Ein un­ver­hält­nis­mä­ßi­ger Ein­griff

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Le­ser­brief zu „Ka­me­ras, Lam­pen und ei­ne Aball-App“in der Aus­ga­be vom 31. Mai 2017: Die Stadt plant, die Bahn­hofs­un­ter­füh­run­gen per Vi­deo zu über­wa­chen. Das ist ein un­ver­hält­nis­mä­ßi­ger Ein­griff in die Grund­rech­te al­ler Bür­ger, die täg­lich die Un­ter­füh­run­gen durch­que­ren müs­sen. Wer von der Nord­stadt in die In­nen­stadt oder als Bahn­pend­ler nur auf die Bahn­stei­ge möch­te, kann ei­ner sol­chen Vi­deo­über­wa­chung nicht aus­wei­chen. Er wird täg­lich er­fasst: „So so, Herr Mül­ler nimmt al­so heu­te nicht den IC um 7.27 Uhr nach Stutt­gart son­dern erst den IRE um 7.52 Uhr. Und er kommt schon mit dem IC um 16.32 Uhr wie­der zu­rück. Ar­bei­tet der gar nicht mehr Voll­zeit?“Die Mög­lich­keit ei­nes sol­chen Ein­griffs wiegt für mich deut­lich schwe­rer als die an­geb­li­che Ver­bes­se­rung ei­nes va­gen sub­jek­ti­ven Si­cher­heits­ge­fühls.

Vi­deo­über­wa­chung ist au­ßer­dem nicht da­zu ge­eig­net, selbst schwe­re Straf­ta­ten zu ver­hin­dern. Der mut­maß­li­che Mord an ei­ner Er­zie­he­rin am Schloss­berg wur­de von ih­rem Ehe­mann in al­ler Öf­fent­lich­keit ver­übt. Kei­ne Vi­deo­über­wa­chung der Welt hät­te die­se grau­sa­me Tat ver­hin­dern kön­nen. Glück­li­cher­wei­se ist aber Pforz­heim ei­ne der si­chers­ten Städ­te in Ba­den-Würt­tem­berg. Es gibt kei­ne Tat­sa­chen, die auf ei­ne be­son­de­re Ge­fahr von schwe­ren Straf­ta­ten in der Öf­fent­lich­keit hin­deu­ten. Das gilt auch für die Bahn­hofs­un­ter­füh­run­gen.

Es muss für al­le Bür­ger je­der­zeit mög­lich sein, ihr Le­ben un­be­ob­ach­tet zu le­ben. Wenn da­durch man­ches, was si­cher­heits­tech­nisch mach­bar wä­re, nicht ge­macht wer­den kann, dann ist das der Preis, den wie al­le für un­se­re freie und of­fe­ne Ge­sell­schaft zu zah­len be­reit sein soll­ten. Lutz Horn 75177 Pforz­heim

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