„Viel­falt ist ei­ne trei­ben­de Kraft in mei­nem Le­ben“

Pforzheimer Kurier - - FILM UND TV-SZENE -

Im Stra­ßen­ver­kehr soll­te man Fah­ri Yar­dim (Jahr­gang 1980) bes­ser nicht rei­zen. Dann ver­liert der „ei­gent­lich höf­li­che“Au­to­fah­rer (Selbst­ein­schät­zung) schnell mal die Con­ten­an­ce und lässt den „Ro­cket“in sich her­aus – je­nen pel­zi­gen Bom­ben­bast­ler, der bei den „Guar­di­ans Of The Ga­la­xy“für die cho­le­ri­schen Mo­men­te und den Wahn­witz zu­stän­dig ist. Fah­ri Yar­dim leiht dem kos­mi­schen Wasch­bä­ren auch im zwei­ten Teil des Mar­vel-Hits die Stim­me. Im Ge­spräch mit BNN-Mit­ar­bei­ter An­dre­as Fi­scher ver­rät der Schau­spie­ler („Al­manya“, Til-Schwei­ger-“Tat­or­te“), wie viel er mit sei­nem haa­ri­gen Kum­pel ge­mein hat und war­um die rea­le Welt mehr Guar­di­ans ge­brau­chen könn­te.

Ro­cket ist ein ziem­lich grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Wasch­bär.

Fah­ri Yar­dim: Er wä­re wahr­schein­lich sehr be­lei­digt, wenn Sie ihn Wasch­bä­ren nen­nen. Er ist zwar ein Wasch­bär. Aber er weiß es nicht. Oder will es nicht wahr­ha­ben. Er hält sich of­fen­sicht­lich für ei­nen Braun­bä­ren. Ob er grö­ßen­wahn­sin­nig ist? Das weiß ich nicht. Für mich ist das eher so ein „Klei­ner-Man­nSyn­drom“. Aber ich mag ihn und ha­be ihn auch ein biss­chen ver­misst. Es lag ein ziem­lich lan­ger Zei­t­raum zwi­schen den Fil­men. Es hat mich auf je­den Fall sehr ge­freut, mich wie­der in sei­nen Pelz zu wer­fen. Ob­wohl ich ein biss­chen Schiss hat­te, ob ich ihn gleich wie­der ein­fan­gen kann, den klei­nen, mie­sen Hüp­fer.

Er ist ein ziem­lich zor­ni­ger Bur­sche: Wie äu­ßert er sich denn bei Ih­nen?

Yar­dim: Im Freud­schen Sche­ma wä­re Ro­cket das ES und ver­tritt den un­ge­fil­ter­ten Af­fekt. Aber man­che Sa­chen müs­sen eben raus. Im Stra­ßen­ver­kehr, beim Fuß­ball gu­cken oder wenn ich mir die Kom­men­tar­spal­ten an­schaue. In Ro­cket steckt aber bei­lei­be nicht nur Zor­nig­keit, son­dern auch ein ge­wis­ser Welt­schmerz. Und wenn dann je­mand sei­ne Geld­gier über Men­schen­le­ben stellt und ver­sucht, den Bus von Bo­rus­sia Dort­mund in die Luft zu spren­gen, dann mel­det sich der Ro­cket in mir und wird ziem­lich wü­tend. Im Stra­ßen­ver­kehr muss ich al­ler­dings et­was auf­pas­sen, dass ich nicht zu viel schreie. „Guar­di­ans Of The Ga­la­xy Vol. 2“ist nicht mehr nur kla­mau­kig, son­dern be­han­delt auch The­men wie Fa­mi­lie und Vä­ter, fragt nach dem We­sen des Hel­den­tums ...

Yar­dim: ... und dem Zu­sam­men­halt völ­lig un­ter­schied­li­cher Ty­pen. Da­mit trifft er den Zeit­geist, in ei­ner Welt, die sich so be­müht, aus­ein­an­der­zu­rü­cken. Wo die Spal­tung vor­an­ge­trie­ben wird, von ra­di­ka­len und ge­kränk­ten Ty­pen. Da zei­gen ei­nem die Guar­di­ans, was Zu­sam- men­halt sein kann. Trotz ih­rer Un­ter­schied­lich­keit und ih­ren Min­der­wer­tig­keits­kom­ple­xen bil­den sie ei­ne star­ke Ge­mein­schaft.

Wie er­le­ben Sie denn So­li­da­ri­tät und Zu­sam­men­halt selbst?

Yar­dim: Im Freun­des­kreis und in der Fa­mi­lie ganz wun­der­bar. Und ich ken­ne es aus den Groß­städ­ten, de­nen ja im­mer ei­ne un­ge­sun­de In­di­vi­dua­li­sie­rung nach­ge­sagt wird. Ich ken­ne tol­le Le­bens­ent­wür­fe, tol­le Mi­lieus, die Ge­mein­schaft vor­le­ben. Ich selbst bin Ber­li­ner mit Ham­bur­gi­schem Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, Tren­nungs­kind, ha­be wohl was auch im­mer „Deut­sches“und was „Tür­ki­sches“in mir, bin St. Pau­li-Fan und HSV-Sym­pa­thi­sant. Das ist in der Tat sel­ten. Und auch sehr ge­fähr­lich. Ich ste­he auf mei­ne Am­bi­va­len­zen und in­ne­ren Kon­tras­te. Viel­falt ist ei­ne trei­ben­de Kraft in mei­nem Le­ben. Die Guar­di­ans ver­kör­pern ge­nau das: Es gibt kei­ne glor­rei­che Hel­den­fi­gur, die al­les ret­tet und hin­ter der man sich hof­fend ver­ste­cken kann. Nein, das ist ei­ne Trup­pe ech­ter All­tags­hel­den.

Und trotz­dem ist „Guar­di­ans Of The Ga­la­xy Vol. 2“auch ein Block­bus­ter, mit dem Geld ver­dient wer­den soll. Was hal­ten Sie denn als Künst­ler von der Fort­set­zungs-, Fran­chise-, Spin-Off- und Pre­quelKul­tur?

Yar­dim: Auch da bin ich zwie­ge­spal­ten. Aber ich fin­de es müh­se­lig, die­se Dis­kus­si­on erst im Ki­no zu be­gin­nen. Da müss­te man über die Struk­tu­ren der Ge­sell­schaft spre­chen, über das Wirt­schafts­sys­tem. Ich kann doch nie­man­dem vor­wer­fen, wirt­schaft­li­chen Er­folg aus­zu­kos­ten. Wenn et­was funk­tio­niert, war­um soll man es dann nicht wei­ter­ma­chen? Wenn es stim­men wür­de, dass Au­to­ren­fil­me un­ter dem Block­bus­terKi­no lei­den, dann wür­de ich mir auch Sor­gen ma­chen. Aber in mei­ner Wahr­neh­mung exis­tiert bei­des.

Sie ma­chen sich al­so kei­ne Sor­gen um die Zu­kunft des Ki­nos?

Yar­dim: Ich fin­de, es gibt im­mer noch ei­ne blü­hen­de und viel­fäl­ti­ge Film­land­schaft. Man muss doch nicht im­mer in den Te­nor ein­stim­men, dass al­les den Bach run­ter­geht. Mich in­ter­es­siert ei­gent­lich nur, ob ein Film gut ist oder nicht. Die­ses Ge­heu­le ist mir zu lang­wei­lig. Wenn man ei­nem gu­ten Film die Be­rech­ti­gung ab­spricht, kommt nur wie­der Ro­cket in mir hoch. Man muss die Viel­falt auch aus­hal­ten kön­nen.

SCHAU­SPIE­LER UND SYN­CHRON­SPRE­CHER: In „Guar­di­ans Of The Ga­la­xy Vol. 2“sind Fah­ri Yar­dim und der An­ar­cho-Wasch­bär Ro­cket wie­der ein Herz und ei­ne See­le. Fo­to: Dis­ney / Mar­vel

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