Die Fol­gen des Fak­ten­leug­nens

Ko­mö­die mit Denk­an­stö­ßen: „Tartuf­fe“am Thea­ter Ba­den-Ba­den

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Wer­den die Men­schen klü­ger? Nun ja: In Mo­liè­res Ko­mö­die „Tartuf­fe“, vor knapp 350 Jah­ren ur­auf­ge­führt, muss sich der ti­tel­ge­ben­de Be­trü­ger noch kunst­voll ver­stel­len – et­wa in­dem er auf be­rech­tig­te Vor­wür­fe mit der­art selbst­gei­ßeln­der Zer­knir­schung re­agiert, dass sei­ne An­klä­ger wie hin­ter­häl­ti­ge Het­zer wir­ken, die ei­nen ar­men Eh­ren­mann aus pu­rem Neid ver­leum­den. Heut­zu­ta­ge müss­te er wohl nur „FA­KE NEWS!“twit­tern oder „Lü­gen­pres­se!“schrei­en, um sich die Treue sei­ner Ge­folg­schaft zu si­chern.

Wo­bei die Ge­folg­schaft im Fall die­ses Stücks vor al­lem aus ei­nem Mann be­steht: dem wohl­ha­ben­den Or­gon, der fest da­von über­zeugt ist, den Pfad der Tu­gend zu be­schrei­ten, in­dem er den Ta­ge­dieb Tartuf­fe in sei­nem Haus nicht nur durch­füt­tert, son­dern ihm auch sei­ne Toch­ter zur Frau ge­ben und so­gar sein gan­zes Hab und Gut über­schrei­ben will. Kein Ar­gu­ment sei­ner zu­neh­mend ver­zwei­fel­ten Fa­mi­lie bringt ihn da­von ab – bis er end­lich mit ei­ge­nen Au­gen sieht, wie hem­mungs­los sei­ner Frau El­mi­re von dem an­geb­lich so got­tes­fürch­ti­gen Tartuf­fe nach­ge­stellt wird. Doch da hat Or­gon den Heuch­ler schon zu hoch er­ho­ben, um ihn ein­fach los­wer­den kön­nen.

Ste­fan Hu­bers Neu­in­sze­nie­rung die­ses Klas­si­kers am Thea­ter Ba­den-Ba­den über­zeugt nicht zu­letzt da­durch, dass sie auf Be­zü­ge zwi­schen dem al­ten Stück und ak­tu­el­len po­pu­lis­ti­schen Aus­wüch­sen mit kei­ner­lei An­spie­lung hin­weist, son­dern die Ko­mö­die ein­fach Ko­mö­die sein lässt. Denn so wird die selbst­zer­stö­re­ri­sche Bor­niert­heit des Fak­ten­leug­nens als zeit­los dro­hen­de Schwä­che der mensch­li­chen Na­tur er­kenn­bar. Zu­mal es sich die dar­stel­le­risch star­ke Auf­füh­rung auch ver­kneift, Or­gon als blin­den Dep­pen zu zei­gen: Oli­ver Ja­cobs spielt ihn über­zeu­gend als von der ei­ge­nen Ver­nunft über­zeug­ten Wohl­tä­ter, den es auf­rich­tig be­trübt, die Tu­gend ge­gen­über sei­ner Fa­mi­lie nur mit Zwang durch­zu­set­zen zu kön­nen. Da hat er mehr Skru­pel als sei­ne ver­bohr­te al­te Mut­ter – ei­ne Rol­le, die Alt­meis­ter Berth Wes­sel­mann zum Ka­bi­nett­stück­chen ver­eh­rungs­wür­di­ger Ko­mik macht.

War­um Or­gon sich Tartuf­fe zu­wen­det, des­sen me­phis­to­phe­li­sche Aa­sig­keit Micha­el La­ric­cia erst all­mäh­lich ent­fal­tet, zeigt sich in dem Ge­gen­satz, den Or­gons Fa­mi­lie zu dem an­geb­li­chen As­ke­ten bil­det: Gat­tin Er­mi­le (Con­stan­ze Wei­nig) schlen­dert als frei­zü­gig-trink­freu­di­ges Lu­xus­weib­chen ein­her, Sohn Da­mis (Di­me­trio-Gio­van­ni Rupp) steckt bis un­ter die Base­ball­kap­pe vol­ler wut­strot­zen­dem Tes­to­ste­ron und Töch­ter­chen Ma­ria­ne (Ma­ria Tho­mas) fällt au­ßer­halb der Whatsapp-Flirts mit ih­rem Schwarm Valè­re (Ser­gej Cze­pur­nyi) vor al­lem durch groß­äu­gi­ge Rat­lo­sig­keit auf. Oh­ne die pa­ten­te Be­diens­te­te Do­ri­ne (Cat­ha­ri­na Kott­mei­er mit tro­cke­nem Hu­mor) wä­re die gan­ze Sipp­schaft wohl noch mehr in Schräg­la­ge als ihr be­reits um­ge­kipp­tes Haus (gran­dio­se Aus­stat­tung: Ti­mo Dent­ler und Oka­ri­na Pe­ter), das am Schluss ganz auf den Kopf ge­stellt wird und nach oben ent­schwebt, wäh­rend die zu­rück­blei­ben­de Fa­mi­lie mit den Fol­gen von Or­gons Ver­blen­dung le­ben muss. Dank sol­cher Denk­an­stö­ße ist die­ser knapp zwei­stün­di­ge Thea­ter­abend nicht nur sehr un­ter­halt­sam, son­dern macht so­gar ein biss­chen – na ja, viel­leicht nicht gleich klü­ger, aber auf­merk­sa­mer. Andre­as Jütt­ner

STAR­KE KO­MÖ­DIE: Ste­fan Hu­ber ver­zich­tet auf ak­tu­el­le An­spie­lun­gen und macht so die Bor­niert­heit des Fak­ten­leug­nens als mensch­li­che Schwä­che er­kenn­bar. Fo­to: Klenk

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