Denk­wür­di­ges En­de ei­ner Ga­la

Os­cars: Po­li­ti­sche State­ments und Pan­ne / In­de­pen­dent-Preis für Ade

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ei­ne Vier­tel­stun­de, be­vor mit den Film­mu­sik-Os­cars der Preis­rei­gen für „La La Land“be­gann, war die Hoff­nung auf ei­nen „deut­schen“Os­car für „To­ni Erd­mann“schon vor­bei: Der Preis für den bes­ten nicht-eng­lisch­spra­chi­gen Film wur­de knapp 90 Mi­nu­ten nach Be­ginn der Ga­la im Dol­by Thea­t­re von Los An­ge­les ver­ge­ben. Er ging an den ira­ni­schen Film „The Sa­les­man“, des­sen Re­gis­seur As­ghar Far­ha­di schon im Vor­feld sei­ne Teil­nah­me an der Ga­la ab­ge­sagt hat­te. „Mei­ne Ab­we­sen­heit ge­schieht aus Re­spekt vor den Ein­woh­nern mei­nes Lan­des und den sechs an­de­ren Län­dern, de­nen durch den un­mensch­li­chen Ein­rei­sestopp in die USA Ver­ach­tung ent­ge­gen ge­bracht wird“, ließ der be­reits 2012 mit ei­nem Os­car prä­mier­te Re­gis­seur durch ei­ne Ver­tre­te­rin ver­le­sen. Wer die Welt in Ka­te­go­ri­en von „Wir“und „un­se­re Fein­de“ein­tei­le, schaf­fe Angst und schü­re Krieg, hieß es in der Stel­lung­nah­me wei­ter. Fil­me­ma­cher hin­ge­gen kre­ierten Em­pa­thie, die heu­te mehr denn je not­wen­dig sei. Zu­vor hat­ten al­le fünf no­mi­nier­ten Re­gis­seu­re, dar­un­ter auch die mit „To­ni Erd­mann“no­mi­nier­te Ma­ren Ade, in ei­nem ge­mein­sa­men Brief das „fa­schis­ti­sche und na­tio­na­lis­ti­sche Kli­ma, das wir der- zeit in den USA er- le­ben“, ver­ur­teilt.

Po­li­ti­sche State­ments gab es auch von der Büh­ne – wo­bei der in Hol­ly­wood äu­ßerst un­be­lieb­te neue US-Prä­si­dent nur sel­ten di­rekt aufs Korn ge­nom­men wur­de, et­wa als Mo­de­ra­tor Jim­my Kim­mel sich über Trumps Twit­ter-Ma­nie mo­kier­te, die sich vor al­lem wäh­rend des­sen „Stuhl­gang mor­gens um fünf“zei­ge. Die meis­ten Preis­trä­ger zo­gen es vor, für Ge­mein­sam­keit zu plä­die­ren statt Aus­gren­zung zu at­ta­ckie­ren. Die 51-jäh­ri­ge Afro­ame­ri­ka­ne­rin Vio­la Da­vis nutz­te ih­ren Os­car als bes­te Ne­ben­dar­stel­le­rin („Fen­ces“) für ei­ne flam­men­des Plä­doy­er für den Wert je­des ein­zel­nen Le­bens: Auf die Fra­ge, wel­che Ge­schich­ten sie als Schau­spie­le­rin er­zäh­len wol­le, sa­ge sie im­mer: „Gr­abt die Lei­chen aus, gr­abt die Ge­schich­ten aus, die Ge­schich­ten de­rer, die ge­träumt ha­ben“. Sie sei aus die­sem Im­puls Künst­le­rin ge­wor­den, „und Gott sei Dank ist es so ge­kom­men, denn es ist der ein­zi­ge Be­ruf, der fei­ert, was es be­deu­tet, ein Le­ben zu le­ben.“

Auch der Preis für den bes­ten Ne­ben­dar­stel­ler war an ei­nen Schwar­zen ge­gan­gen – mit Ma­hers­ha­la Ali („Moon­light“) er­hielt zu­dem erst­mals ein mus­li­mi­scher Schau­spie­ler ei­nen Os­car, wie US-Me­di­en be­rich­te­ten. Die schwar­zen Dreh­buch­au­to­ren von „Moon­light“, Re­gis­seur Bar­ry Jenk­ins und Ta­rell Al­vin McCra­ney, er­hiel­ten den Os­car für das bes­te ad­ap­tier­te Dreh­buch.

Doch be­vor Bar­ry Jenk­ins sich auch für die Krö­nung in der Ka­te­go­rie „Bes­ter Film“be­dan­ken konn­te, gab es ei­ne Pan­ne, die das Pu­bli­kum im Saal und welt­weit an den Bild­schir­men elek­tri­sier­te: War­ren Be­at­ty und Faye Du­na­way soll­ten den Ge­win­ner ver­kün­den, und nach ei­ner schein­ba­ren Kunst­pau­se von War­ren Be­at­ty, der den Um­schlag öff­ne­te und den Zet­tel rat­los an­schau­te, nann­te Faye Du­na­way den dar­auf ste­hen­den Film­ti­tel: „La La Land“. Das Mu­si­cal war mit 14 No­mi­nie­run­gen gro­ßer Fa­vo­rit des Abends und hat­te be­reits sechs Prei­se ge­won­nen, dar­un­ter den für die bes­te Re­gie (Da­ziel Cha­pel­le) und die bes­te Haupt­dar­stel­le­rin (Em­ma Sto­ne). Of­fen­bar war der Um­schlag für Sto­nes Aus­zeich­nung – von al­len Um­schlä­gen gibt es aus Si­cher­heits­grün­den Du­pli­ka­te – irr­tüm­lich an Be­at­ty über­ge­ben wor­den. Wäh­rend Jor­dan Ho­ro­witz, Pro­du­zent von „La La Land“, be­reits die Dan­kes­re­de hielt, wur­de im Hin­ter­grund er­regt dis­ku­tiert und dann der wah­re Ge­win­ner ver­kün­det.

Freu­en konn­ten sich im Lauf der Ga­la un­ter an­de­rem auch Ca­sey Af­f­leck (der jün­ge­re Bru­der von Ben Af­f­leck wur­de für „Man­ches­ter by the Sea“als bes­ter Haupt­dar­stel­ler prä­miert), sein Re­gis­seur Ken­neth Lo­n­er­gan (der für sein Ori­gi­nal-Dreh­buch zu „Man­ches­ter by the Sea“aus­ge­zeich­net wur­de) und die Ma­cher des Ani­ma­ti­ons­films „Zoo­ma­nia“(die in ih­rer Dan­kes­re­de den Wert von To­le­ranz be­schwo­ren).

Die ge­bür­ti­ge Karls­ru­he­rin Ma­ren Ade kehrt oh­ne Os­car, aber mit dem „In­de­pen­dent Spi­rit Award“nach Deutsch­land zu­rück: Sie hat­te die­sen Preis ei­nen Tag vor der Os­car-Ga­la in San­ta Mo­ni­ca er­hal­ten. Prä­miert wer­den mit die­ser Aus­zeich­nung jähr­lich Fil­me, die nicht mehr als 20 Mil­lio­nen Dol­lar ge­kos­tet ha­ben – Ades welt­weit er­folg­rei­che Tra­gi­ko­mö­die „To­ni Erd­mann“hat­te ein Bud­get von drei Mil­lio­nen Eu­ro. Der mit 1,5 Mil­lio­nen Dol­lar so­gar noch „güns­ti­ge­re“Über­ra­schungs­sie­ger „Moon­light“wur­de bei den Spi­rit Awards in fünf Ka­te­go­ri­en aus­ge­zeich­net.

Es sei ei­ne gro­ße Eh­re, die­sen Preis zu ge­win­nen, sag­te Ade bei den Spi­rit Awards – be­son­ders als weib­li­che Re­gis­seu­rin sei sie stolz dar­auf. „Das ist noch lan­ge nicht nor­mal ge­nug“, sag­te sie mit Blick auf die ge­rin­ge Zahl von Fil­me­ma­che­rin­nen, die für Re­gie­prei­se no­mi­niert wer­den. Vor Be­ginn der Os­car-Ga­la be­ton­te sie ih­re Freu­de: Die Film­aka­de­mie ma­che es mit den zahl­rei­chen Ver­an­stal­tun­gen schon im Vor­feld so toll, dass man „sich wie ein Ge­win­ner fühlt“. Sie räum­te im In­ter­view mit der Deut­schen Pres­se-Agen­tur aber auch ein, dass ihr der mo­na­te­lan­ge Rum­mel um den Film all­mäh­lich rei­che. Ganz vor­bei ist das Preis­ren­nen für den mitt­ler­wei­le mit 25 Prei­sen ver­se­he­nen „To­ni Erd­mann“al­ler­dings noch nicht: Am 28. April wird der Deut­sche Film­preis ver­lie­hen.

Der im De­zem­ber auf DVD ver­öf­fent­lich­te Film ist seit ges­tern beim Strea­m­ing­dienst Ama­zon Pri­me Vi­deo zu se­hen. Ei­nem Spre­cher des mit­pro­du­zie­ren­den Süd­west­rund­funks (SWR) zu­fol­ge wird er nicht vor 2018 im frei emp­fang­ba­ren Fern­se­hen zu se­hen sein. Die Pre­mie­re er­folgt bei Ar­te, da­nach kommt er ins Ers­te. Andreas Jüttner

STAUNEN UND JUBEL: Die­ses Fo­to des „Moon­light“-Teams im Mo­ment der über­ra­schen­den Ge­win­ner-Be­kannt­ga­be zeigt auch Ma­ren Ade (Zwei­te von links) zwi­schen ih­rer Pro­du­zen­tin Ja­ni­ne Jackow­ski und ih­rem Haupt­dar­stel­ler Pe­ter Si­mo­ni­schek. Fo­to: dpa

ZU FRÜH GEFREUT: Jor­dan Ho­ro­witz (links), „La La Land“-Pro­du­zent, zeigt den wah­ren Ge­winn­erzet­tel. Fo­to: dpa

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