Der Traum von der Neu­en Welt

Pforzheimer Kurier - - FILM UND TV-SZENE -

Schon der al­te Goe­the wuss­te, lan­ge be­vor der Aus­wan­de­rungs­boom im 19. Jahr­hun­dert be­gann: „Ame­ri­ka, du hast es bes­ser“und mein­te da­mit wohl den Traum von po­li­ti­scher Frei­heit und Ge­rech­tig­keit. We­nig spä­ter, um die Mit­te des Jahr­hun­derts, gras­sier­ten in Eu­ro­pa die Re­vo­lu­tio­nen und die Hun­gers­nö­te. 55 Mil­lio­nen Eu­ro­pä­er wan­der­ten aus – bis heu­te ein Re­kord. Ver­glei­che mit der heu­ti­gen Mi­gra­ti­ons- und Flücht­lings­wel­le hin­ken si­cher. Und doch gibt es, was Aus­gren­zung, In­te­gra­ti­on und Zu­sam­men­halt be­trifft, ver­blüf­fen­de Ge­mein­sam­kei­ten. Die vier­tei­li­ge ar­te-Do­ku „Der Traum von der Neu­en Welt“lässt die Ein­wan­de­rer von einst aus al­ler Her­ren Län­dern zu ih­rem Recht kom­men, vom Di­enst­mäd­chen bis zum spä­te­ren Mi­nis­ter – wie Carl Schurz, der Ame­ri­ka ent­schei­dend präg­te. Heu­te, 20.15 Uhr, wird die ers­te Fol­ge aus­ge­strahlt.

Je­ner Schurz – in der Do­ku ver­kör­pert von dem be­kann­ten Schau­spie­ler Fa­bi­an Busch – wur­de als jun­ger Mann und Ver­fech­ter der 1848er-Re­vo­lu­ti­on in Ba­den ver­folgt und floh vor dem preu­ßi­schen Kö­nig. Da­nach hing ihm hier­zu­lan­de der Ruf ei­nes Ver­bre­chers nach. Schurz aber war ein Idea­list, der schon als Kind „von dem un­er­mess­li­chen Lan­de jen­seits des Oze­ans“träum­te und „von der jun­gen Re­pu­blik, wo es nur freie Men­schen gä­be, kei­ne Kö­ni­ge, kei­ne Gra­fen, Mi­li­tär­dienst und, wie man bei uns glaub­te, kei­ne Steu­ern“, wie er spä­ter schrieb.

Er ent­warf, drü­ben an­ge­kom­men und der Wirk­lich­keit ins Au­ge se­hend, Wahl­re­den für Abra­ham Lin­coln und kon­sta­tier­te: „Ei­ne jun­ge Ge­ne­ra­ti­on von De­mo­kra­ten wächst in Frei­heit und Gleich­heit her­an.“Mit Er­folg be­ein­fluss­te der Deut­sche die ame­ri­ka­ni­sche Ge­schich­te. Dass der Kin­der­gar­ten in Ame­ri­ka noch im­mer „Kin­der­gar­ten“heißt, ver­dankt man al­ler­dings sei­ner em­si­gen Frau Mar­ga­re­the (Isa­bel­le Barth). Mit fünf Kin­dern er­öff­ne­te sie 1856 in Wa­ter­town, Wis­con­sin, den ers­ten Kin­der­gar­ten in den USA.

Wäh­rend man dem spä­te­ren ame­ri­ka­ni­schen In­nen­mi­nis­ter in New York an pro­mi­nen­ter Stel­le ein Denk­mal setz­te, blie­ben vie­le Ein­wan­de­rer na­men­los oder gar ver­schol­len. Die Do­ku­men­tar­rei­he zeigt es an Spiel­sze­nen, Do­ku­men­tar­film­schnip­seln und – vor al­lem – wun­der­ba­ren schwarz-wei­ßen Fo­to­gra­fi­en von da­mals. Jun­ge Mäd­chen gin­gen, aus der Not ge­bo­ren, mit Mäd­chen­händ­lern nach Ame­ri­ka, sie lie­ßen sich als Tanz­ge­sel­lin­nen, heu­te wohl eher Ani­mier­da­men, ver­din­gen. Die Moral war da­mals auf der Sei­te der Stär­ke­ren. An­de­re wie­der­um kauf­ten sich, wie Schurz, ein Stück Land, ei­ne der von der Be­hör­de streng ver­teil­ten Par­zel­len. Ein glück­li­cher Schwe­de schaff­te es in­ner­halb von vier Jah­ren als Land­ar­bei­ter vom Knecht zum Herrn. Die Schwe­den wa­ren da­mals, so lernt man, nach den Iren die Ärms­ten. Je­der Drit­te wan­der­te aus.

Scha­de, dass die Spiel­sze­nen auf­grund des Spiel­film-er­fah­re­nen Re­gis­seurs Kai Chris­ti­an („Ein blin­der Held – Die Lie­be des Ot­to Weidt“) und sei­ner er­staun­lich pro­mi­nen­ten Darstel­ler (auch Fran­cis Ful­tonS­mith wirkt mit) all­zu breit ge­ra­ten, was ih­ren In­for­ma­ti­ons­wert an­be­langt. Auch die in sol­chen Fäl­len gern ge­nom­me­nen His­to­ri­ker und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler kom­men sehr häu­fig zu Wort. Ger­ne hät­te man vor al­lem im ers­ten Teil, „Der Auf­bruch“, mehr aus den au­then­ti­schen Brie­fen und Ta­ge­bü­chern der Ein­wan­de­rer ge­hört.

Aber auch so wird der Über­le­bens­kampf der Emi­gran­ten mehr als deut­kei­nen lich. Gan­ze Dör­fer zo­gen nach Ame­ri­ka und ver­schwan­den, bei­spiels­wei­se in Hes­sen, von der Bild­flä­che. Der Ras­sis­mus ge­gen­über spä­ter Ein­ge­wan­der­ten gras­sier­te, be­son­ders ge­gen­über Asia­ten, die vom Goldrush, aber auch vom Schiffs­bau aus­ge­schlos­sen wur­den. Und wa­ren Süd­län­der, wie die Ita­lie­ner, über­haupt Wei­ße?

Deut­lich wird: Ras­sis­mus und Aus­gren­zung gab es auch in der Neu­en Welt, der Traum hat­te sei­ne Schat­ten­sei­ten. Aber Neu­gier, Wa­ge­mut und Le­bens­gier über­wo­gen. Vor al­lem aber ist nicht neu, dass sich Eth­ni­en und Na­tio­na­li­tä­ten zu­sam­men­schlos­sen. Bei al­ler Kri­tik lohnt es sich da, ein Au­ge auf die­se ar­te / NSR-Do­ku­men­ta­ti­on zu wer­fen. Teil zwei, „Rekorde“, folgt gleich um 21.05 Uhr (wei­te­re Sen­de­ter­mi­ne: Sonn­tag, 11. Ju­ni, 13.10 Uhr, und Di­ens­tag, 20. Ju­ni, 17.15 Uhr). Wil­fried Geld­ner

GE­SCHICHTS­STUN­DE AUF AR­TE: Zwi­schen 1840 und 1939 träum­ten vie­le von der Neu­en Welt – auch der Ba­de­ner Carl Schurz (Fa­bi­an Busch) und sei­ne Frau Mar­ga­re­the (Isa­bel­le Barth). Fo­to: Looks In­ter­na­tio­nal

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