­ne im Os­cars-Fi­na­le war dra­ma­ti­sche Po­in­te

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