Ex­qui­si­te Klang­far­ben

Der Pia­nist An­drás Schiff er­öff­ne­te die Pfingst­fest­spie­le

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Als Pia­nist muss man nicht über ein wuch­ti­ges For­tis­si­mo ver­fü­gen, um die Wei­te des Fest­spiel­hau­ses Ba­den-Ba­den zu fül­len. Bei Sir An­drás Schiff reicht ein ab­ge­run­de­tes Pia­no, oft mit ex­qui­si­ten Klang­far­ben ver­se­hen. Dass der un­ga­ri­sche Pia­nist, der aus Pro­test ge­gen die po­li­ti­schen Zu­stän­de in sei­ner Hei­mat seit 2011 dort nicht mehr auf­tritt, im Ge­gen­satz zu vie­len sei­ner Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen nicht ei­nen St­ein­way, son­dern ei­nen in der Hö­he we­ni­ger bril­lan­ten, da­für wei­cher in­to­nier­ten Bö­sen­dor­fer wählt, macht Sinn: Ge­schmei­dig­keit des An­schlags ist Grund­la­ge ei­nes na­tür­lich wir­ken­den, flie­ßen­den Spiels, das bei al­ler Trans­pa­renz und ar­ti­ku­la­to­ri­schen Ge­nau­ig­keit von ei­ner in­ne­ren mu­si­ka­li­schen Lo­gik be­stimmt wird. Für den Er­öff­nungs­abend der Pfingst­fest­spie­le im lei­der nur schüt­ter be­setz­ten Fest­spiel­haus hat sich Schiff ein ex­qui­si­tes, da­bei sehr lo­gisch zu­sam­men­ge­stell­tes Pro­gramm aus­ge­wählt. Im ers­ten Teil stellt er Jo­hann Se­bas­ti­an Bach Be­la Bar­tók ge­gen­über, nach der Pau­se folgt die über­ra­schen­de Kom­bi­na­ti­on von Kom­po­si­tio­nen Leo­sˇ Janácˇeks mit Ro­bert Schu­manns C-Dur Fan­ta­sie.

Schiff ist nicht nur ein wun­der­ba­rer Pia­nist, er spricht auch in gu­tem Deutsch an die­sem Abend über die Mu­sik. So er­läu­tert er die po­ly­pho­nen Struk­tu­ren bei Bach und Bar­tók und weist et­wa auf Ein­zel­hei­ten hin wie den „Dia­log“des Pos­til­li­ons mit sei­nem Pferd im 5. Satz von Bachs „Ca­pric­cio über die Abrei­se des ge­lieb­ten Bru­ders“. Und er bricht ei­ne Lan­ze für ein Bar­tókSpiel, das we­ni­ger per­kus­siv den fe­dernd-ge­schmei­dig ist.

Schiffs Mu­si­zie­ren ist bei al­ler rhyth­mi­scher Prä­gnanz wie bei Bar­tóks Tän­zen im­mer flie­ßend, kennt vie­le ago­gi­sche Nuan­cen. Das Ca­pric­cio des jun­gen Bach, ei­nes der we­ni­gen Bei­spie­le für pro­gram­ma­tisch ge­präg­te Mu­sik des Kom­po­nis­ten, wird un­ter sei­nen Hän­den eben­so zu ei­nem Ju­wel wie er die vier Du­et­te aus dem drit­ten Teil sei­ner „Cla­vier­übung“kon­tra­punk­tisch durch­leuch­tet.

Ist der an­ge­spro­che­ne Dia­log von Bach und Bar­tók leicht nach­zu­voll­zie­hen, so ist die Ver­bin­dung von Janácˇ eks „Im Ne­bel“zur ge­wal­ti­gen Schu­mann-Fan­ta­sie op. 17 nicht so ein­deu­tig. Ei­nen Bo­gen stellt si­cher die Emo­tio­na­li­tät der Kom­po­si­tio­nen dar: „Im Ne­bel“re­flek­tiert schmerz­haft die Trau­er Janácˇ eks um sei­ne 17jäh­rig ver­stor­be­ne Toch­ter, wäh­rend Schu­manns mit größ­ter Lei­den­schaft sei­ne Lie­be zu Cla­ra Wieck, sei­ner spä­te­ren Frau, be­schwört. Wie vie­le Ab­stu­fun­gen des Dun­kels Schiff bei Janácˇek kennt, wie er die we­ni­gen fröh­li­chen Re­mi­nis­zen­zen in die von Trau­er ge­präg­ten Stü­cke des Zy­klus ein­bin­det, ver­blüfft im­mer wie­der. Da­bei ist sein Ton stets kul­ti­viert, die dy­na­mi­schen Zwi­schen­stu­fen und An­schlags­nu­an­cen wer­den nie­mals ei­nem emo­tio­na­len Über­druck ge­op­fert, zu dem die­se Mu­sik ver­lei­ten kann.

Schu­manns Lie­bes­rin­gen um Cla­ra, de­ren Va­ter ge­gen ei­ne Ver­bin­dung der er­folg­rei­chen Pia­nis­tin mit dem un­be­kann­ten Kom­po­nis­ten war, schlägt sich im ers­ten Satz der C-Dur Fan­ta­sie mit ei­nem Beet­ho­ven-Zi­tat aus des­sen Lie­der­zy­klus „An die fer­ne Ge­lieb­te“nie­der. Die­ses Zi­tat nimmt Schu­mann in ei­ner frü­hen Fas­sung des Fi­na­les, auf die Schiff von dem Pia­nis­ten und Mu­sik­wis­sen­schaft­li­cher Charles Ro­sen auf­merk­sam ge­macht wur­de, wie­der auf. Zwar hat Schu­mann sich letzt­lich ge­gen die ur­sprüng­li­che Idee ent­schie­den, doch ist Schiffs Wahl die­ses frü­he­ren Fas­sung des Fi­na­les kein Sa­kri­leg. Sein Spiel be­tont bei al­ler Lei­den­schaft die po­ly­pho­ne Struk­tur der C-Dur Fan­ta­sie, lässt die Mu­sik far­ben­reich leuch­ten, oh­ne dy­na­mi­sche Wucht und Ak­zen­te in den Vor­der­grund zu rü­cken. Tes­to­ste­ron­ge­schwän­ger­tes Spiel war die Sa­che des Pia­nis­ten nie, das He­roi­sche be­son­ders im ge­fürch­te­ten zwei­ten Satz wird Be­leuch­tungs­wech­seln un­ter­zo­gen, oh­ne die Vir­tuo­si­tät zu über­stei­gern. Das Finale in der er­wähn­ten Früh-Fas­sung wird un­ter Schiff Hän­den zu ei­nem Mira­kel ge­schlif­fe­ner Pia­nis­tik, aus­drucks­stark, weich flie­ßend und von größ­ter In­ten­si­tät. Claus Wal­ters

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