Sur­rea­les Spek­ta­kel

„Der gol­de­ne Dra­che“am Thea­ter Pforz­heim

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

„Wenn ich mir et­was wün­schen könn­te …“– die­ser un­voll­ende­te Satz ist der wich­tigs­te im Schau­spiel „Der gol­de­ne Dra­che“von Ro­land Schim­mel­pfen­nig. Die Men­schen in dem Asia-Im­biss, der so heißt, wün­schen sich viel und be­kom­men we­nig bis nichts. Durch­num­me­rier­te Schnell­ge­rich­te ver­spre­chen gren­zen­lo­se Ge­nüs­se, doch in Num­mer 6, der Thai-Sup­pe, fin­det sich – kein Haar, son­dern ein Zahn, blu­tig und ka­ri­ös. Er ist ei­nem jun­gen Chi­ne­sen, der kei­ne Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung hat und da­her kei­nen Zahn­arzt auf­su­chen kann, in der en­gen Kü­che mit ei­ner ro­ten Rohr­zan­ge ge­zo­gen wor­den. Der Chi­ne­se ver­blu­tet. Bei ei­ner Ste­war­dess, Stamm­kun­din im Asia-Im­biss, löst der Zahn in der Sup­pe zu­nächst hef­ti­gen Ekel, dann end­lo­se Gr­ü­be­lei­en aus. Wem er wohl ge­hört ha­ben mag?

Als sur­rea­les Spek­ta­kel mit leuch­ten­den Far­ben und be­drück­ten Tö­nen hat Ca­ro­li­ne Stolz das schwie­ri­ge Stück nun am Thea­ter Pforz­heim in­sze­niert. Schwie­rig des­halb, weil der Text lau­fend Mit­tel des Ver­stel­lens und Ver­frem­dens wie im epi­schen Thea­ter vor­gibt, da­mit aber kei­ne Dis­tanz, son­dern Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den so un­ter­schied­li­chen Fi­gu­ren und ih­ren Schick­sa­len zu er­rei­chen ver­sucht.

Die Schau­spie­ler wech­seln in atem­be­rau­ben­dem Tem­po zwi­schen Er­zäh­len und Spie­len, sa­gen je­des In­ne­hal­ten als „kur­ze Pau­se“an, spre­chen im Chor, pro­du­zie­ren Ge­räusch­ku­lis­sen. Jün­ge­re spie­len Äl­te­re, Män­ner spie­len Frau­en. Prä­zi­se be­wäl­ti­gen Ju­li­an Cu­le­mann, Jo­an­ne Glä­sel, An­to­nia Schir­m­eis­ter, The­re­sa Mar­ti­ni, Mar­kus Löch­ner und Ser­gej Göß­ner die­se Auf­ga­ben im Büh­nen­bild von Jan Hendrik Nei­dert und den Ko­s­tü­men von Lo­re­na Diaz Ste­phens, wel­che die chi­ne­si­sche Far­ben­leh­re auf­grei­fen.

„Der gol­de­ne Dra­che“ver­schränkt vie­le klei­ne of­fe­ne Dra­men in­ein­an­der, von Groß­stadt­men­schen, il­le­ga­len Ein­wan­de­rern, Aus­beu­tern und Aus­ge­beu­te­ten, Ver­lieb­ten und Ent­täusch­ten, fügt die Fa­bel von der Amei­se und der Gril­le ein und ver­sieht sie mit ei­ner un­schö­nen Fort­set­zung. Die tech­nisch ver­sier­te Mon­ta­ge be­ein­druckt, die Sze­nen be­rüh­ren und er­schre­cken. Doch zu tie­fe­ren Fra­gen oder gar Ant­wor­ten dringt der Text nicht vor. So ge­steht auch die an­spruchs­vol­le, se­hens­wer­te Ins­ze­nie­rung in Pforz­heim ei­ne ge­wis­se Rat­lo­sig­keit ein: Sie en­det ei­nem bit­ter-sü­ßen Lied von Mar­le­ne Dietrich: „Wenn ich mir was wün­schen dürf­te, käm ich in Ver­le­gen­heit …“. Si­byl­le Or­gel­din­ger

MACHT TEM­PO, wie al­le Darstel­ler im Stück: Ser­gej Göß­ner. Fo­to: Hay­mann

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