Vie­le Bal­lons und noch mehr hei­ße Luft

15. Mon­di­al Air Bal­lons 2017 im Ju­li in Loth­rin­gen

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE - GANZ SCHÖN AUF­GE­BLA­SEN: Mont­gol­fie­ren so­weit das Au­ge reicht. Fo­to: P. Bo­dez Mon­di­al Air Bal­lons

Auch das noch, Schei­ben krat­zen, im Früh­ling. Und ein klei­nes mul­mi­ges Ge­fühl im Bauch. 5.45 Uhr. End­lich. Start von Lach­aus­sée, die schma­le Stra­ße ent­lang, He­cken, Hü­gel, wei­ße Kuh­köp­fe, die wie Fa­bel­we­sen aus dem Dunst ra­gen. Blaue St­un­de, al­les ist ge­dämpft, weich vor sam­te­nem, schwarz­blau­em Him­mel. Der Mond steht über dem Ho­ri­zont. Ein di­cker schwar­zer Trop­fen hängt da­ne­ben, schwebt da­von, hin und wie­der un­ter ihm ein wei­ßes Leuch­ten.

We­ni­ge Ki­lo­me­ter Luft­li­nie wei­ter ein klei­nes Flug­feld. Laure de Co­li­gny steigt aus dem Au­to, strah­lend, ein­neh­mend. Mit we­ni­gen Hand­grif­fen lädt die klei­ne Cr­ew der 28-Jäh­ri­gen den Korb ab: Au­drey, die noch „fah­ren“lernt und sich kurz nach 4 Uhr na­he der Lu­xem­bur­ger Gren­ze aus dem Bett ge­pellt hat, Ray­mond-Thier­ry, der halb pro­fes­sio­nel­le Wet­ter­frosch und Yan­nis. Er möch­te heu­te auch zum ers­ten Mal in die Luft ge­hen.

Bal­lon­fah­ren, der Traum vom Flie­gen. Die Fran­zo­sen sa­gen in der Tat flie­gen, auf Deutsch spricht der Fach­mann un­pro­sa­isch von „fah­ren“. Nicht ir­gend­wo, son­dern in Loth­rin­gen. An­ge­peil­tes Ziel ist der Flug­ha­fen Cham­bley Pla­net Air. Dort or­ga­ni­siert Phil­ip­pe Bu­ron-Pilât­re al­le zwei Jah­re die „Mon­di­al Air Bal­lons“, ein Welt­tref­fen der Heiß­luft­bal­lon­fah­rer 2015 wa­ren 433 Bal­lons in der Luft, die in drei Ki­lo­me­ter lan­gen Rei­hen ge­star­tet wa­ren.

Am 21. Ju­li ist es wie­der so­weit. Rund 3000 Pi­lo­ten und Mann­schaf­ten mit 1 000 Mont­gol­fie­ren so­wie bis zu 400 000 Be­su­cher er­war­tet der Grün­der des Fes­ti­vals auf dem Ae­ro­drom.

In sieb­ter Ge­ne­ra­ti­on führt Phil­ip­pe Bu­ron-Pilât­re die Tra­di­ti­on fort und mit Tech­no­lo­gie- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tun­gen ins 21. Jahr­hun­dert. Die Fa­mi­lie des pas­sio­nier­ten Pi­lo­ten und Aus­bil­ders geht auf Je­an-François Pilât­re de Ro­zier zu­rück. Der Loth­rin­ger war Pio­nier der Bal­lon­luft­fahrt, ge­fei­er­ter Pi­lot. Und ihr ers­tes Op­fer. 1785 ver­un­glück­te er bei der Über­que­rung des Är­mel­ka­nals töd­lich, da­mals noch im kom­bi­nier­ten Gas-Heiß­luft­bal­lon.

Al­le tra­gen hier fes­te Schu­he, war­me Ja­cken. Laure de Co­li­gny taucht in den Korb. Schon ste­cken die Stüt­zen, die bei­den Gas­bren­ner sind be­fes­tigt, die Stan­gen ver­schwin­den im Män­tel­chen. „Wir müs­sen se­hen, ob wir flie­gen kön­nen. Ab 100 Me­tern weht der Wind sehr stark, das könn­te bei der Lan­dung pro­ble­ma­tisch wer­den“, sagt Laure. Sie lässt Gas in ei­nen Luft­bal­lon zi­schen. Al­le Köp­fe ge­hen nach oben. Laure schaut durch den Kom­pass. „Der Wind ist im­mer noch stark. Und die Rich­tung stimmt nicht. Wir ha­ben ja ei­nen Lan­de­platz im Vi­sier“, sagt die Pi­lo­tin. „Wir war­ten, bis die Son­ne auf­geht.“

„Flie­gen, das ist et­was Ver­rück­tes. Ich hab’ das Ge­fühl ab­so­lu­ter Frei­heit. Man ist völ­lig los­ge­löst vom All­tag“, er­zählt Co­li­gny. Zu­gleich ist da die to­ta­le Kon­zen­tra­ti­on: Wet­ter, Wind, Gas­vor­rat und die Ver­ant­wor­tung für die Pas­sa­gie­re. „Auch mit gro­ßer Er­fah­rung muss man wach­sam blei­ben. Das schmä­lert das fan­tas­ti­sche Ge­fühl und das Na­tur­er­leb­nis in kei­ner Wei­se“, sagt die Pi­lo­tin.

Grau-blau­er Dunst liegt auf der Wie­se. Die ers­ten Son­nen­strah­len strei­chen über den Hü­gel. Laure durch­bricht den Zau­ber, der nächs­te Luft­bal­lon geht ab. Sie greift zum Kom­pass. Ray­mond-Thier­ry, der für Mé­téo Fran­ce täg­lich Wet­ter­da­ten er­fasst, dis­ku­tiert den Wind. Au­drey holt die Kar­te. „Nein, der Wind ist zu stark, die Lan­dung wä­re schwie­rig. Und der Wind treibt uns in die fal- sche Rich­tung. Wir müss­ten uns ei­nen an­de­ren Start­platz su­chen. Doch da­für ist es zu spät.“, sagt Laure de Co­li­gny. Ab­bau­en, ein­pa­cken, kein Mur­ren. „Ich bin mit Kom­pass und Kar­te groß ge­wor­den“, er­zählt sie.

Mit zehn Jah­ren klet­ter­te sie zum ers­ten Mal in ei­nen Korb, sie konn­te ge­ra­de über den Rand gu­cken. Sie fuhr mit ih­ren El­tern, bei­de selbst Pi­lo­ten. Mit 18 Jah­ren hat­te Laure de Co­li­gny ih­re Li­zenz und „Fahr­er­laub­nis“in der Ta­sche. 2015 hol­te sie vor der Na­se der ver­dutz­ten Kol­le­gen den fran­zö­si­schen Meis­ter­ti­tel – als zwei­te Frau nach Helè­ne Do­ri­gny 1977. Ver­gan­ge­nes Jahr hat sie sich bei den Welt­meis­ter­schaf­ten in Ja­pan mit den bes­ten Pi­lo­ten aus 30 Län­dern ge­mes­sen. Sie lacht: „Ich war ei­ne von acht Frau­en un­ter 110 Män­nern.“

Wie geht das über­haupt, fah­ren durch die Luft? Im Prin­zip ganz ein­fach. Die war­me Luft im Bal­lon hebt den Korb hoch. Kühlt sie ab, geht’s run­ter. Und rechts und links? Da kommt das Prin­zip Auf­zug zum Tra­gen. Denn len­ken im her­kömm­li­chen Sin­ne lässt sich das Ge­fährt nicht. Wer ab­bie­gen will, muss sich den pas­sen­den Wind su­chen. Al­so rauf und run­ter in ei­nen an­de­ren „Luft­zug“. Bei Spit­zen­sport­lern funk­tio­niert das so gut, dass sie auf Erd­zie­le Sand­säck­chen punkt­ge­nau ab­wer­fen kön­nen. „Die Nacht­fahrt ist da spe­zi­el­ler. Man sieht ja den Bo­den nicht“, sagt Thier­ry Ba­ron.

Die Cr­ew der fran­zö­si­schen Meis­te­rin ist ins Flug­zen­trum in Cham­bley zu­rück­ge­kehrt. Dort tau­chen Thier­ry, Guil­lau­me und De­nis auf, al­le er­fah­re­ne Pi­lo­ten. Mit­ten­drin Phil­ip­pe Bu­ron Pilât­re, ei­ne Au­to­ri­tät.

Phil­ip­pe Bu­ron Pilât­re steckt sich ein Zi­ga­ril­lo an. Er hat mehr als 2000 St­un­den in der Luft auf dem Bu­ckel. Wie kein an­de­rer kennt er die Ge­schich­te der Bal­lon- und Luft­fahrt ge­ra­de an der deutsch-fran­zö­si­schen Gren­ze, auch in Kriegs­zei­ten. Er er­zählt von den ers­ten In­sas­sen in Pa­ris (Schaf, En­te, Hahn), die 1783 zur Fei­er des Ver­sail­ler Ver­trags vor den Au­gen Ben­ja­min Fran­klins in die Luft gin­gen. We­ni­ge Ta­ge spä­ter hebt Pilât­re de Ro­zier, sein Vor­fahr, in ei­nem Pro­to­ty­pen ab. Ei­ne re­gel­rech­te Mo­de bricht los. In Loth­rin­gen hat sein Er­be die Mont­gol­fiè­re wie­der po­pu­lär und mit Un­ter­stüt­zung der Re­gi­on zu ei­nem Wirt­schafts­fak­tor ge­macht. In Metz hat­te Phil­ip­pe Bu­ron Pilât­re, ne­ben sei­ner Ar­beit als Jour­na­list für die Nach­rich­ten­agen­tur AFP, ein Mee­ting or­ga­ni­siert. Ein­ma­lig, so der Plan. Dann kam die Teil­nah­me in Al­bu­quer­que, bei der „In­ter­na­tio­nal Bal­loon Fies­ta“1986 und die Idee, zum 200. Ge­burts­tag der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on 1989 zu Hau­se in Loth­rin­gen ein Welt­fest zu or­ga­ni­sie­ren. „Ich lie­be die Ame­ri­ka­ner, aber als ich da 400 Bal­lons in der Luft sah, hab’ ich mir ge­sagt, das kön­nen wir bes­ser“, er­in­nert sich Bu­ron Pilât­re schmun­zelnd. Der Rest ist Ge­schich­te. Gi­se­la Jan­sen

WOL­LEN WIR EI­NEN ZI­SCHEN (las­sen)? Laure de Co­li­gny. Fo­to: Jan­sen

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