Die Gro­ße Ko­ali­ti­on der Müt­ter im Par­la­ment

Der Bun­des­tag hat ein Spiel­zim­mer be­kom­men

Pforzheimer Kurier - - FAMILIE UND GESELLSCHAFT -

Wenn es um klei­ne Kin­der, lan­ge Abend­sit­zun­gen und Ba­by­sit­ter geht, sind Par­tei­en nicht so wich­tig. Ob sie nun zu CDU oder SPD, Lin­ken oder Grü­nen ge­hö­ren – Müt­ter im Bun­des­tag ha­ben ähn­li­che Pro­ble­me. Und sie ar­bei­ten ge­mein­sam an der Lö­sung.

Vor Raum 1S002 im Reichs­tags­ge­bäu­de kann man den De­bat­ten im Plenar­saal lau­schen. Drin­nen lie­gen Spiel­tep­pi­che auf dem Bo­den, ste­hen Kis­ten mit Le­go und Bau­klöt­zen be­reit, war­ten Holz­puz­zle, Wachs­mal­krei­den und Bunt­stif­te auf ih­ren Ein­satz. Das neue Spiel­zim­mer ist ein Er­folg der Initia­ti­ve „El­tern in der Po­li­tik“. Dort kön­nen Ab­ge­ord­ne­ten-Kin­der wäh­rend der be­son­ders lan­gen De­bat­ten an Don­ners­ta­gen ab 17 Uhr und wäh­rend Son­der­sit­zun­gen spie­len und bei Be­darf auch auf Ma­trat­zen schla­fen, wenn die El­tern das – auf ei­ge­ne Kos­ten – bu­chen.

Die Müt­ter-Ko­ali­ti­on will da­mit mehr als nur für Be­treu­ung ih­rer Kin­der sor­gen. „Es geht uns um prak­ti­sche Ver­bes­se­run­gen, aber auch um ei­nen kul­tu­rel­len Wan­del. Sonst ha­ben wir nur fa­mi­li­en­fer­ne Men­schen in der Po­li­tik“, sagt Kris­ti­na Schrö­der von der CDU, die ehe­ma­li­ge Fa­mi­li­en- mi­nis­te­rin, die 2011 als ers­te Bun­des­mi­nis­te­rin ein Kind be­kom­men hat­te und ih­ren Rück­zug vor der Bun­des­tags­wahl 2013 da­mit be­grün­de­te, dass sie mehr Zeit für die Fa­mi­lie wol­le.

Fran­zis­ka Brant­ner von den Grü­nen fin­det, der Bun­des­tag müs­se in Sa­chen Fa­mi­li­en­freund­lich­keit ein Vor­bild sein, man ver­lan­ge das ja auch von Un­ter­neh­men. Ih­re Toch­ter wer­de an die­sem Don­ners­tag sie­ben Jah­re alt und sei da­mit in­zwi­schen alt ge­nug, im Not­fall bei Freun­den zu über­nach­ten – aber es ge­he ja auch um die, die noch kom­men. Den An­stoß für „El­tern in der Po­li­tik“gab ei­ne Lis­te der Or­ga­ni­sa­ti­on „ab­ge­ord­ne­ten­watch.de“. Da lan­de­te Kris­ti­na Schrö­der in ei­ner Rang­lis­te von Po­li­ti­kern, die 2015 na­ment­li­che Ab­stim­mun­gen ver­passt hat­ten, recht weit oben. „Das hat mich tie­risch auf­ge­regt, denn ich war 14 Wo­chen im Mut­ter­schutz“, sagt sie.

Ih­rem Är­ger mach­te Schrö­der auf Twit­ter Luft und be­kam Un­ter­stüt­zung von Brant­ner. Ge­mein­sam mit Lin­ken-Che­fin Kat­ja Kip­ping, Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin Li­sa Paus so­wie Su­sann Rü­th­rich und Dagmar Schmidt von der SPD or­ga­ni­sier­ten sie sich. In­zwi­schen weist der Bun­des­tag aus, wenn je­mand ei­ne Ab­stim­mung im Mut­ter­schutz ver­passt. Üb­ri­gens sind nicht nur Müt­ter an Bord: „Vie­le jun­ge Vä­ter ha­ben sich ge­mel­det“, er­zählt Lin­ke-Che­fin Kip­ping, „da ver­schiebt sich was.“

Und war­um gibt es so ei­nen Raum nicht längst? „Müt­ter im Bun­des­tag sind tat­säch­lich ein re­la­tiv neu­es Phä­no­men“, sagt Ex-Mi­nis­te­rin Schrö­der, de­ren Töch­ter Lot­te und Mat­hil­de fünf und zwei Jah­re alt sind. Der Bun­des­tag wer­de jün­ger und weib­li­cher,

Er­folg der Initia­ti­ve „El­tern in der Po­li­tik“

Der Bun­des­tag wird jün­ger und weib­li­cher

und heu­te sei­en Frau­en we­ni­ger be­reit, für ei­ne Kar­rie­re auf Kin­der zu ver­zich­ten. Zah­len be­le­gen das: 1960 be­kam als ers­te Ab­ge­ord­ne­te El­frie­de Klem­mert von der CDU ein Kind, ein Jahr spä­ter kam ihr zwei­tes Ba­by zur Welt. Da­nach pas­sier­te nichts, bis Her­ta Däu­bler-Gme­lin (SPD) 1972 und 1974 Kin­der be­kam. Dann wa­ren es lan­ge im­mer ein oder zwei Kin­der pro Le­gis­la­tur­pe­ri­ode. Erst seit ei­ni­gen Jah­ren steigt die Zahl steil an. In die­ser Wahl­pe­ri­ode, die im Herbst en­det, ha­ben bis­her 21 Par­la­men­ta­rie­rin­nen ein Kind be­kom­men – das ist Re­kord. Te­re­sa Dapp

MÄCH­TIG STOLZ: Aber Kris­ti­na Schrö­der (CDU) hat es nicht al­lei­ne ge­schafft. Für die Ein­rich­tung ei­nes Spiel­zim­mers im Par­la­ment be­durf­te es ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.