Wenn der Scha­ma­ne ums Kran­ken­la­ger tanzt

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE -

Sie steht mit bei­den Bei­nen fest im Le­ben, wo­mög­lich ein biss­chen zu fest, denn mit An­fang 50 sind Ka­trin Mül­lers Knie ka­putt. Ärz­te dia­gnos­ti­zie­ren Ar­thro­se, emp­feh­len Di­ät und Was­ser­gym­nas­tik, ver­schrei­ben Schmerz­mit­tel und Phy­sio­the­ra­pie. Doch nen­nens­wer­ter Er­folg bleibt aus, die Krank­heit schrei­tet fort, bald spre­chen die Me­di­zi­ner von künst­li­chen Ge­len­ken. Ka­trin Mül­ler, die in Wahr­heit an­ders heißt, möch­te den Ein­griff aber mög­lichst lan­ge auf­schie­ben. Denn künst­li­che Knie­ge­len­ke hal­ten nicht ewig, nach et­wa 15 Jah­ren müs­sen sie aus­ge­tauscht wer­den.

Ein wei­te­rer Or­tho­pä­de schlägt ei­ne „Ma­gnet-Bio­re­so­nanz-The­ra­pie“vor, bei der „pul­sie­ren­de Ma­gnet­fel­der“das na­he­zu ver­schwun­de­ne Knor­pel­ge­we­be an­geb­lich zu neu­em Wachs­tum an­re­gen. Er­fah­rungs­ge­mäß lie­ßen sich die Knie­schmer­zen deut­lich ver­rin­gern und die Ope­ra­ti­on so­mit ei­ne gan­ze Wei­le ver­ta­gen. Die Ab­kür­zung MBRT klingt ver­mut­lich ab­sicht­lich ganz ähn­lich wie MRT, hat mit der be­währ­ten Un­ter­su­chungs­me­tho­de Ma­gnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie aber nichts zu tun. Schon ober­fläch­li­ches Goo­geln klärt Mül­ler schnell dar­über auf, dass MBRT ein – ge­lin­de ge­sagt – höchst um­strit­te­nes Be­hand­lungs­ver­fah­ren ist. Wis­sen­schaft­lich an­er­kann­te Be­wei­se für ei­ne Wirk­sam­keit gibt es nicht, kei­ne Kran­ken­kas­se über­nimmt die Kos­ten. Ka­trin Mül­ler pro­biert es trotz­dem. Ein­mal wö­chent­lich be­kommt sie um je­des Knie ei­ne Man­schet­te ge­legt, von der Dräh­te in ei­nen ge­heim­nis­vol­len Ap­pa­rat füh­ren. Ein­schal­ten, ei­ne St­un­de Still­sit­zen, fer­tig. Au­ßer ei­ner leich­ten Er­wär­mung des Knies spürt sie wäh­rend der The­ra­pie nichts.

Doch nach zehn Sit­zun­gen zum Preis von ins­ge­samt rund 3 000 Eu­ro sind die Schmer­zen fast voll­stän­dig ver­schwun­den. Mül­ler kann wie­der pro­blem­los lau­fen und Trep­pen stei­gen, im fol­gen­den Win­ter geht sie Ski­fah­ren.

Nach knapp zwei Jah­ren sind die Schmer­zen zu­rück, er­neut un­ter­zieht sich Mül­ler der du­bio­sen The­ra­pie. Die­ses Mal be­kommt sie zu­sätz­lich Hyalu­ron­sprit­zen ins Knie – die nach Ur­teil der maß­geb­li­chen me­di­zi­ni­schen In­stan­zen bei Ar­thro­se kei­ner­lei Wir­kung ha­ben. Weil al­ler gu­ten Din­ge drei sind, ver­kauft der Arzt ihr oben­drein ei­ne Aku­punk­tur­be­hand­lung. Auch de­ren Nut­zen ist in Fach­krei­sen min­des­tens um­strit­ten. Nach ei­ni­gen Wo­chen ist Ka­trin Mül­ler wie­der ei­ni­ge tau­send Eu­ro los – aber auch für wei­te­re an­dert­halb Jah­re schmerz­frei.

Zig Mil­li­ar­den Eu­ro ge­ben die Deut­schen je­des Jahr für An­wen­dun­gen und Heil­mit­tel aus, die nach Ein­schät­zung der Wis­sen­schaft kei­nen mess­ba­ren Ef­fekt ha­ben. Nach ver­schie­de­nen Um­fra­gen ha­ben bis zu 80 Pro­zent der Bun­des­bür­ger Er­fah­rung mit ho­möo­pa­thi­schen Kü­gel­chen oder fern­öst­li­chen Mas­sa­gen ge­macht, Edel­stein-, Aro­ma- oder Ma­gnetthe­ra­pi­en aus­pro­biert, sich Na­deln in die Haut ste­chen und Kräu­ter­tee in den End­darm pum­pen las­sen. Wer lan­ge mit un­kla­ren Be­schwer­den ver­geb­lich von Arzt zu Arzt ge­lau­fen ist, lässt sich schon mal auf Me­di­zin­män­ner und -frau­en ein, die nach ei­nem blo­ßen Blick ins Au­ge des Lei­den­den ei­ne end­gül­ti­ge Dia­gno­se stel­len. Oder mit­tels ei­nes Pen­dels, das sie über sei­nem schmer­zen­den Leib krei­sen las­sen. So­dann ver­spricht der Hei­ler, Fel­der im Kör­per des Pa­ti­en­ten zu ent­stö­ren, sein Qi zum Flie­ßen, sei­ne Dos­has ins Gleich­ge­wicht oder sei­ne Au­ra zum Leuch­ten zu brin­gen.

Dem stren­gen Blick mo­der­ner Wis­sen­schaft­ler hal­ten all die­se Dia­gno­se- und The­ra­pie­kon­zep­te nicht stand – aber Glau­be und Aber­glau­be sind nüch­ter­nen Ar­gu­men­ten eben nicht zu­gäng­lich. Und selbst Zeit­ge­nos­sen, die mit dem teils re­li­gi­ös an­mu­ten­den theo­re­ti­schen Über­bau von Chi­ro­prak­tik, Os­teo­pa­thie, Ho­möo­pa­thie oder an­thro­po­so­phi­scher Me­di­zin nichts am Hut ha­ben, be­rich­ten glaub­haft, dass ih­nen ei­ne dar­auf be­ru­hen­de Be­hand­lung ge­hol­fen ha­be. „Wer heilt, hat Recht“lau­tet denn auch das meist­ge­brauch­te Ar­gu­ment von Al­ter­na­tiv­me­di­zi­nern jeg­li­cher Cou­leur. Ob die Hei­lung vi­el­leicht auch von selbst ein­ge­tre­ten wä­re, weil Er­käl­tung, Rü­cken­weh oder Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den fast im­mer nach ein paar Ta­gen oder Wo­chen ab­klin­gen, lässt sich im Nach­hin­ein nicht mehr klä­ren.

Aber selbst die größ­ten Geg­ner von Glo­bu­li und Ge­sund­be­te­rei ge­ste­hen der Eso­te­ri­kbran­che ge­wis­se Wir­kung zu. Sie re­sul­tiert zum ei­nen schlicht dar­aus, die Be­hand­ler sich Zeit für ih­re Pa­ti­en­ten neh­men. Aus­führ­li­che Ge­sprä­che und ge­dul­di­ge Zu­wen­dung tun je­dem Men­schen gut, sind aber in nor­ma­len Arzt­pra­xen und Kli­ni­ken nicht vor­ge­se­hen.

Vor al­lem aber wirkt der Pla­ce­bo-Ef­fekt. Da­bei ver­ur­sacht al­lein die Er­war­tung, dass ein Arz­nei­mit­tel, ei­ne Be­hand­lung oder auch nur ein Ri­tu­al be­stimm­te Wir­kung hat, im Kör­per des Pa­ti­en­ten mess­ba­re Fol­gen: Puls­schlag und Blut­druck sin­ken, ver­spann­te Mus­keln lö­sen sich, Schmerz wird schwä­cher. Wer an Bach­blü­ten glaubt, braucht abends nur ein paar Trop­fen der ein­schlä­gi­gen Mi­schung, um ru­hi­ger zu schla­fen. Wenn der Rei­ki-Meis­ter sei­ner Jün­ge­rin die Hand auf­legt, lö­sen sich Ver­kramp­fun­gen. Und nach An­ru­fung von Sankt Bla­si­us ver­schwin­det bei man­chem Chris­ten so­fort das Hals­weh.

Wo­mög­lich ist der Pla­ce­bo-Ef­fekt so­gar ge­ne­tisch im Men­schen ver­an­kert. Denn schon in grau­er Vor­zeit tanz­te der Scha­ma­ne in vol­lem Or­nat ums Kran­ken­la­ger un­se­rer Vor­fah­ren. Sei­ne Be­schwö­rungs- for­meln, sein Trom­mel­spiel, sein Rauchop­fer misch­ten sich in die Fie­ber­träu­me des Pa­ti­en­ten und in die ban­ge An­span­nung der Sip­pe. Kam der Kran­ke nach ein paar Ta­gen wie­der auf die Bei­ne, wuss­ten al­le ge­nau, was ihn ge­heilt hat­te – und was beim nächs­ten Mal wie­der hel­fen wür­de.

Für die mo­der­ne For­schung sind Pla­ce­bos wich­ti­ge Hilfs­mit­tel. Um zu über­prü­fen, ob und wel­chen Nut­zen ein neu ent­wi­ckel­tes Me­di­ka­ment bringt, wer­den Ver­suchs­per­so­nen mit über­höh­tem Blut­druck nach dem Zu­falls­prin­zip in zwei Grup­pen auf­ge­teilt. Die ei­ne Grup­pe nimmt streng nach An­wei­sung oder gar un­ter Auf­sicht die neue Ta­blet­te, die an­de­re schluckt das Pla­ce­bo, ei­ne iden­tisch aus­se­hen­de Ta­blet­te aus Milch­zu­cker oder ei­nem an­de­ren wirk­stoff­frei­en Ma­te­ri­al. Den Kan­di­da­ten wird ver­heim­licht, wel­che der bei­den Va­ri­an­ten sie je­weils be­kom­men. Auch die Mit­ar­bei­ter, die die Arz­nei aus­ge­ben und die Kan­di­da­ten un­ter­su­chen, tap­pen im Dunk­len, da­mit sie die Ver­suchs­per­so­nen nicht un­be­wusst be­ein­flus­sen. Des­dass halb hei­ßen sol­che Un­ter­su­chun­gen Dop­pelb­lind-Stu­di­en.

Nach die­sem Prin­zip las­sen sich fast al­le Arz­nei­en und The­ra­pi­en tes­ten. Um von der Fach­welt und von Über­wa­chungs­be­hör­den an­er­kannt zu wer­den, müs­sen Stu­di­en be­stimm­te Qua­li­täts­kri­te­ri­en er­fül­len. Da­mit nicht der Zu­fall die Er­geb­nis­se ver­zerrt, braucht es zum Bei­spiel ei­ne mög­lichst gro­ße Zahl von Ver­suchs­per­so­nen. Auch de­ren Al­ter und Ge­schlecht spielt ei­ne Rol­le. So krankt die Kar­dio­lo­gie bis heu­te dar­an, dass sie Dia­gno­se und The­ra­pie von Herz­lei­den jahr­zehn­te­lang fast aus­schließ­lich an al­ten Män­nern er­forscht und er­probt hat.

Glo­bu­li, Schüß­ler-Sal­ze oder Bach­Blü­ten je­den­falls schnei­den in Dop­pelb­lind-Stu­di­en nicht bes­ser ab als Pla­ce­bos. Was lo­gisch ist, denn das ho­möo­pa­thi­sche Prin­zip der viel­tau­send­fa­chen Ver­dün­nung lässt vom Wirk­stoff nichts üb­rig. Und die meis­ten Stu­di­en, die der Aku­punk­tur Wirk­sam­keit ge­gen al­ler­lei Lei­den be­schei­ni­gen, wur­den in Chi­na an­ge­fer­tigt, wo die Na­de­lei als Teil der „Tra­di­tio­nel­len chi­ne­si­schen Me­di­zin (TCM)“Na­tio­nal­hei­lig­tum ist. Ein Wis­sen­schaft­ler, der dort die – üb­ri­gens erst zu Ma­os Zei­ten er­fun­de­ne – TCM schlecht aus­se­hen lie­ße, ris­kier­te mehr als nur sei­ne Kar­rie­re.

In un­se­rer frei­en Ge­sell­schaft wird nie­mand von Staats we­gen zur Al­ter­na­tiv­me­di­zin be­kehrt. An­de­rer­seits küm­mert sich der Staat auch kaum um die Über­wa­chung der Sze­ne. So wä­re das noch aus der Na­zi­zeit stam­men­de Heil­prak­ti­ker­ge­setz drin­gend re­form­be­dürf­tig. Aber da­von lässt der klu­ge Po­li­ti­ker ge­nau­so sei­ne Fin­ger wie vom Tem­po­li­mit auf Au­to­bah­nen – er will ja schließ­lich wie­der­ge­wählt wer­den.

Auf den ers­ten Blick ist es ja auch nicht wei­ter schlimm, wenn Men­schen Halb­edel­stei­ne in die Ka­raf­fe le­gen, weil sie glau­ben, dass das sol­cher­ma­ßen „bio­en­er­ge­ti­sier­te“Trink­was­ser der Ver­dau­ung för­der­lich ist. Oder sich ge­gen Flug­angst Glo­bu­li auf Ke­ro­sin­ba­sis ver­ord­nen las­sen. Oder zu Fron­leich­nam ge­weih­te Kräu­ter­bü­schel un­ters Kopf­kis­sen ste­cken zwecks Er­halt des ehe­li­chen Glücks. Soll doch je­der nach sei­ner Fa­con se­lig be­zie­hungs­wei­se ge­sund wer­den.

Höchst pro­ble­ma­tisch wird die Sa­che je­doch, wenn Ver­fech­ter der Al­ter­na­tiv­me­di­zin auch bei schwe­ren Krank­hei­ten ei­ne re­gu­lä­re Be­hand­lung ab­leh­nen. Es ist zwar nach­voll­zieh­bar, dass Krebs­pa­ti­en­ten vor den äu­ßerst be­las­ten­den Che­mound Be­strah­lungs­the­ra­pi­en der On­ko­lo­gen flüch­ten und ihr Heil in den Kräu­ter­mi­schun­gen oder Ma­gne­ti­sie­rungs­ap­pa­ra­ten ei­nes Wun­der­hei­lers su­chen. Ih­re Über­le­bens­chan­cen sin­ken da­bei aber in der Re­gel ge­gen null. Die Staats­an­walt­schaft Kre­feld er­mit­telt ge­ra­de we­gen 70 sol­cher To­des­fäl­le ge­gen ei­nen Heil­prak­ti­ker.

Noch übler: Weil die meis­ten Hei­ler mit haar­sträu­ben­den Ar­gu­men­ten ge­gen Imp­fun­gen agi­tie­ren, ver­wei­gert die Ge­folg­schaft oft ih­ren Kin­dern die­sen po­ten­zi­ell le­bens­ret­ten­den Schutz. So wer­den seit ein paar Jah­ren in Deutsch­land bei­spiels­wei­se ver­mehrt Ma­sern­aus­brü­che re­gis­triert. Mög­li­che Fol­ge der an­geb­lich harm­lo­sen Kin­der­krank­heit sind schwers­te Hirn­schä­den bis hin zum Tod. Die so­ge­nann­te sanf­te Me­di­zin kann bru­ta­le Kon­se­quen­zen ha­ben.

Sön­ke Boldt

GLAU­BE VER­SETZT BER­GE: Auf der Su­che nach Hei­lung lässt sich die gro­ße Mehr­heit der Deut­schen auf Be­hand­lun­gen ein, de­ren Nut­zen min­des­tens um­strit­ten ist. Fo­tos: dpa

HÖ­HE­RER BLÖD­SINN UND GE­FÄHR­LI­CHER UN­SINN: Wer glaubt, dass ein Hei­ler die Au­ra sei­nes Pa­ti­en­ten fo­to­gra­fie­ren kann (lin­kes Bild), der kauft auch Kris­tal­le zur „Ener­ge­ti­sie­rung“von Was­ser. Das In­ha­lie­ren von Bie­nen­stock­luft ha­ben Be­hör­den schon zu ver­bie­ten ver­sucht. Im nie­der­säch­si­schen Han­de­loh (rechts) muss­ten No­t­ärz­te von weit­her an­rü­cken, um Mit­glie­der ei­ner Heil­prak­ti­ker­sek­te nach ei­nem Dro­gen­ex­pe­ri­ment zu ret­ten. Ar­chiv­fo­tos: dpa

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