96. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - Fort­set­zung folgt

„Hat Wal­burg Rhein­schmidt nach mir ge­fragt?“

Die Haus­da­me nick­te kurz, dann beug­te sie sich über den Tre­sen und flüs­ter­te: „Wenn ich Sie um ei­nes bit­ten darf, gnä­di­ge Frau: Ver­ab­re­den Sie sich mit die­ser Per­son nicht in un­se­rem Hau­se. Es hat St­un­den ge­dau­ert und ein gan­zes Fläsch­chen Eau de La­van­de ge­kos­tet, um ih­re fuch­si­gen Aus­düns­tun­gen zu ver­trei­ben. So et­was kann ich un­se­ren Gäs­ten nicht noch ein­mal zu­mu­ten.“

Es muss­te et­was ge­sche­hen sein, sonst hät­te sich Wal­burg nie­mals in die Büh­ler­hö­he ge­wagt. Ro­sa konn­te sich ge­nau vor­stel­len, wie un­si­cher und ner­vös sie ge­we­sen sein muss­te, als sie hier an der Re­zep­ti­on stand. Ein ge­fun­de­nes Fres­sen für die Rei­sacher.

„Stel­len Sie mir so­fort ei­ne Te­le­fon­ver­bin­dung zum Hunds­eck her“, fuhr sie die Haus­da­me an.

Wal­burg im Wald zu fin­den war ein Ding der Un­mög­lich­keit. Aber viel­leicht wuss­te Ag­nes, was pas­siert war. Das Te­le­fon in Ka­bi­ne zwei klin­gel­te, Ro­sa nahm den Hö­rer ab, Hart­mann war am Ap­pa­rat. Nein, Fräu­lein Ag­nes sei nicht im Hau­se, er kön­ne nicht sa­gen, wann sie zu­rück­kom­me, ih­re Mut­ter ha­be sie krank­ge­mel­det. Kei­ne be­ru­hi­gen­den Nach­rich­ten. Aber mehr konn­te Ro­sa im Au­gen­blick nicht tun. Sie muss­te war­ten, bis Wal­burg wie­der­kam. Sie frag­te nach Ag­nes’ Adres­se. Dann leg­te sie den Hö­rer auf und ver­ließ die Ka­bi­ne.

„Ich will um­ge­hend in­for­miert wer­den, falls Wal­burg Rhein­schmidt noch ein­mal her­kommt.“

„Selbst­ver­ständ­lich“, zisch­te die Haus­da­me mit gra­ni­tener Miss­bil­li­gung im Blick.

Mit ei­nem Mal koch­te die lang un­ter­drück­te Em­pö­rung über das Ver­hal­ten der Haus­da­me in Ro­sa über. Was bil­de­te sich die­se Frau ei­gent­lich ein? Be­han­del­te sie von oben her­ab, ver­folg­te sie mit ih­rem blin­den Hass, hetz­te ihr durch ei­ne Fal­sch­aus­sa­ge die Po­li­zei auf den Hals, und jetzt schrieb sie ihr noch vor, wen sie hier emp­fan­gen durf­te. „Und küm­mern Sie sich ge­fäl­ligst um Ih­re ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten“, zisch­te Ro­sa zu­rück. „Ich emp­feh­le Ih­nen, die An­zei­gen­sei­te der Neu­en Zürcher Zei­tung von vor zwei Ta­gen zu stu­die­ren. Die Ver­lo­bungs- und Hei­rats­an­zei­gen, um ge­nau zu sein. Gu­ten Tag.“

Büh­ler­hö­he

Seit So­phie die An­zei­ge ge­le­sen hat­te, war die Welt ei­ne an­de­re.

Erst hat­te sie sich be­herrscht, und der Gold­berg’schen Äu­ße­rung kei­ner­lei Be­ach­tung ge­schenkt. Aber als Xa­vier dann we­nig spä­ter ih­ren ge­mein­sa­men Aus­flug ab­sag­te, weil er be­reits in Bühl sei – und dort al­les auch al­lein er­le­di­gen kön­ne –, da war sie doch miss­trau­isch ge­wor­den. Sie be­ant­wor­te­te sei­ne Fra­gen, oh­ne sich et­was an­mer­ken zu las­sen: Sie sei doch in Straß­burg ge­bo­ren, ha­be aber die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit, rich­tig? In ih­rer blau­en St­un­de war sie dann in die Künst­ler­gar­de­ro­be ge­gan­gen, wo man die ge­le­se­nen Zei­tun­gen zwi­schen­la­ger­te, und hat­te nach der Neu­en Zürcher ge­sucht, die die Büh­ler­hö­he für ih­re Schwei­zer Gäs­te abon­niert hat­te. Die zwei Ta­ge al­te Aus­ga­be war schnell ge­fun­den. Die sti­cki­ge Hit­ze in dem Ka­buff hielt sie da­von ab, die Zei­tung dort auf­zu­schla­gen. Es gab nichts Pein­li­che­res als schweiß­ge­tränk­te Ma­ke-up-Spu­ren auf ei­ner hel­len Blu­se. Der Hit­ze we­gen hat­te sie sich heu­te er­laubt, auf die Ko­s­tüm­ja­cke zu ver­zich­ten. Weil ihr Bü­ro um die­se Zeit der Son­ne aus­ge­setzt war, ihr Zim­mer aber be­reits im Schat­ten lag, zog sie sich aus­nahms­wei­se dort­hin zu­rück.

Als sie auf dem Weg nach oben dann doch ins Schwit­zen kam, är­ger­te sie sich über sich selbst. Dar­über, dass sie die­ser bil­li­gen Re­tour­kut­sche der Gold­berg über­haupt Be­ach­tung schenk­te. Die­se Frau wuss­te nichts über sie, schon gar nichts über ihr Pri­vat­le­ben. Xa­vier wür­de ihr bei der ge­mein­sa­men Au­to­fahrt nichts über sie er­zählt ha­ben. Oder et­wa doch? Der Ge­dan­ke ver­setz­te ihr ei­nen steck­na­del­fei­nen Stich, ließ sich aber so­fort weg­wi­schen. Es war nur Neu­gier­de, die sie nach der Zei­tung hat­te su­chen las­sen.

In ih­rem Zim­mer an­ge­kom­men, setz­te sie sich auf den Ses­sel ne­ben dem Tisch­chen, auf dem die klei­ne Va­se mit den Ade­nau­er-Ro­sen stand. Die Hit­ze war zu viel für die Blu­men, sie lie­ßen be­reits die Köp­fe hän­gen. Ich muss sie gleich weg­wer­fen, dach­te sie noch, als sie die Zei­tung auf­schlug, nach der An­zei­gen­sei­te such­te und schnell ent­deck­te, auf was die Gold­berg an­ge­spielt hat­te. Die An­zei­ge war nicht zu über­se­hen, Groß­buch­sta­ben, hal­be Sei­te. Wäh­rend sie nicht fas­sen konn­te, was sie las, ging die klei­ne Va­se zu Bo­den und zer­barst in tau­send Split­ter. Und seit­her hat­te sie kei­nen kla­ren Ge­dan­ken fas­sen kön­nen.

Sie war re­gel­recht aus dem Zim­mer ge­flo­hen und an die Re­zep­ti­on zu­rück­ge­kehrt.

„Sie se­hen blass aus. Ist Ih­nen nicht gut, Ma­dame Rei­sacher?“, hat­te der nichts­nut­zi­ge Mor­gen­tha­ler sie ge­fragt, und sie hat­te et­was von der Hit­ze ge­mur­melt und sich auf den Weg zum Kü­chen­chef ge­macht.

Wein­berg­schne­cken als Vor­spei­se, ja, das lieb­ten die Fran­zo­sen. Nein, kein Kalbs­bries zum Haupt­gang, In­ne­rei­en wa­ren spe­zi­ell, da wuss­te man nie. Ein Ra­gout fin, ge­wiss, da­mit konn­te man nichts falsch ma­chen, und zum Nach­tisch we­gen der Hit­ze et­was Leich­tes, viel­leicht ei­ne Zi­tro­nen­creme. Das Weiß­brot durf­te nicht ver­ges­sen wer­den. Rich­tig, die Fran­zo­sen aßen zu al­lem Brot.

Und wäh­rend der Koch sprach und sie ihm mit ei­nem frem­den Klang in der ei­ge­nen Stim­me ant­wor­te­te, split­ter­te und zer­barst in ih­rem Kopf Glas. Im­mer lau­ter, im­mer un­er­träg­li­cher wur­de das Ge­räusch. Es kam ihr vor, als wä­re auch ihr Kopf aus Glas und wür­de gleich zer­sprin­gen, und als ob dies nicht ge­nug wä­re, sah sie auf dem Rück­weg wie­der Wän­de und Tü­ren bren­nen.

Büh­ler­hö­he

Zit­ternd schäl­te sich Ro­sa aus den schweiß­nas­sen Klei­dern. Sie ge­riet nicht oft in Ra­ge. Völ­lig un­über­legt hat­te sie die Ge­schich­te mit der Hei­rats­an­zei­ge hin­aus­po­saunt. Das war so gar nicht ih­re Art. Aber sie hat­te es so satt. Gar nichts hat­te sie bis­her er­reicht, auch die Hei­rats­an­zei­ge wür­de ver­puf­fen. Aber ei­ne klei­ne Ge­nug­tu­ung war es doch ge­we­sen, in das über­rasch­te Ge­sicht der Haus­da­me zu bli­cken. Viel­leicht öff­ne­te die An­zei­ge ihr die Au­gen und sie wür­de die­sem Pfis­ter nicht län­ger als Hand­lan­ger die­nen. Lang­sam be­ru­hig­te sich Ro­sas Herz­schlag wie­der.

Durch die Spal­ten der ge­schlos­se­nen Fens­ter­lä­den drang die Nach­mit­tags­son­ne und füll­te das Zim­mer mit Hit­ze. Ro­sa war Hit­ze ge­wohnt, aber im Ge­gen­satz zu der tro­cke­nen Wüs­ten­hit­ze in Oma­rim war die­se feucht, leg­te sich wie ein kleb­ri­ger Film auf Ge­dan­ken und Haut, je­de Be­we­gung wur­de zur Qu­al. Ro­sa trot­te­te ins Bad und setz­te sich in die Wan­ne. Der küh­le Strahl der Brau­se ei­ne Er­lö­sung, sie summ­te in al­ter Ge­wohn­heit den An­fang des Ho­no­lu­lu-Lenz. Wäh­rend das Was­ser den kleb­ri­gen Film von ihr wusch, dräng­ten sie ih­re Ge­dan­ken nach Ba­den-Ba­den zu­rück.

War nicht auch sie, ge­nau wie die Haus­da­me, ein Hand­lan­ger? Wie­so hat­te sie sich von Ari so ver­un­si­chern las­sen? Selbst wenn Nat­hans Rück­kehr nach Deutsch­land ihn in ei­nen ra­di­ka­len Zio­nis­ten ver­wan­delt hät­te – was nicht der Fall war –, wenn er zu et­was nicht taug­te, dann zum At­ten­tä­ter. Zwei lin­ke Hän­de und Fü­ße, ewig zwei­felnd, al­les hin­ter­fra­gend.

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