Die We­ge des „turn“sind un­er­gründ­lich

In der Schau „Hy­brid-Lay­ers“zei­gen 22 Künst­ler am ZKM Karls­ru­he die Fol­gen des di­gi­ta­len Wan­dels

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Scrol­len, Pos­ten, Chat­ten, mit der Vir­tu­al-Rea­li­ty-Bril­le durch un­ge­ahn­te Wel­ten schwei­fen… Ein Le­ben oh­ne di­gi­ta­le Tech­no­lo­gi­en ist heu­te fast schon un­denk­bar. Und für vie­le fühlt es sich an wie der kal­te Ni­ko­tinent­zug, wenn das Han­dy ei­ne Wei­le au­ßer Reich­wei­te ist. Wer es nicht kennt, ist wohl kein „di­gi­tal na­ti­ve“, al­so vor den 1980er Jah­ren ge­bo­ren. Vor nicht ein­mal 20 Jah­ren hat die Men­ge der di­gi­tal ge­spei­cher­ten In­for­ma­tio­nen erst­mals die Men­ge der ana­lo­gen über­trof­fen. Die­se Tat­sa­che führt das Zen­trum für Kunst und Me­di­en (ZKM) Karls­ru­he mit der Aus­stel­lung „Hy­brid Lay­ers“fas­zi­nie­rend vor Au­gen. Sie ver­mit­telt, wie die di­gi­ta­len Tech­no­lo­gi­en Den­ken, Han­deln und Füh­len vor al­lem der Ge­ne­ra­ti­on der in den 1980er Jah­ren Ge­bo­re­nen be­ein­flus­sen. Die Ku­ra­to­ren Ju­lia Bi­ni, Sa­bi­ha Keyif, Da­ria Mil­le und Phil­ipp Zieg­ler len­ken den Blick auf un­ter­schied­li­che und da­bei nicht ein­mal durch­weg me­dia­le Aus­drucks­for­men von 22 Künst­le­rin­nen und Künst­lern. Sie kom­men aus Eu­ro­pa, Asi­en, Süd­afri­ka oder aus den USA und set­zen sich mit ei­nem Ka­pi­tel aus­ein­an­der, das ZKM-Chef Pe­ter Wei­bel schon 2005 mit der Aus­stel­lung „Die post­me­dia­le Kon­di­ti­on“in Graz auf­ge­schla­gen hat. „Hy­brid-Lay­ers“blickt in un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf di­gi­ta­le Tech­no­lo­gi­en, das In­ter­net und so­zia­le Netz­wer­ke und be­trach­tet so­wohl vir­tu­el­le wie auch phy­si­sche Er­schei­nungs­for­men ei­ner künst­le­ri­schen Pra­xis, die vom Di­gi­ta­len be­ein­flusst ist. Die ge­zeig­ten Ar­bei­ten ver­mit­teln, wie der „di­gi­tal turn“, die Wen­de ins Di­gi­ta­le, na­he­zu al­le Be­rei­che des All­tags, un­se­rer Wahr­neh­mung und der Wis­sens­pro­duk­ti­on be­ein­flusst.

Wer nun ei­nen Par­cours durch nur di­gi­ta­le Kunst er­war­tet, wird er­staunt sein: War vor we­ni­gen Jah­ren noch die Über­füh­rung der ana­lo­gen Welt ins Di­gi­ta­le, Vir­tu­el­le ein Reiz künst­le­ri­scher Po­si­tio­nen, so hat sich dies wie­der ge­dreht. Wie das Vir­tu­el­le durch die Ver­wen­dung syn­the­ti­scher Ma­te­ria­li­en et­wa des La­ser­dru­ckers zu­rück­ge­führt wird in die ana­lo­ge Welt, zeigt Ra­chel de Joo­de mit fo­to­gra­fi­schen Ab­bil­dun­gen ih­rer Skulp­tu­ren aus dem In­ter­net, die sie auf So­ckel und Staf­fe­lei­en stellt. Oder De­lia Jür­gens, die zum Bei­spiel Tep­pi­che, die sie via In­ter­net hat be­dru­cken las­sen, auf Sty­ro­por­dämm­plat­ten als Po­des­te aus­legt. Ne­ben Vi­deo­ar­bei­ten und En­vi­ron­ments gibt es In­stal­la­tio­nen, Per­for­man­ces, Skulp­tur und die­se oft in ge­gen­sei­ti­ger Durch­drin­gung. Na­tür­lich darf auch die VR-Bril­le nicht feh­len: Sechs Vir­tu­al-Rea­li­ty-Pro­jek­te wur­den von Künst­lern ent­wi­ckelt und in der Aus­stel­lung mit­tels „He­ad Moun­ted Dis­play“für die Be­su­cher (nur am Wo­che­n­en­de) er­leb­bar ge­macht.

Nicht al­les ist Gold, was di­gi­tal glänzt. Wie ab­hän­gig wir von Ak­kus sind, dar­auf macht das De­sign-For­schungs­stu­dio „Un­k­nown Fiel­ds“auf­merk­sam. Es hat be­ein­dru­cken­de Luft­auf­nah­men der sma­ragd­grün schim­mern­den Li­thium­mi­nen in Bo­li­vi­en ge­filmt. Die Aus­wir­kun­gen der Glo­ba­li­sie­rung wer­den in der Aus­stel­lung eben­so the­ma­ti­siert wie Fa­ke­news oder die Tat­sa­che, dass un­se­re Wahr­neh­mung flüch­ti­ger ge­wor­den ist und der Drang nach Selbst­op­ti­mie­rung das Le­ben er­schwert. Ver­pi­xel­te Sel­fieVi­de­os von Frau­en aus der ara­bi­schen Welt von Sophia Al Ma­ria ge­hö­ren eben­so da­zu wie der Zei­chen­trick-Fuchs des bri­ti­schen Künst­lers Ed For­nie­les, des­sen Su­che nach dem bes­se­ren Ich im Ver­lauf ei­nes Vi­de­os mit Fo­tos aus dem In­ter­net zu The­men wie Ar­beit, Es­sen, Fa­mi­lie zur Sucht wird. Ei­ne Aus­stel­lung, so fas­zi­nie­rend und nach­denk­lich stim­mend wie die di­gi­ta­len Tech­no­lo­gi­en selbst. Isa­bel Step­peler

DAS ICH IM SEL­FIE-SCHEIN: Ver­pi­xel­te Sel­fie-Vi­de­os von Frau­en aus der ara­bi­schen Welt zeigt die Künst­le­rin, Au­to­rin und Fil­me­ma­che­rin Sophia Al Ma­ria. Fo­to: Grün­schloss

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