Mit der Schmuck­in­dus­trie ent­wi­ckelt sich in Pforz­heim ein Ar­chi­tek­tur­stil

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

250 Jah­re Pforz­hei­mer Schmuck­ge­schich­te ste­hen für wirt­schaft­li­ches Auf und Nie­der. Sie ste­hen aber auch für Ge­schich­ten und Ge­schicht­chen, die span­nend sind, nicht sel­ten in ih­rer Zeit für Un­ter­hal­tung sorg­ten und teil­wei­se bis heu­te die Iden­ti­tät der Stadt prä­gen.

Die Pforz­hei­mer Schmuck­in­dus­trie, die in die­sem Jahr ihr 250-jäh­ri­ges Be­ste­hen fei­ert, hat auch in der Ar­chi­tek­tur der Stadt Spu­ren hin­ter­las­sen. Als ty­pi­sche Bau­wei­se in der Pforz­hei­mer Schmuck­in­dus­trie eta­blier­te sich ein Stadt­haus, das Ge­schäfts- und Fa­b­ri­ka­ti­ons­räu­me des Be­trie­bes ei­ner­seits, an­de­rer­seits die Wohn­räu­me des Fa­b­ri­kan­ten und sei­ner Fa­mi­lie um­fass­te. Der Über­gang zwi­schen die­sen Funk­ti­ons­be­rei­chen war flie­ßend ge­stal­tet. Zur Stra­ße hin prä­sen­tier­te sich meist das statt­li­che Wohn­haus, wäh­rend das im Hof ge­le­ge­ne Fa­b­rik­ge­bäu­de in der Re­gel eher schlicht und funk­tio­nal ge­baut war.

Pforz­heim ver­lor am 23. Fe­bru­ar 1945 zahl­rei­che die­ser ty­pi­schen Bau­ten, doch ei­ni­ge sind er­hal­ten. Weil der Luft­an­griff ins­be­son­de­re auf die In­nen­stadt ziel­te, fin­den sich die­se in der Re­gel auf den An­hö­hen oder in den eher au­ßen ge­le­ge­nen Stadt­tei­len.

Ei­ne Aus­nah­me gibt es. Aus der Grün­der­zeit ist ei­ne ein­zi­ge Fa­b­ri­kan­ten­vil­la er­hal­ten, die sich zu­dem im Be­reich der In­nen­stadt be­fin­det: Die Vil­la Bi­zer in der Tun­nel­stra­ße 31. Sie wur­de 1877 für den Ring­fa­bri­kan­ten Wil­helm Bi­zer er­rich­tet. Al­ler­dings ent­sprach die­ser Bau nicht ganz dem ty­pi­schen, denn das Fa­b­ri­ka­ti­ons­ge­bäu­de lag hier ne­ben (und nicht hin­ter) der Wohn­vil­la. Der prunk­vol­le Bau war sei­ner­zeit ei­ner von vie­len in die­sem Stadt­teil: Zur Hoch­pha­se der Schmuck­in­dus­trie um 1900 wa­ren im „Mil­lio­nen­vier­tel“, wie es die Pforz­hei­mer nann­ten, zahl­rei­che Bi­jou­te­rie­fa­bri­ka­tio­nen an­säs­sig.

Auf den ers­ten Blick un­schein­ba­rer, doch auf den zwei­ten nicht min­der be­ein­dru­ckend, prä­sen­tiert sich das Wohn­fa­brik­haus der Fa­mi­lie Wan­kel in der Schwarz­wald­stra­ße 9 im Rod­ge­biet. Es ent­stand 1897 nach Plä­nen des Pforz­hei­mer Ar­chi­tek­ten Al­bert Rau. Der Fa­b­ri­kant Theo­dor Wan­kel ließ es für sei­nen Be­trieb und für sei­ne Fa­mi­lie bau­en. Ein Ge­bäu­de im Hof be­her­berg­te die Pro­duk­ti­on, im Erd­ge­schoss wa­ren die Ge­schäfts­räu­me un­ter­ge­bracht. In den Ober­ge­schos­sen leb­te die Fa­mi­lie.

Un­weit da­von, in der Bleich­stra­ße 92 bis 106, fin­det sich ein gan­zes Ge­bäu­de­en­sem­ble, das er­ah­nen lässt, wie der Ju­gend­stil sei­ne bau­li­chen Spu­ren in der Gold­stadt hin­ter­ließ. Hin­ter den Vor­der­häu­sern mit ih­ren Sand­stein­fas­sa­den, ver­ziert mit Re­liefs und Mo­sai­ken, ste­hen die schlichter ge­hal­te­nen Ge­bäu­de­flü­gel im Hof, in de­nen einst die Ma­nu­fak­tu­ren be­hei­ma­tet wa­ren.

Auch in der Nord­stadt gibt es sie noch, die stei­ner­nen Zeu­gen der ty­pi­schen „Gold­stadt­ar­chi­tek­tur“. Ei­nes der im­po­san­tes­ten Bei­spie­le ist die ehe­ma­li­ge Me­tall­wa­ren­fa­brik Wolff in der Ho­hen­zol­lern­stra­ße 81-83, er­baut 1907. Auch hier fin­den sich zwei Ge­bäu­de mit ge­trenn­ten Funk­tio­nen. Der ei­ne Ge­bäu­de­flü­gel um­fass­te die Fa­b­rik. Der zwei­te dien­te der Re­prä­sen­ta­ti­on und be­her­berg­te die Ge­schäfts­räu­me so­wie die Wohn­räu­me. Ob das of­fen­sicht­lich als „Bel­eta­ge“ge­stal­te­te zwei­te Ober­ge­schoss je als Woh­nung ge­nutzt wur­de, ist nicht be­legt. Wahr­schein­lich wur­den auch die­se Räu­me von Be­ginn an als Fir­men­kon­tor ge­nutzt. Denn et­wa ab den 1890er Jah­ren be­gann es schick zu wer­den, Fa­b­ri­ka­ti­on und Wohn­raum kla­rer zu tren­nen. Die Fa­b­ri­kan­ten, die es sich leis­ten konn­ten, zo­gen dann be­vor­zugt in je­ne Vil­lenS­tadt­tei­le, die rei­ne Wohn­ge­bie­te wa­ren. Ana Kug­li

AUF STADT­RUND­GANG: Uta Stock-Gru­ber, Do­ro­thea Vogt­län­der, Marc-Tell Fell, Si­byl­le Schuss­ler, An­ke Baum­gär­tel, Hen­ning Ehr­hardt, Chris­toph Fel­ger, Lud­wig Wapp­ner und Angelika Dre­scher (von links) vor dem EM­MA. Fo­to: Opec

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