Zü­gig über al­le Gren­zen hin­weg

Vor ge­nau zehn Jah­ren roll­te der ers­te TGV da­mals noch ein we­nig holp­rig über Karls­ru­he nach Pa­ris

Pforzheimer Kurier - - ZEHN JAHRE TGV - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Si­byl­le Kra­nich

Der Streit um des Schaff­ners Müt­ze war nur die Spit­ze des Eis­bergs. Ein fran­zö­si­scher Zug­be­glei­ter oh­ne Au­to­ri­täts­an­zei­ger auf dem Haupt? „Im­pos­si­ble, Mon­sieur!“Und den Gäs­ten aus der 1. Zug­klas­se ei­nen Kaf­fee an den Platz brin­gen? Auch für die­sen deut­schen Ser­vice­stan­dard hat­te man bei der staat­li­chen fran­zö­si­schen Bahn­ge­sell­schaft SNCF nur ein ent­rüs­te­tes „Non“üb­rig. „Wir muss­ten in der An­fangs­zeit sehr, sehr vie­le Kom­pro­mis­se schlie­ßen“, er­in­nert sich Frank Hoff­mann.

Heu­te, ge­nau zehn Jah­re spä­ter, kann der Ge­schäfts­füh­rer der deutsch-fran­zö­si­schen Ver­mark­tungs­ge­sell­schaft „al­leo“, die sich um al­le Fra­gen rund um den grenz­über­schrei­ten­den Hoch­ge­schwin­dig­keits­zug­ver­kehr küm­mert, über sol­che Pe­ti­tes­sen la­chen. Zu Be­ginn sei­ner Tä­tig­keit droh­ten ihm bei Ab­stim­mun­gen zwi­schen der SNCF und der Deut­schen Bahn AG mehr als ein­mal die Ge­sichts­zü­ge zu ent­glei­sen. „Wir ha­ben da­mals ver­sucht, zwei Sys­te­me mit­ein­an­der zu ver­bin­den, die au­ßer der Spur­wei­te nicht viel ge­mein hat­ten“, sagt er. Und weil er ein Di­plo­mat ist, drückt er es vor­sich­tig aus: „Es gab vie­le of­fe­ne Fra­gen.“

Als vor zehn Jah­ren, am 10. Ju­ni 2007, der ers­te TGV auf sei­nem Weg von Stutt­gart nach Pa­ris im Karls­ru­her Haupt­bahn­hof Sta­ti­on mach­te, wur­de der fran­zö­si­sche Su­per­zug be­geis­tert emp­fan­gen. Die Fahrt­zeit zum Pa­ri­ser Ost­bahn­hof hat­te sich über Nacht auf et­was mehr als drei St­un­den hal­biert.

Für vie­le Men­schen in der Grenz­re­gi­on war da­mit ein Traum wahr ge­wor­den. Zwei Jahr­zehn­te lang hat­ten Bun­des-, Lan­des­und Kom­mu­nal­po­li­ti­ker auf bei­den Sei­ten des Rheins für das Pro­jekt ge­kämpft. Mehr als ein­mal droh­te es, auf der Stre­cke zu blei­ben.

Al­lein die tech­ni­schen Unterschiede im deut­schen und fran­zö­si­schen Zug­ver­kehr könn­ten ein gan­zes Buch fül­len. An­ge­fan­gen bei den ver­schie­de­nen Strom­sys­te­men bis hin zu dem Um­stand, dass der fran­zö­si­sche Bahn­ver- kehr (mit Aus­nah­me vom El­sass-Loth­rin­gen) im Links­be­trieb statt­fin­det, wäh­rend die deut­schen Zü­ge rechts un­ter­wegs sind. „Auch die Phi­lo­so­phie des Bahn­ver­kehrs ist ei­ne grund­le­gend an­de­re“, er­läu­tert Frank Hoff­mann. Der po­ly­zen­tri­schen, deut­schen Struk­tur mit vie­len Mit­tel­zen­tren und dem frei­en Zu­gang zum Fern­ver­kehr­sys­tem oh­ne Re­ser­vie­rungs­pflicht stand der stern­för­mig auf Pa­ris aus­ge­rich­te­te fran­zö­si­sche Bahn­ver­kehr mit sei­ner Sitz­platz­ga­ran­tie dia­me­tral ge­gen­über.

Doch der po­li­ti­sche Wil­le war stär­ker als sämt­li­che tech­ni­sche Dif­fe­ren­zen und die Ei­tel­kei­ten der Ent­schei­der an der Spit­ze der bei­den größ­ten eu­ro­päi­schen Bahn­ge­sell­schaf­ten. Die Kin­der­krank­hei­ten der An­fangs­jah­re, bei de­nen Zü­ge im­mer wie­der auf of­fe­ner Stre­cke lie­gen blie­ben oder in den Toi­let­ten kein Was­ser zur Ver­fü­gung stand, wa­ren zü­gig über­wun­den. Die An­zahl der Fahr­gäs­te auf den Ver­bin­dun­gen zwi­schen Frank­furt oder Mün­chen und Pa­ris hat sich kon­ti­nu­ier­lich ge­stei­gert. Von 1,2 Mil­lio­nen im Jahr 2008 auf 1,9 Mil­lio­nen 2015. Für 2017 sieht es nach ei­nem neu­en Re­kord aus. Schon im ers­ten Quar­tal 2017 wa­ren mehr Men­schen auf der deutsch-fran­zö­si­schen Ge­mein­schafts­schie­ne un­ter­wegs als im Ver­gleichs­zeit­raum 2016. Auch das An­ge­bot hat sich ver­bes­sert. In­zwi­schen brau­chen die Zü­ge auf dem gut 600 Ki­lo­me­ter lan­gen Stre­cken­ab­schnitt zwi­schen Karls­ru­he und Pa­ris nur noch zwei­ein­halb St­un­den. Zu­dem wur­de die An­zahl der Ver­bin­dun­gen auf sie­ben Hin- und acht Rück­fahr­ten am Tag aus­ge­dehnt. 66 Pro­zent al­ler Rei­sen­den auf der Stre­cke Stutt­gart–Pa­ris zie­hen dem Zug dem Flug­zeug vor.

„Wir ha­ben viel von­ein­an­der ge­lernt“, bi­lan­ziert Frank Hoff­mann. Egal ob Lok­füh­rer, Zug­be­glei­ter oder Ser­vice­kraft. Der All­tag hat vie­les ge­re­gelt und je­de Sei­te muss­te mal Zu­ge­ständ­nis­se ma­chen. Von der Müt­zen­pflicht woll­ten die Fran­zo­sen par­tout nicht ab­rü­cken, da­für bricht ih­nen aber heu­te kein Za­cken mehr aus der Con­trôl­leur­sKro­ne, wenn es um Di­enst­leis­tung geht.

Zwei Jahr­zehn­te der Pla­nung

SCHIENENPARTNER: Seit dem 11. Ju­ni 2007 be­steht ein re­gel­mä­ßi­ger ICE- und TGV-Ver­kehr zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich. Die neu­es­ten Hoch­ge­schwin­dig­keits­zü­ge der SNCF und der Deut­schen Bahn ver­bin­den Karls­ru­he mit Pa­ris täg­lich sie­ben­mal in nur zwei­ein­halb St­un­den. Fo­to: Oli­ver Lang/DB AG

GROS­SER BAHN­HOF IN KARLS­RU­HE: Als der TGV am 10. Ju­ni 2007 zum ers­ten Mal in den Haupt­bahn­hof ein­fuhr, wur­de er be­geis­tert emp­fan­gen. 20 Jah­re dau­er­te die Pla­nung. Ar­chiv­fo­to: jo­do

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