Rein­heit und Ek­s­ta­se

Am Ba­di­schen Staats­thea­ter hat­te „Die Jung­frau von Or­leans“Pre­mie­re

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ei­ne gro­ße Glo­cke – mit­ten auf der Büh­ne. Wer denkt da nicht an Fried­rich Schil­ler, zu­mal wenn des­sen Dra­ma „Die Jung­frau von Or­leans“auf dem Pro­gramm steht. Die Glo­cke: Man kann sie als Hin­weis auf ei­nen der be­kann­tes­ten ly­ri­schen Tex­te des Dich­ters ver­ste­hen. Aber auch als An­spie­lung an die gro­ße Ka­the­dra­le in Reims lässt sich die Glo­cke deu­ten. Sie ist die Krö­nungs­kir­che Frank­reichs, in der auch Karl VII. dank der himm­lisch in­spi­rier­ten Jung­frau Jo­han­na am En­de der Tra­gö­die die Reichs­in­si­gni­en emp­fan­gen wird. Ir­gend­wann wird die vom Büh­nen­bild­ner Vin­zenz Gert­ler ent­wor­fe­ne Glo­cke ein ziem­li­ches Stück hoch­ge­zo­gen, um fort­an über dem Hof­staat Karls zu schwe­ben, der eif­rig mit Sekt­kel­chen und den da­zu­ge­hö­ri­gen Fla­schen han­tiert. Auch das mög­li­cher­wei­se ein Hin­weis auf Reims: Die Stadt ist im­mer­hin ein Zen­trum der Cham­pa­gner­her­stel­lung. Sym­bol­wert hat zu­dem der Sound: Das schwe­re, be­drän­gen­de Wum­mern, das den An­fang der Ins­ze­nie­rung von Ju­lia­ne Kann am Ba­di­schen Staats­thea­ter mar­kiert, er­in­nert dar­an, dass ein Krieg tobt auf dem Bo­den Frank­reichs.

Schil­ler, Schall und Schaum­wein – auf die­se For­mel könn­te man die zwei­stün­di­gen Pro­duk­ti­on re­du­zie­ren. Im­mer­hin hat die Re­gis­seu­rin merk­lich ge­rafft. Da liegt die Ver­su­chung na­he, die Ein­drü­cke des Abends auf ei­nen knap­pen Nen­ner zu brin­gen. Wä­re da nicht das Fak­tum, dass es Kann gut ge­lingt, den Span­nungs­bo­gen zu hal­ten. Und wä­re da nicht Pau­la Sko­ru­pa als Jo­han­na, die durch ihr über­aus ein­dring­li­ches Spiel man­chen strei­chungs­be­ding­ten Ver­lust kom­pen­siert.

Da­bei wirkt ihr Ein­gangs­mo­no­log, der aus un­ter­schied­li­chen Ele­men­ten der ers­ten Sze­nen zu­sam­men­ge­baut ist, wie müh­sam aus­wen­dig ge­lernt, fast lei­ernd, bis Sko­ru­pa Feu­er fängt, fa­na­tisch auf­trumpft und dem Fu­ror Stim­me gibt, der sie treibt, an­treibt, vor­an­treibt. Denn das ist sie ja die­se Jean­ne d’Arc, die aus ärm­li­chen (bei Schil­ler so­zi­al auf­ge­wer­te­ten) Ver­hält­nis­sen stammt – ei­ne re­li­giö­se Fa­na­ti­ke­rin, ent­flammt von ei­nem, wie sie meint, gött­li­chen Heils­auf­trag, der sie ban­ner­schwin­gend buch­stäb­lich über Lei­chen zie­hen lässt.

Ju­lia­ne Kann, die Re­gis­seu­rin, ver­zich­tet auf wohl­fei­le Ak­tua­li­sie­run­gen (hät­te sie doch et­wa auf Ma­ri­ne Le Pen, die Vor­sit­zen­de des Front Na­tio­nal, ver­wei­sen kön­nen, die sich ger­ne in die Tra­di­ti­on der Jo­han­na von Or­leans stellt). Und Pau­la Sko­ru­pa, die Darstel­le­rin, geht al­le­mal spar­sam mit den Mo­men­ten der Ek­s­ta­se um, die zu ih­rer Rol­le ge­hö­ren. Ih­re Aus­brü­che sind Ener­gie­ent­la­dun­gen, aber dann tritt sie wie­der ganz klein und be­schei­den auf, hält wun­der­ba­re Ba­lan­ce zwi­schen skru­pel­lo­ser Krie­ge­rin und see­le­nent­rück­ter Un­schuld.

Manch­mal wirkt Sko­ru­pa auch wie ein asia­ti­scher Coach zur men­ta­len Stär­kung ent­schei­dungs­schwa­cher Füh­rungs­kräf­te. Tat­säch­lich ist Karl VII. ei­ni­ger­ma­ßen ver­zagt, was Sascha Tux­horn mit ge­stei­ger­ter Weich­lich­keit de­mons­triert. Er be­klagt man­geln­de Lie­be und Un­ter­stüt­zung sei­tens sei­ner Mut­ter Is­a­beau, der An­net­te Bü­schel­ber­ger durch­trie­ben-mac­chia­ve­lis­ti­sche Kon­tur ver­leiht. Sithem­bi­le Menck als Ge­lieb­te des Kö­nigs, Jan­nek Pe­tri, Hei­sam Ab­bas, Jens Koch und Lu­is Quin­ti­na als Ade­li­ge un­ter­schied­li­cher Cou­leur kom­plet­tie­ren die Darstel­ler­rie­ge. Und da ist noch Meik van Se­ve­ren – als Lio­nel ein Büb­chen, blass, ver­ängs­tigt. Just in ihn, den En­g­län­der, den Feind, ver­liebt sich Jo­han­na. „Nicht Män­ner­lie­be darf dein Herz be­rüh­ren“lau­tet das Gelüb­de, das sie von Sieg zu Sieg lei­te­te. Und jetzt: die bren­nen­den Ge­füh­le ei­nes Back­fischs. Wie Pau­la Sko­ru­pa die­se Er­schüt­te­rung ih­res Selbst­ver­ständ­nis­ses mit Kör­per, Spra­che und Mi­mik in­stru­men­tiert, ge­hört zu den Hö­he­punk­ten der Vor­stel­lung. Zu recht er­hielt sie den meis­ten Ap­plaus. Micha­el Hübl

IM GOLD­GLANZ DES RUHMS UND UMKRÄNZT MIT LI­LI­EN DER REIN­HEIT: Pau­la Sko­ru­pa als „Die Jung­frau von Or­leans“in Schil­lers Dra­ma, das jetzt in Karls­ru­he Pre­mie­re hat­te. Fo­to: Grün­schloß

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