„Räu­be­ri­sche und mör­de­ri­sche Rot­ten“

Der Bau­ern­krieg war von re­for­ma­to­ri­schen Ide­en be­ein­flusst / Mar­tin Lu­ther kri­ti­sier­te die Auf­stän­di­schen scharf

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Mar­tin Lu­ther war weit weg – und doch gab es im Kraich­gau schon früh An­hän­ger. Und die re­for­ma­to­ri­schen Ide­en wur­den hef­tig de­bat­tiert. Das zeig­te sich auch bei den Auf­stän­den der Bau­ern – von de­nen die­ser Bei­trag der von den BNN und dem Ar­chiv der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che ge­stal­te­ten Se­rie han­delt. Teil 10

Un­ter­grom­bach, heute ein Stadt­teil von Bruch­sal mit knapp über 6 000 Ein­woh­nern, gilt nicht als Sym­bol für Ver­schwö­run­gen und Ge­heim­bün­de. An­fang des 16. Jahr­hun­derts war das an­ders. Da­mals agier­te dort der Bau­ern­füh­rer Joß Fritz und sei­ne Bund­schuh­be­we­gung – ein Vor­läu­fer des rund 20 Jah­re spä­ter statt­fin­den­den Bau­ern­kriegs. Sei­ne re­vo­lu­tio­nä­ren Ide­en deck­ten sich in vie­len Punk­ten mit de­nen Mar­tin Lu­thers – doch wur­de die­ser ei­ner der ent­schie­dens­ten Geg­ner der Auf­stän­de.

Die Bau­ern im spä­ten Mit­tel­al­ter wa­ren von ih­ren Ter­ri­to­ri­al­her­ren ab­hän­gig. Im Hoch­stift Spey­er, zu dem Un­ter­grom­bach da­mals ge­hör­te, war zu­dem im Jahr 1500 die Ern­te sehr schlecht. Joß Fritz woll­te das Le­ben der Bau­ern ver­bes­sern und die „gött­li­che Ge­rech­tig­keit“ er­rei­chen: Sie soll­ten nur Kai­ser und Papst un­ter­ge­ord­net sein. Von 1501 an be­gann Fritz von sei­nem Hei­mat­ort Un­ter­grom­bach aus, sei­nen Auf­stand ge­gen die Ob­rig­keit zu pla­nen. Ei­ne Art Ge­heim­bund ent­stand – mit ei­ge­ner Lo­sung. Auf den Satz „Gott grüß dich, Ge­sell, was ist nun für ein We­sen?“ant­wor­te­ten die Mit­ver­schwö­rer „Wir mö­gen von den Pfaf­fen nicht ge­ne­sen!“

Ziel von Fritz war es, die Burg von Ober­grom­bach und an­schlie­ßend Bruch­sal ein­zu­neh­men. Ins­ge­samt sol­len es rund 7 000 Ver­schwö­rer ge­we­sen sein. Doch trotz al­ler Ge­heim­hal­tung wur­den Fritz und sei­ne Män­ner im April 1502 ver­ra­ten. Er konn­te flie­hen, doch zehn Per­so­nen wur­den als Hoch­ver­rä­ter ent­haup­tet, ih­re Kör­per ge­vier­teilt. An­de­ren wur­de der Schwur­fin­ger ab­ge­hackt. Zwei wei­te­re Auf­stands­ver­su­che von Fritz 1513 und 1517 schei­ter­ten eben­falls we­gen Ver­rats. Sei­ne Ide­en mün­de­ten je­doch in den Jah­ren 1524 und 1525 im Bau­ern­krieg. Tau­sen­de Leib­ei­ge­ne schlos­sen sich über­all im Süd­wes­ten zu so­ge­nann­ten „Bau­ern­hau­fen“zu­sam­men und lehn­ten sich ge­gen ih­re Her­ren auf – auch in der Mark­graf­schaft Ba­den, im Her­zog­tum Würt­tem­berg und im Kraich­gau. Die Ide­en der Re­for­ma­ti­on wa­ren da­bei von ent­schei­den­der Be­deu­tung: Wenn je­der vor Gott gleich ist, woll­ten auch die Bau­ern ei­ne freie und ge­rech­te Ge­sell­schafts­ord­nung. Je­doch kam es im­mer wie­der zu Ex­zes­sen. So wur­de et­wa im April 1525 das Klos­ter Her­re­n­alb ge­plün­dert. Der Mönch und Chro­nist Kon­rad Epp klag­te da­mals: „Auch ha­ben sie die Kirch und al­le Ge­mä­cher so jäm­mer­lich ge­plün­dert und zer­schla­gen, is nit wohl mensch­lich zu be­schry­ben.“

Auch wenn sie von der Re­for­ma­ti­on in­spi­riert wur­den: Lu­ther war den Bau­ern feind­lich ge­sinnt und wet­ter­te ge­gen die „räu­be­ri­schen und mör­de­ri­schen Rot­ten“. Denn sei­ne Leh­ren wur­den ge­schmäht, zum Zer­fall der Ord­nung bei­ge­tra­gen zu ha­ben. In die­sem Zu­sam­men­hang ist auch Lu­thers Aus­sa­ge zu se­hen, es ge­be nichts Teuf­li­sche­res als ei­nen auf­rüh­re­ri­schen Men­schen, „den man wie ei­nen tol­len Hund tot­schla­gen muss, denn schlägst du ihn nicht, so schlägt er dich und ein gan­zes Land mit dir“.

Ins­ge­samt agier­ten die Auf­stän­di­schen zu un­ko­or­di­niert und wur­den bis Ju­ni 1525 wei­test­ge­hend vom Schwä­bi­schen Bund, ei­nem süd­deut­schen Mi­li­tär­bünd­nis, be­siegt, die Rä­dels­füh­rer dra­ko­nisch be­straft. So wur­de An­ton Ei­sen­hut, der An­füh­rer des Kraich­gau­er Hau­fens, auf dem Bruch­sa­ler Schloss­platz ent­haup­tet. Ins­ge­samt star­ben rund 75 000 Men­schen – die meis­ten von ih­nen Bau­ern. Ju­li­us Sand­mann

DIE BURG VON OBER­GROM­BACH soll­te 1502 ei­nes der An­griffs­zie­le von Joß Fritz und sei­nen Män­nern sein. Fo­to: Sand­bil­ler

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