Alarm­stu­fe Rot bei Mer­ce­des

Mel­bourne-Sie­ger Vet­tel rührt Fer­ra­ris­ti zu Trä­nen und scho­ckiert die Sil­ber­pfei­le

Pforzheimer Kurier - - SPORT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Mar­co Heibel

Mel­bourne. Als er die For­mel-1-Welt aus den An­geln ge­ho­ben hat­te, ent­deck­te Se­bas­ti­an Vet­tel die Leich­tig­keit sei­ner gro­ßen Zei­ten wie­der. Nach dem kra­chen­den Sieg im Fer­ra­ri beim Sai­son­start in Aus­tra­li­en über die seit Jah­ren un­schlag­bar schei­nen­den Sil­ber­pfei­le strei­chel­te der vier­ma­li­ge Welt­meis­ter sei­ne „Gi­na“wie ein Frisch­ver­lieb­ter. Dann sprang er schein­bar schwe­re­los in das ro­te Meer sei­ner leid­ge­prüf­ten Mecha­ni­ker und be­weg­te so­gar den küh­len Fer­ra­ri-Chef Ser­gio Mar­chion­ne zu emo­tio­na­len, er­leich­ter­ten Wor­ten des Dan­kes.

Nach 553 lan­gen Ta­gen oh­ne Gran­dP­rix-Sieg be­wies der Hep­pen­hei­mer mit sei­nem Tri­umph vor Mer­ce­des-Star Le­wis Ha­mil­ton sich und der stol­zen Scu­de­ria, dass sie es noch kön­nen – und ließ die For­mel 1 hof­fen, dass die er­drü­cken­de Do­mi­nanz von Triple-Welt­meis­ter Mer­ce­des nach dem Rück­tritt von Cham­pi­on Ni­co Ros­berg und der Ein­füh­rung des neu­en Ae­ro­dy­na­mik-Re­gle­ments be­en­det ist. „For­za Fer­ra­ri, gran­de mac­chi­na“, rief Vet­tel nach der Ziel­ein­fahrt in den Bo­xen­funk und lob­te sein „groß­ar­ti­ges“Au­to. „Das war ein fan­tas­ti­sches Ren­nen von uns und ge­nau das, was wir ge­braucht ha­ben. Groß­ar­ti­ger Job von al­len an der Stre­cke und in Ma­ra­nel­lo. Das ist für euch al­le“, sag­te ein sicht- und hör­bar be­frei­ter Vet­tel.

Mit sei­nem Coup er­weich­te der Hep­pen­hei­mer auch das Herz von Mar­chion­ne, der dem Team aus der Hei­mat ei­nen Gruß zu­sand­te. „Es wur­de Zeit“, sag­te der 64-Jäh­ri­ge: „Wir ha­ben auf die­sen Sieg fast an­dert­halb Jah­re ge­war­tet. End­lich wie­der die ita­lie­ni­sche Na­tio­nal­hym­ne zu hö­ren, war sehr be­we­gend.“Vom Ti­tel woll­te Vet­tel aber noch nicht spre­chen. „Wir müs­sen die Fü­ße am Bo­den las­sen. Es ist ein wei­ter Weg. Es ist noch zu früh, auf das Ta­bleau zu schau­en“, sag­te der nun 43-ma­li­ge Grand-Prix-Sie­ger aus Hep­pen­heim.

Bei Mer­ce­des herrsch­te nach den Plät­zen zwei durch Ha­mil­ton und drei durch Ros­berg-Nach­fol­ger Valt­te­ri Bot­tas (Finn­land) da­ge­gen Alarm­stu­fe Rot. „Wir wa­ren ein­fach nicht schnell ge­nug“, ha­der­te Mo­tor­sport­chef To­to Wolff, „und die Rei­fen ha­ben zu schnell ab­ge­baut. Das war heute ein Weck­ruf für uns. Manch­mal ist es für die Per­sön­lich­keit ganz gut, wenn man ei­ne Watsch‘n be­kommt, und das war heute der Fall.“Auch Ha­mil­ton blick­te mit auf­ein­an­der ge­press­ten Lip­pen ins weit­ge­hend rot ge­färb­te Men­schen­meer in Mel­bourne und klat­sche Vet­tel höf­lich, aber sicht­lich ge­quält Bei­fall. Spä­tes­tens jetzt weiß der Bri­te: Trotz des Rück­tritts sei­nes lang­jäh­ri­gen Team- und WM-Ri­va­len Ros­berg wird es für ihn wohl ein stei­ni­ger Weg zum er­sehn­ten vier­ten Ti­tel.

Mer­ce­des hat nach 51 Sie­gen aus den vor­he­ri­gen 59 Ren­nen wie­der ei­nen ech­ten Geg­ner. Ei­nen, der nicht nur auf Glück an­ge­wie­sen ist, um zu sie­gen. Ha­mil­ton, der in Mel­bourne zum sechs­ten Mal ins­ge­samt und zum vier­ten Mal in Fol­ge von der Po­le Po­si­ti­on ins Ren­nen ging, ver­tei­dig­te sei­nen ers­ten Platz nach dem Er­lö­schen der Am­peln zu­nächst mü­he­los, der Bri­te konn­te sich von Vet­tel aber kaum ab­set­zen. Die We­ge der bei­den Top-Fah­rer, die sie­ben WM-Ti­tel auf sich ver­ei­nen, trenn­ten sich erst durch Ha­mil­tons Rei­fen­wech­sel in der 17. Run­de vor­läu­fig – und mit­ent­schei­dend für den Renn­aus­gang. Da­nach blieb Ha­mil­ton im Ver­kehr hin­ter dem Nie­der­län­der Max Ver­stap­pen (Red Bull) ste­cken, wäh­rend Vet­tel an der Spit­ze ei­ne schnel­le Run­de nach der an­de­ren hin­leg­te und nach sei­nem ei­ge­nen Stopp die Spit­ze be­haup­te­te – wor­auf­hin Mer­ce­des-Mo­tor­sport­chef Wolff vor Wut auf sei­nen Tisch am Kom­man­do­stand schlug. Bis zum Ziel­strich soll­te sich an die­ser Rei­hen­fol­ge nichts mehr än­dern. Vet­tel kon­trol­lier­te das Ge­sche­hen, Ha­mil­ton und Bot­tas si­cher­ten ih­re Plät­ze ab. Ni­co Hül­ken­berg blieb in sei­nem ers­ten Ren­nen für Re­nault als Elf­ter oh­ne die er­hoff­ten Punk­te. Sau­berPi­lot Pas­cal Wehr­lein hat­te am Sams­tag we­gen Trai­nings­rück­stands nach sei­ner im Ja­nu­ar er­lit­te­nen Rü­cken­ver­let­zung über­ra­schend sei­nen Start­ver­zicht er­klärt.

AUF SIEG­KURS im ers­ten Sai­son­ren­nen: Ex-Welt­meis­ter Se­bas­ti­an Vet­tel setz­te in Aus­tra­li­en ein Aus­ru­fe­zei­chen hin­ter der wah­ren Stär­ke sei­ner „Gi­na“. Fo­to: AFP

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