Der Ga­ve d‘Olo­ron ist ein Fluss mit Biss

Lachs­an­geln in der fran­zö­si­schen Re­gi­on Béarn

Pforzheimer Kurier - - REISE -

In der Haupt­stadt der Lach­se ist vom Kö­nig der Fi­sche erst mal nichts zu se­hen. Kei­ne Ge­denk­ta­fel, kei­ne Fas­sa­den­ma­le­rei, kein Re­stau­rant „Zum Gol­de­nen Lachs“. Nicht ein­mal auf den hand­ge­schrie­be­nen Me­nü­ta­feln vor den Re­stau­rants taucht ei­ner auf. Nie­mand läuft mit der An­gel­ru­te an den schma­len St­ein­häus­chen ent­lang. Kei­ner trägt was­ser­dich­te Bein­klei­der oder schleppt Ei­mer mit sei­nem Fang übers Trot­toir. Ei­ne Stadt wie je­de an­de­re. Oder nicht mal ei­ne Stadt: Denn Na­var­renx hat ge­ra­de mal tau­send Ein­woh­ner; auch wenn sich die Ge­mein­de hin­ter ei­ner di­cken Stadt­mau­er ver­schanzt, die der Kö­nig von Na­var­ra im 16. Jahr­hun­dert be­fahl. Einst die wehr­haf­tes­te Stadt der Re­gi­on Béarn ist es heu­te ei­nes der schöns­ten Dör­fer Frank­reichs, dem bei gu­tem Wet­ter ei­ne im­po­san­te Py­re­nä­en­ket­te den Rü­cken stärkt.

Statt Lach­sen be­geg­net ei­nem in den we­ni­gen Sträß­chen da­ge­gen et­was an­de­res aus der Was­ser­welt: Mu­scheln. Sie hän­gen in St­ein ge­mei­ßelt ne­ben Haus­tü­ren. Meist aber bau­meln sie an Häl­sen und Ruck­sä­cken von Wan­de­rern. Denn Na­var­renx liegt an ei­ner der Haupt­rou­ten des Ja­kobs­wegs. 15 000 Pil­ger sol­len es im Jahr sein. Da fal­len die knapp 1 000 Lachs­ang­ler kaum auf. Einst war der Ga­ve d’Olo­ron der be­lieb­tes­te Fluss für die­se Lei­den­schaft in Eu­ro­pa. Vie­le, teils ade­li­ge Bri­ten ka­men ins Béarn, war­fen hier ih­re An­geln nach den silb­rig glän­zen­den Lei­bern aus, die über ei­nen Me­ter lang und vie­le Ki­lo schwer sein kön­nen. Der Fi­sch­reich­tum des kla­ren und schnell flie­ßen­den Py­re­nä­en­flus­ses war phä­no­me­nal. Seit den Fünf­zi­ger­jah­ren wur­de hier so­gar ei­ne Welt­meis­ter­schaft im Lachs­an­geln aus­ge­tra­gen, die ir­gend­wann zum Stadt­fest mu­tier­te.

Wer die heu­ti­gen Ang­ler tref­fen will, muss na­tür­lich zum Fluss. Am bes­ten fin­det man sie am Pool Mas­seys, wird ei­nem er­zählt. Der liegt gleich un­ter­halb des Or­tes, ist trotz­dem ein we­nig ver­steckt, kaum aus­ge­schil­dert und nur über Feld­we­ge zu er­rei­chen. Doch wer we­gen des Lach­ses kommt, der kennt sich aus oder lässt sich von In­si­dern wei­sen. Pools nennt man die Stel­len am Fluss, in de­nen das Was­ser zwi­schen zwei Strom­schnel­len fast zum Ste­hen kommt und wo auch die Wan­der­fi­sche ver­wei­len. 160 Pools hat der Ga­ve – per­fek­te Or­te, um ei­nen Lachs an die An­gel zu be­kom­men. An man­chen ge­lingt dies leich­ter, an an­de­ren schwe­rer. Am Pool de Mas­seys sperrt der Damm ei­ner al­ten Müh­le aus dem 13. Jahr­hun­dert zu­sätz­lich den Fluss ab, und die Lach­se kön­nen nur über Fisch­trep­pen wei­ter. Zu Stoß­zei­ten kann es sein, dass an je­der Sei­te zwan­zig Ang­ler war­ten und sich ganz Ver­ses­se­ne schon nachts um vier ei­nen gu­ten Platz su­chen.

Heu­te ist nichts los, die Früh­auf­ste­her sind schon weg. Und Ga­b­ri­el Pey­ras, ein pas­sio­nier­ter Lachs­ang­ler aus der Re­gi­on packt ge­ra­de sein Equip­ment zu­sam­men. Vor drei­ßig oder vier­zig Jah­ren, er­in­nert sich der Rent­ner, ha­be es viel mehr Lach­se ge­ge­ben. Vie­le der Her­ber­gen hät­ten nur von ih­nen ge­lebt. „Da­mals sind auch noch aus­schließ­lich rich­ti­ge Ang­ler an den Fluss ge­kom­men. Nicht Tou­ris­ten, die ein Mal et­was fan­gen und sich dann be­trin­ken.“

Als Lachs müss­te man von hier in Rich­tung der Laich­plät­ze hin­ter Sain­te Ma­rie d’Olo­ron erst ein­mal die Fisch­trep­pe hin­auf, ein paar Rechts- und Links­kur­ven schwim­men, um dann im zweit­be­kann­tes­ten Pool, dem Bac d’Aren zu pau­sie­ren. Hier ver­su­chen im Mo­ment zwei Freun­de ihr Glück. Aber aus­sichts­reich ist das nicht, denn sie fi­schen im Trü­ben. Ih­re gro­ße Er­fah­rung sieht man am ele­gan­ten Schwung und der Reich­wei­te beim Flie­gen­fi­schen. Doch ei­ne Er­folgs­ga­ran­tie gibt es aber bei al­ler Er­fah­rung nicht: „Es kann ganz leicht und ganz schwer sein“, sagt Da­ni­el Thouil­lon. Auch das ge­hört zur Fas­zi­na­ti­on für die­sen Fisch, den Ang­ler als lei­den­schaft­lich, man­che als ma­gisch be­zeich­nen. Und zu dem sie ei­ne Bin­dung jen­seits der An­gel­schnur ha­ben.

Ge­ra­de rollt ein al­ter Mer­ce­des mit auf der Küh­ler­hau­be an­ge­brach­tem An­gel­hal­ter durch die Schran­ke des klei­nen Cam­ping­plat­zes di­rekt am Bac d’Aren: Je­an Roig ist schon viel her­um­ge­kom­men für den Lachs. Letz­tes Jahr war er mit Au­to und An­gel in Lap­p­land. Man­che Freund­schaf­ten hat er mit­ge­nom­men. Et­wa die zu den drei Flug­zeu­gin­ge­nieu­ren Mit­te Drei­ßig aus dem Nor­den von Pa­ris, die er in Schott­land ken­nen­lern­te, als sie noch Fo­rel­len nach­stell­ten. Er hat sie so­wohl auf den Lachs ge­bracht als auch an die Ga­ve d’Olo­ron, den hei­mi­schen Lachs­fluss, der laut Je­an ei­ner der zehn schöns­ten Flüs­se der Welt ist.

361 Lach­se wur­den 2016 im Dé­par­te­ment ge­fan­gen, da­von 316 im Ga­ve d’Olo­ron. 24 wei­te­re hat man laut der Phi­lo­so­phie No-kill wie­der in den Fluss und ins Le­ben zu­rück­ge­wor­fen – nach­dem das Ang­ler­glück aus­ge­kos­tet und das Be­weis­fo­to ge­macht wur­de. Das Ang­ler­glück wird meist in der klei­nen Ta­ver­ne in St. Mar­tin aus­ge­kos­tet, wo Patrick Ba­les­ta Fischwart ist. Aber eben auch Re­stau­rant- und Bar­be­sit­zer so­wie Bür­ger­meis­ter in Per­so­nal­uni­on. In der Bar rei­hen sich Pinn­wän­de mit Fo­tos. Auf den meis­ten hält ein Ang­ler ei­nen Fisch quer vor sich auf den Ar­men. Ein Lachs von 1962 ist ab­ge­bil­det, mit Ge­wichts­an­ga­be: Er wog 18,2 Ki­lo. Die­se gol­de­nen Zei­ten sind längst vor­bei. Dem Be­stand geht es nicht gut. „Man hat es nach dem Zwei­ten Welt­krieg nicht ver­stan­den, den Wert des Flus­ses zu er­hal­ten“, so Patrick Ba­les­ta. Die in­dus­tria­li­sier­te Land­wirt­schaft, die Was­ser­wer­ke, die Be­gra­di­gun­gen.

In­zwi­schen wird man­ches rück­gän­gig ge­macht, Bar­ri­ka­den ab­ge­baut, der Fluss­bo­dens re­na­tu­riert. Ein gro­ßes Pro­blem sei die Be­rufs­fi­sche­rei an der Mün­dung. Man sagt, es wer­de dort so­gar mit ver­bo­te­nen Treib­net­zen ge­fischt. Ba­les­ta schätzt, dass so 3 000 bis 4 000 Wild­lach­se jähr­lich ge­fan­gen wer­den, die gar nicht mehr hin­auf­kom­men – we­der zu den Laich­plät­zen, noch an die An­gel­ha­ken.

Nach drei Ta­gen an der Ga­ve d’Olo­ron hat man viel er­fah­ren, aber kei­nen ein­zi­gen Lachs am Ha­ken oder un­ter der Was­ser­ober­flä­che vor­bei­flit­zen se­hen. Vi­el­leicht ist Lachs­an­geln im Béarn doch so ab­we­gig wie im Je­men? Um den Ge­dan­ken zu ver­trei­ben, greift der Päch­ter des Ang­ler­cam­ping­plat­zes am Bac d’Aren zu gu­ter Letzt in sei­ne Tief­kühl­tru­he. Her­aus fischt er zum Glück nicht ein in Plas­tik ein­ge­schweiß­tes Lachs­fi­let son­dern ein von Gäs­ten selbst ge­fan­ge­nes ka­pi­ta­les Tier, den Kö­nig der Fi­sche in Schock­star­re. Zwi­schen­ge­la­gert, be­vor er zur rech­ten Zeit auf den Grill kommt und ei­ne gan­ze Groß­fa­mi­lie satt macht. An­ja Mar­tin

Fi­sch­reich­tum war einst phä­no­me­nal

FAS­ZI­NIE­REN­DER FISCH: In Na­var­renx, ei­nem 1 000-See­len-Dorf in der fran­zö­si­schen Re­gi­on Béarn, hat man dem Lachs ei­ne Kun­st­in­stal­la­ti­on ge­schenkt. Frü­her war der Ga­ve d‘Olo­ron für sei­nen Fi­sch­reich­tum be­rühmt, heu­te hat es der Wan­der­fisch un­gleich schwe­rer, zu sei­nen Laich­plät­zen zu ge­lan­gen. Fo­to: Schuh

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