Zu den „Ka­the­dra­len der Na­tur“

Un­ter­wegs im Ma­rais Poi­tevin

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Es ist un­glaub­lich still auf dem klei­nen Ka­nal nicht weit hin­ter dem Orts­aus­gang von Cou­lon. Rechts auf ei­ner Wie­se steht be­we­gungs­los ein Rei­her. Und durch das dich­te Grün am Ufer guckt neu­gie­rig ei­ne er­staun­lich gro­ße Bi­sam­rat­te. Die Äs­te der Bäu­me auf bei­den Sei­ten des Ka­nals be­rüh­ren sich über dem Was­ser. „Ka­the­dra­le der Na­tur“wird das Ma­rais Poi­tevin des­halb et­was pa­the­tisch ge­nannt – oder auch „grü­nes Ve­ne­dig“. Wer ein­mal hier mit dem Boot ge­fah­ren ist, ver­steht bei­des so­fort. Die 100 000 Hekt­ar gro­ße Sumpf­land­schaft na­he der At­lan­tik­küs­te, Frank­reichs größ­tes Feucht­ge­biet nach der Ca­mar­gue, ist ein Na­tur­pa­ra­dies, ein ein­zig­ar­ti­ges Öko­sys­tem – und ei­ne Tou­ris­ten­at­trak­ti­on.

Die meis­ten Be­su­cher er­kun­den das Ma­rais Poi­tevin mit dem Boot, dem Ba­ta­is. Frü­her war es aus Ei­chen­holz, heu­te ist es oft aus Fi­ber­glas. Bis et­wa 1960 gab es ei­ne Rei­he von Or­ten, die oh­ne Boot gar nicht er­reich­bar wa­ren. Und auch Tie­re, Heu oder Bau­ma­te­ri­al wur­den da­mit trans­por­tiert.

Mög­lich­kei­ten zu Boots­tou­ren gibt es vie­le. Ei­ne der be­lieb­tes­ten Stel­len für den Ein­stieg ist die Em­bar­ca­dè­re Car­din­aud in Ma­gné et­was öst­lich von Cou­lon, der heim­li­chen Haupt­stadt des Ma­rais mit vie­len net­ten Re­stau­rants und be­hag­li­chen Ho­tels. Die un­ge­wöhn­li­che, manch­mal fast sur­rea­le Sumpf­land­schaft ist auch nir­gend­wo schö­ner als hier, wo es be­son­ders vie­le Ka­nä­le gibt. Im Som­mer herrscht in die­sem Teil des Ma­rais Hoch­be­trieb, dann le­gen die Boo­te im Mi­nu­ten­takt ab. Aber im un­end­lich schei­nen­den Sys­tem der Ka­nä­le sind sie schon bald nur noch von wei­tem zu se­hen.

Man kann das Ma­rais al­lei­ne er­kun­den und mit sei­nem Boot den mar­kier­ten Was­ser­we­gen fol­gen – oder ei­ne Tour mit­ma­chen, bei der bis zu zehn Pas­sa­gie­re auf den schma­len Bän­ken Wer es ei­lig hat, be­schränkt sich auf ei­ne St­un­de. Ein­ein­halb sind Stan­dard, mög­lich sind aber auch zwei, drei oder vier St­un­den, für die­je­ni­gen, die sich an der Sumpf­land­schaft nicht satt­se­hen kön­nen. Man­che Fa­mi­li­en blei­ben den gan­zen Tag – samt Mit­tag­es­sen an ei­nem der Pick­nick­plät­ze. Und wer das Be­son­de­re liebt, kann auch am ganz frü­hen Mor­gen oder erst abends star­ten.

Das Was­ser in den Ka­nä­len fließt aus­ge­spro­chen lang­sam. Oft ste­hen Bäu­me so dicht am Ufer, dass man den Kopf ein­zie­hen muss, um nicht mit ih­ren Äs­ten zu­sam­men­zu­sto­ßen. Auf den Wei­den links und rechts des Ka­nals wei­den Kü­he mit hel­lem Fell – die Cha­ro­lais­sit­zen. Ras­se ist weit­ver­brei­tet, auch wenn sie nicht von hier stammt. An­ders als die Maraichi­ne ge­nann­ten brau­nen Kü­he, die eben­falls oft zu se­hen sind. Frü­her hat­ten die Bau­ern im Ma­rais vor al­lem Milch­kü­he. Aber we­gen des Mel­kens durch die rie­si­ge Sumpf­land­schaft zu den Wei­den zu pad­deln, war ein­fach zu auf­wen­dig. Heu­te hal­ten sie die Rin­der nur noch zur Fleisch­pro­duk­ti­on. Bi­sam­rat­ten, auf Fran­zö­sisch Ra­gon­din, gel­ten eben­falls als Spe­zia­li­tät.

Das Ma­rais rund um Cou­lon, San­sais, Le Ma­zeau oder Mail­lé lässt sich auch her­vor­ra­gend mit dem Rad er­kun­den. Auf den klei­nen Stra­ßen hält sich der Ver­kehr meist in Gren­zen. Und es gibt ein dich­tes Netz an aus­ge­schil­der­ten Rad­we­gen, die zum Teil der Sèv­re oder den Ka­nä­len fol­gen und die vie­len Dör­fer und Kleinst­städ­te ver­bin­den. Rund 850 Ki­lo­me­ter lang ist das Rad­we­ge­netz zwi­schen Ni­ort am öst­li­chen Rand des Ma­rais und dem At­lan­tik.

Ein gu­ter Aus­gangs­punkt für Rad­tou­ren ist Ar­cais, in dop­pel­ter Hin­sicht: Die La­ge ist güns­tig – und da ist Pier­reA­lain De­sa­ge. Ihn Fahr­rad­ver­lei­her zu nen­nen, trifft die Sa­che al­len­falls zur Hälf­te: De­sa­ge ist Ra­den­thu­si­ast, er kennt je­den Me­ter Rad­weg im Ma­rais. Er hat selbst mehr Zeit im Sat­tel ver­bracht als John Way­ne und für Rad­ur­lau­ber nicht nur das pas­sen­de Zwei­rad, Luft­pum­pe, Werk­zeug und Kar­ten­ma­te­ri­al pa­rat, son­dern im­mer auch Tipps zur Stre­cke. An­dre­as Hei­mann

DURCH DAS „GRÜ­NE VE­NE­DIG“FRANK­REICHS: Im Som­mer herrscht im Ma­rais Hoch­be­trieb, dann le­gen die Boo­te an ei­ni­gen An­le­gern im Mi­nu­ten­takt ab. Fo­to: Hei­mann

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