Cinderella trifft Black Hawk

Pforzheimer Kurier - - FAMILIE UND GESELLSCHAFT - von Si­byl­le Kra­nich

Na­he­zu täg­lich kommt es im Er­zie­hungs­all­tag zu Si­tua­tio­nen, die dem Nah-Ost-Kon­flikt in punk­to Un­auf­lös­bar­keit in nichts nach­ste­hen. Ei­ne da­von ist die Durch­füh­rung ei­nes so ge­nann­ten „ge­mein­sa­men, ge­müt­li­chen Fil­me­abends.“Bei den Mus­ter­fa­mi­li­en aus den Ka­ta­log­wel­ten sieht das so leicht aus. Da sit­zen die wohl fri­sier­ten und or­dent­lich ge­klei­de­ten Mit­glie­der des Clans al­le­samt wohl ge­launt vor ei­nem rie­si­gen Flatscreen im blitz­sau­be­ren Wohn­zim­mer. Gum­mi­bär­chen und Chips wer­den in an­spre­chen­den De­si­gner­schäl­chen dar­ge­bo­ten und ste­hen al­ler­höchs­tens ei­ne Arm­län­ge von je­dem ein­zel­nen Fa­mi­li­en­mit­glied ent­fernt. Die Ge­sich­ter der El­tern und ih­rer Kin­der, un­ter­schied­li­chen Al­ters und Ge­schlechts, re­flek­tie­ren im Schein der TV-Ge­rä­te auf­merk­sa­me Ge­spannt­heit und pu­re Har­mo­nie.

Je­der, der Kin­der in der FSK-Al­ters­span­ne zwi­schen der Eis­kö­ni­gin und dem Ex­or­zis­ten hat, ahnt, dass sol­che Bil­der al­lein der Fan­ta­sie ei­nes Wer­be­men­schen ent­stam­men kön­nen. Je­der Fa­mi­li­en­mensch weiß näm­lich ge­nau, dass „ge­mein­sa­me, ge­müt­li­che Film­aben­de“schon min­des­tens zwei un­er­füll­ba­re Be­din­gun­gen im­pli­zie­ren. „Ge­mein­sam“und „ge­müt­lich“näm­lich.

Recht schnell un­ge­müt­lich wird es schon bei der Aus­wahl des Films. Die Vor­schlags­lis­te der Teil­neh­mer be­inhal­tet Mach­wer­ke höchst un­ter­schied­li­chen In­halts und ci­ne­as­ti­scher Qua­li­tät. Auf Va­ters Wunsch­zet­tel ganz oben steht schon fast seit der Pre­mie­re im Jahr 1964 der bri­ti­sche Kriegs­film „Zu­lu“. „Den müsst ihr se­hen. Wie die Zu­lus plötz­lich auf dem Hü­gel ste­hen – groß­ar­tig“, ver­sucht er, ei­nen afri­ka­ni­schen Kämp­fer imi­tie­rend, mit über­trie­be­ner Ver­ve zu über­zeu­gen. In völ­li­gem Kon­trast da­zu steht al­ler­liebst ver­schnör­kelt und mit Herz­chen ver­ziert der Name „Cinderella“auf Po­si­ti­on 2 der Lis­te. Die­ser Vor­schlag weist noch am ehes­ten Ähn­lich­kei­ten mit Num­mer 3 – dem Wunsch der Mut­ter auf – die den Kin­dern „so­oo ger­ne mal“ih­ren Lieb­lings­film „Früh­stück bei Tif­fa­nys“zei­gen möch­te. Schwer vor­stell­bar al­ler­dings, wie das mit Wunsch Num­mer 4 zu ver­ein­ba­ren ist. „Black Hawk Down“über den Ab­sturz ei­nes ame­ri­ka­ni­schen Kampf­hub­schrau­bers in So­ma­lia möch­te der 14-Jäh­ri­ge se­hen. „Den darfst Du noch gar nicht se­hen“, wirft tri­um­phie­rend der Äl­tes­te ein. Und weil er ge­ra­de so schön da­bei ist, raubt er schnell noch al­len an­de­ren die Il­lu­sio­nen. Sein Vor­schlag: Je­der schaut You-Tu­be-Vi­de­os auf Smart­pho­ne oder Ta­blet in sei­nem ei­ge­nen Zim­mer. „Ge­müt­lich wird’s doch eh nur so.“

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