Mo­del mit Aus­lauf ins Pop­ge­schäft

Ka­ren El­son: Zwi­schen Lauf­steg, Büh­ne und Stu­dio

Pforzheimer Kurier - - MUSIK-SZENE - Fo­to: Hei­di Ross

Mo­de­zar Karl La­ger­feld nann­te sie „das Mäd­chen mit dem Au­ßer­ir­di­schen-Look“– we­gen ih­rer ro­ten Lo­cken, ih­rer schnee­wei­ßen Haut und ih­rer ho­hen Wan­gen­kno­chen, die ihr et­was Sur­rea­les ver­lei­hen. Die Re­de ist von Ka­ren El­son, Top­mo­del, Ex-Frau von US-Rock­star Jack Whi­te (The Whi­te Stri­pes) und – lei­der viel zu sel­ten – Sän­ge­rin wie Gi­tar­ris­tin. Nach sie­ben Jah­ren Mu­sik-Pau­se legt die ge­bür­ti­ge Bri­tin jetzt ihr zwei­tes Al­bum „Dou­ble Ro­ses“vor, mit dem sie der Welt ei­ni­ges be­wei­sen will. Et­wa dass auch sie – wie zu­vor Ni­co, Gra­ce Jo­nes oder Ja­ne Bir­kin – mehr zu bie­ten hat, als nur ei­nen be­mer­kens­wer­ten Look und ei­ne tol­le Fi­gur. „Das Pro­blem ist, dass mich die Leu­te nicht ken­nen“, stöhnt Ka­ren. „Sie wis­sen nicht, dass ich ei­ne sehr emo­tio­na­le Frau bin, son­dern se­hen mich nur als die­ses Kunst­we­sen, als die­se Eis­jung­fer in ir­gend­wel­chen Ma­ga­zi­nen. Sprich: Sie ha­ben mei­ne ver­letz­li­che Sei­te nie er­lebt. Des­halb zeigt mich das Co­ver-Art­work zu ,Dou­ble Ro­ses‘ oh­ne Ma­ke-up, wie ich nackt im Meer schwim­me. Und das ge­sam­te Al­bum folgt dem An­satz, mich selbst zu de­mas­kie­ren. Ich will die Gren­ze zwi­schen mir und dem, was die Leu­te von mir hal­ten, ein­rei­ßen.“

Kla­rer Fall: Ka­ren El­son fühlt sich miss­ver­stan­den und auf ihr Äu­ße­res re­du­ziert. Kein Wun­der: Seit 1999 ziert die Da­me aus Man­ches­ter die Ti­tel­bil­der der Mo­de­pres­se und po­siert für die be­kann­tes­ten Fo­to­gra­fen nebst De­si­gnern der Welt. Par­al­lel da­zu hat sie – fast un­be­merkt – im­mer Mu­sik ge­macht. Sei es als Mit­glied des New Yor­ker Art-Kol­lek­tivs The Ci­ti­zen’s Band, Back­groun­dSän­ge­rin für Ro­bert Plant oder mit Jack Whi­te, der ihr 2010 das Al­bum „The Ghost That Walks“auf den adret­ten Leib schnei­der­te – und sie als klas­si­sche Sin­ger/Song­wri­te­rin in­sze­nier­te.

Da­von will Ka­ren sie­ben Jah­ren, zwei Kin­dern und ei­ne Schei­dung spä­ter nichts mehr wis­sen. Für „Dou­ble Ro­ses“flüch­te­te sie nach Los An­ge­les und in den be­rühm­ten Lau­rel Can­yon-Sound von Jo­ni Mit­chell, Ca­ro­le King und Ja­mes Tay­lor. „So sehr ich Nash­ville lie­be: Wenn du hier auf­nimmst, kannst du leicht mit dem so­ge­nann­ten Nash­ville-Sound en­den. Was ich mit dem Al­bum un­be­dingt ver­mei­den woll­te. Mir ging es eher um den aus­la­den­den, trau­ri­gen Vi­be die­ser wun­der­ba­ren, in viel Hall ge­tränk­ten Lau­rel Can­yonPro­duk­tio­nen. Ei­ni­ge Leu­te mei­nen zwar, das wä­re ein 60er-Jah­re-Ding. Aber für mich hat es Ma­gie.“

Hand­ge­mach­ter 70s-Rock mit ei­nem Hauch von Coun­try und Folk – ein­ge­spielt mit Har­fe, Flö­te, Kla­vier, Cem­ba­lo, Moog, Sa­xo­fon und ei­nem Meer an Strei­chern. Mal tie­fen­ent­spannt, mal me­lo­dra­ma­tisch oder ge­ra­de­zu eu­pho­risch – „Dou­ble Ro­ses“, be­nannt nach ei­nem Ge­dicht von Sam She­pard, zeigt die Künst­le­rin in al­len Le­bens- und Stim­mungs­la­gen. Wo­bei der Groß­teil der zehn Stü­cke, die mit Gäs­ten wie Lau­ra Mar­ling, Fa­ther John Mis­ty, den Black Keys oder Mit­glie­dern von Wil­co ent­stan­den, aber von ver­flos­se­nen Lieb­schaf­ten han­delt. „Da sind ei­ne Men­ge Tren­nungs­stü­cke auf dem Al­bum – ein­fach, weil ich in den letz­ten Jah­ren nicht nur ein Be­zie­hungs-Aus er­lebt ha­be. Es geht al­so nicht nur um den be­rühm­ten Mann, mit dem ich im­mer in Ver­bin­dung ge­bracht wer­de. Auch, wenn Stü­cke wie „Won­derblind“de­fi­ni­tiv das En­de mei­ner Ehe mit Jack be­kla­gen. Aber: Seit­dem hat­te ich noch an­de­re Män­ner. Und es ist im­mer das­sel­be: Kaum durch­läuft man die ers­ten ech­ten Her­aus­for­de­run­gen, zie­hen düs­te­re Wol­ken auf und man ver­tritt ge­gen­sätz­li­che An­sich­ten, wo man frü­her ei­ner Mei­nung war.“

Auch wenn ih­re Ehe mit Jack Whi­te in ei­nem Ro­sen­krieg um die ge­mein­sa­men Kin­der en­de­te: Ih­ren Ehe­mann, das wird im Ge­spräch über­deut­lich, liebt Ka­ren noch im­mer. Nicht nur, weil er ih­re Mu­sik­kar­rie­re an­ge­scho­ben hat. Er hat ihr auch ge­zeigt, wie man sie nach dem be­rühm­ten Do-It-Yours­elf-An­satz lei­tet. Wes­halb Ka­ren nun ihr ei­ge­ner Ma­na­ger ist und ihr ei­ge­nes La­bel be­sitzt. „Das ver­dan­ke ich mei­nem Ex“, sin­niert sie. „Da­durch, dass ich Jack und sei­ne Ar­beit ken­ne, weiß ich auch, dass er der Cap­tain sei­nes ei­ge­nen Schiffs ist. Eben ein um­wer­fen­der Ge­schäfts­mann und Mu­si­ker. Was das be­trifft, ist er wirk­lich fas­zi­nie­rend. Ich ha­be nie je­man­den ge­trof­fen, der so vie­le Din­ge gleich­zei­tig ma­chen kann, und da­bei so un­an­ge­strengt wirkt. Das wür­de ich nie hin­krie­gen. Er hat mir ge­zeigt, dass man al­lein da­durch au­then­tisch ist, dass man sich Auf­ga­ben stellt und die Füh­rungs­rol­le über­nimmt.“Ob­wohl sie ih­re Zu­kunft in der Mu­sik sieht und von Tour­ne­en und wei­te­ren Al­ben träumt: Die Auf­trit­te vor den Ka­me­ras, auf den Lauf­ste­gen und in Kunst­fil­men will Ka­ren so schnell nicht auf­ge­ben. Sie sieht sich zwar als Ve­tera­nin der Bran­che, aber längst nicht als Aus­lauf­mo­del. „Das Mo­deln ist mei­ne gol­de­ne Gans. Es hilft mir, mei­ne Mu­sik zu fi­nan­zie­ren. Ein­fach, weil es mir er­mög­licht, mal ein paar Mo­na­te frei­zu­neh­men und mich ganz auf die Songs zu kon­zen­trie­ren. Von da­her ha­be ich wei­ter­hin vor, bei­des zu ma­chen. Und wenn ein gu­tes An­ge­bot kommt, sa­ge ich nicht Nein.

Die­ses Jahr ha­be ich bis­lang al­les ab­ge­lehnt, weil ich es nicht span­nend fand. Und ich wer­de ja auch äl­ter. Ich bin jetzt 38, al­so kein Youngs­ter mehr. Ich flie­ge nicht mehr von Shoo­ting zu Shoo­ting. Aber: Wenn es ein be­son­de­rer Job ist, neh­me ich ihn de­fi­ni­tiv an.“Für ei­ne Rol­le in ei­nem Wim-Wen­der­sFilm, so ver­rät sie la­chend, wür­de sie zum Bei­spiel al­les ste­hen und lie­gen las­sen – wie vor ihr schon Bo­no oder Cam­pi­no. Mar­cel An­ders

DIE COO­LE RO­TE: Ka­ren El­son lässt auf ih­rem zwei­ten Al­bum „Dou­ble Ro­ses“die Mas­ke fal­len.

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