„Sprit“für den Früh­ling

Bal­zen, Sin­gen, Bau­en: Lang­sam weicht der Win­ter

Pforzheimer Kurier - - WISSENSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Wolf­gang Run­ge

Karls­ru­he. Noch sind die Wäl­der kahl und die Na­tur wirkt nach dem lan­gen Win­ter wie er­starrt. Doch wer ge­nau hin­schaut, kann die ers­ten Früh­lings­bo­ten ent­de­cken. „Ob­wohl es drau­ßen noch kalt ist, ha­ben die Vö­gel schon Früh­lings­ge­füh­le und su­chen nach Nist­mög­lich­kei­ten“, sag­te Eva Go­ris von der Deut­schen Wild­tier Stif­tung. „Das Lie­bes­ge­flüs­ter der Vö­gel, die schon in den frü­hen Mor­gen­stun­den ihr Pie­pKon­zert star­ten, ist we­ni­ger von der Tem­pe­ra­tur als vom Licht ab­hän­gig.“Da­bei sin­gen Vö­gel nicht aus Freu­de am Sin­gen: „Die Männ­chen wol­len mit dem Ge­sang Weib­chen an­lo­cken, aber sie sin­gen auch, um an­de­ren Männ­chen ge­gen­über ihr Re­vier ab­zu­ste­cken“, sag­te Go­ris.

„Das Licht bringt den Hor­mon­haus­halt der klei­nen Vö­gel in Schwung“, er­klär­te der Bio­lo­ge Die­ter Mar­tin. Er sieht in ei­ner Vo­gel­hoch­zeit „durch­aus ko­mi­sche Aspek­te“. So zeig­ten die Männ­chen grund­sätz­lich ein ty­pi­sches An­ge­ber­ver­hal­ten. „Herr Spatz wirbt mit mo­no­to­nem Schil­pen und dem so­ge­nann­ten Spat­zen-Tanz um das Weib­chen.“Mei­sen zeig­ten den Weib­chen ih­re Brust und schau­kel­ten an­ge­be­risch mit dem Kör­per hin und her, sag­te der Bio­lo­ge. „Dann stellt der Mei­sen-Mann die Schwanz­fe­dern auf und trip­pelt laut sin­gend zur Sei­te, bis das Weib­chen um Fut­ter bet­telt und da­mit si­gna­li­siert: „Mach mir ein Ei“.“

Ent­schei­dend bei der Part­ner­wahl sei der Nist­platz. „Wer das schöns­te Haus be­sitzt, hat auch die größ­ten Chan­cen.“Da­für tra­gen Sta­ren-Männ­chen so­gar Hal­me und Blü­ten ins Nest. Zu­dem scheint die Lie­be auch bei man­chen Vö­geln durch den Ma­gen zu ge­hen: „Männ­li­che Rot­kehl­chen füt­tern das Weib­chen wäh­rend der Balz“, sag­te Mar­tin. Auch In­sek­ten spü­ren den Früh­ling be­reits: Mit den ers­ten war­men Son­nen­strah­len sei­en die Hum­mel-Kö­ni­gin­nen aus dem Win­ter­schlaf er­wacht, sag­te Wild­bie­nen-Ex­per­te Ma­nu­el Pütz­stück. „Hum­meln kön­nen be­reits bei ei­ner Au­ßen­tem­pe­ra­tur von zwei Grad flie­gen.“Als „Sprit“nut­zen sie ei­ne Ex­tra­por­ti­on Nekt­ar, den sie in ih­rer Ho­nig­bla­se ge­spei­chert ha­ben. „Mit die­ser Ener­gie­quel­le zit­tert sich die Hum­mel warm, bis sich der klei­ne Kör­per auf 30 Grad er­wärmt hat“, er­klär­te Pütz­stück.

Bie­nen wag­ten den ers­ten Aus­flug erst bei Tem­pe­ra­tu­ren von et­wa zehn Grad, er­gänz­te der Bio­lo­ge Peer Cy­riacks. Auch Erd­krö­ten er­wa­chen dann aus ih­rer Win­ter­star­re und ver­las­sen ih­re Schlum­mer­höh­len. „Wenn die Tem­pe­ra­tur meh­re­re Ta­ge über fünf Grad liegt, wan­dern sie in ih­re Laich­ge­wäs­ser“, sag­te Cy­riacks. „Un­ter­wegs tref­fen die Krö­ten-Da­men ih­re Prin­zen.“Die Au­ser­wähl­ten

Tie­ri­sche Früh­lings­ge­füh­le

zö­ger­ten nicht lan­ge: „Ruck­zuck klet­tern sie auf den Rü­cken der Weib­chen und las­sen sich von die­sen zum nächs­ten Ge­wäs­ser tra­gen“, sag­te Je­ni­fer Cal­vi von der Deut­schen Wild­tier Stif­tung. Dort be­ginnt die Fort­pflan­zung der Erd­krö­ten. Nach dem Laich­vor­gang „ge­hen Herr und Frau Krö­te wie­der ge­trenn­te We­ge“. Auch die ers­ten Win­ter­schlä­fer wie Igel und Feld­hams­ter er­wa­chen in die­sen Ta­gen und ver­las­sen ih­re Schlaf­stät­ten. „Al­le Win­ter­schlä­fer ha­ben vor al­lem eins: ei­nen Bä­ren­hun­ger“, sag­te Eva Go­ris. „Im Schlaf ha­ben sie je­de Men­ge Kör­per­ge­wicht ver­lo­ren und müs­sen im Früh­jahr kräf­tig zu­le­gen.“Das sei je­doch nicht ein­fach, da in der Na­tur der­zeit noch we­nig Fut­ter zu ho­len ist. 10 000 Ki­lo­me­ter süd­lich in Afri­ka be­kom­men auch die Schrei­ad­ler in die­sen Ta­gen „Früh­lings­ge­füh­le“. Rund 110 Brut­paa­re der in Deutsch­land vom Auss­ter­ben be­droh­ten Greif­vö­gel star­ten zum Rück­flug in ih­re Brut­wäl­der in Bran­den­burg und Meck­len­burg-Vor­pom­mern, wie der Bio­lo­ge Andreas Kin­ser sag­te. Der Rück­flug der „Pom­mer­nad­ler“kann un­ter www.schrei­ad­ler.org ver­folgt wer­den.

GEFÄHRLICHER DRANG: Auch Krö­ten er­wa­chen lang­sam aus ih­rer Win­ter­star­re und wan­dern zu ih­rem Laich­ge­wäs­ser. Un­ter­wegs tref­fen die Krö­ten-Da­men ih­re Prin­zen. Nach dem Laich­vor­gang ge­hen Herr und Frau Krö­te wie­der ge­trenn­te We­ge. Fo­to: dpa

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