Ab­zug aus In­cir­lik rückt nä­her

In­cir­lik, Gü­len, Pres­se­frei­heit: Deutsch­land und die Tür­kei kom­men nicht zu­sam­men

Pforzheimer Kurier - - ERSTE SEITE - Von un­se­rer Kor­re­spon­den­tin Susanne Güsten

An­ka­ra (dpa). Nach dem ge­schei­ter­ten Ei­ni­gungs­ver­such im In­cir­lik-Streit hat Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en für mor­gen ei­ne Ka­bi­netts­ent­schei­dung zum Ab­zug der auf dem tür­ki­schen Luft­waf­fen­stütz­punkt sta­tio­nier­ten Bun­des­wehr-Sol­da­ten an­ge­kün­digt. „Wir sind auf ei­ne Ver­le­gung vor­be­rei­tet“, sag­te die CDU-Po­li­ti­ke­rin. Nach ei­nem Kri­sen­tref­fen mit sei­nem tür­ki­schen Amts­kol­le­gen Mev­lüt Ca­vu­sog­lu hat­te Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) zu­vor ei­nen Ab­zug der 260 Sol­da­ten an­ge­kün­digt.

Istan­bul/Ber­lin. Selbst bei ei­nem voll­ends ge­schei­ter­ten Be­such wie dem von Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el in An­ka­ra trös­ten sich Di­plo­ma­ten da­mit, dass auch Dif­fe­ren­zen wich­ti­ge Er­kennt­nis­se zu­ta­ge för­dern kön­nen. Bei Ga­b­ri­els Vi­si­te be­stan­den die­se in Ein­bli­cken in die Welt­sicht ei­ner tür­ki­schen Re­gie­rung, die über­all Fein­de sieht und die sich des­halb au­ßen­po­li­tisch im­mer wei­ter iso­liert. Ga­b­ri­el und sein Amts­kol­le­ge Mev­lüt Ca­vu­sog­lu re­de­ten bei ih­rer ge­mein­sa­men Pres­se­kon­fe­renz in An­ka­ra zwar über die­sel­ben The­men – aber sie be­fan­den sich in par­al­le­len po­li­ti­schen Wel­ten oh­ne Be­rüh­rungs­punk­te. Der tür­ki­sche Pre­mier Bi­na­li Yil­di­rim sag­te sein Tref­fen mit Ga­b­ri­el gleich ganz ab.

Schon vor dem Be­such des deut­schen Au­ßen­mi­nis­ters hat­te die Tür­kei klar­ge­macht, dass An­ka­ra ei­ne all­ge­mei­ne und dau­er­haf­te Be­suchs­er­laub­nis für al­le Mit­glie­der des Bun­des­tags bei den deut­schen Sol­da­ten auf der Luft­waf­fen­ba­sis In­cir­lik ab­lehnt. Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan hat­te die Li­nie vor­ge­ge­ben, in­dem er ein Ve­to­recht der Tür­kei hin­sicht­lich deut­scher Be­su­cher be­an­spruch­te. Ei­ni­ge Par­la­men­ta­ri­er in Ber­lin un­ter­stütz­ten den Ter­ro­ris­mus, sag­te Er­do­gan.

Da Ca­vu­sog­lu eben­falls kei­ner­lei Be­we­gung er­ken­nen ließ, blieb Ga­b­ri­el nichts an­de­res üb­rig, als mehr oder we­ni­ger of­fi­zi­ell den bal­di­gen Ab­zug der rund 260 deut­schen Sol­da­ten mit ih­ren Auf­klä­rungs- und Tank­flug­zeu­gen aus In­cir­lik zu ver­kün­den. Un­ter den der­zei­ti­gen Um­stän­den kön­ne die Bun­des­wehr nicht auf dem Stütz­punkt im Sü­den der Tür­kei blei­ben, sag­te Ga­b­ri­el. Die deut­schen Sol­da­ten sol­len dem­nächst von Jor­da­ni­en aus den in­ter­na­tio­na­len Kampf ge­gen den Is­la­mi­schen Staat (IS) in Sy­ri­en un­ter­stüt­zen. Die Tür­kei lehnt ins­be­son­de­re den Be­such lin­ker Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te in In­cir­lik ab, weil sie die­sen Sym­pa­thi­en für die kur­di­sche Ter­ror­grup­pe PKK vor­wirft. Zu­dem ver­langt An­ka­ra die Aus­lie­fe­rung von An­hän­gern des Er­do­gan-Erz­fein­des Fe­thul­lah Gü­len, die in Deutsch­land po­li­ti­sches Asyl be­an­tragt ha­ben.

Für Er­do­gan und Ca­vu­sog­lu ist Gü­len ein Putsch­füh­rer, und des­sen Ge­folgs­leu­te sind des­halb Ter­ro­ris­ten – für Ber­lin sind sie Flücht­lin­ge, de­ren Schutz­er­su­chen ge­nau­so ge­prüft wer­den muss wie bei an­de­ren An­trag­stel­lern auch. An­ka­ra wirft Deutsch­land da­ge­gen vor, Ter­ro­ris­ten zu schüt­zen. Re­gie­rungs­geg­ner im Aus­land sol­len jetzt aus­ge­bür­gert wer­den. Auch beim drit­ten gro­ßen Streit­punkt – der Pres­se­frei­heit – wur­de bei Ga­b­ri­els Be­such das Aus­maß der re­gie­rungs­amt­li­chen tür­ki­schen Ver­schwö­rungs­theo­ri­en deut­lich. An­ka­ra ver­mag in der In­haf­tie­rung von mehr als 150 Jour­na­lis­ten, dar­un­ter des deutsch­tür­ki­schen Kor­re­spon­den­ten De­niz Yücel und der deut­schen Jour­na­lis­tin und Über­set­ze­rin Me­sa­le To­lu Cor­lu, nichts Un­ge­wöhn­li­ches zu er­ken­nen.

Ganz of­fen er­hob Ca­vu­sog­lu ei­nen Vor­wurf an die west­li­chen Part­ner der Tür­kei, der in sei­ner Ab­sur­di­tät klar mach­te, wie un­über­brück­bar die Po­si­tio­nen sind: In jüngs­ter Zeit, so Ca­vu­sog­lu, sei bei eu­ro­päi­schen Ge­heim­diens­ten die „Mo­de“auf­ge­kom­men, aus­län­di­sche Jour­na­lis­ten als Agen­ten in der Tür­kei ein­zu­set­zen. Wenn die Re­por­ter dann fest­ge­nom­men wür­den, wer­de mit dem Ver­weis auf die In­haf­tie­rung von Pres­se­leu­ten Druck auf die Tür­kei ge­macht. Dass der Au­ßen­mi­nis­ter ei­nes Na­toStaa­tes und EU-Be­wer­ber­lan­des ei­nem Kol­le­gen aus ei­nem be­freun­de­ten Land öf­fent­lich sol­che Sät­ze ser­viert, legt die Di­men­si­on der Ent­frem­dung zwi­schen der Tür­kei und dem Wes­ten of­fen.

Er­do­gan at­ta­ckiert er­neut Ber­lin

DER AB­ZUG STEHT BE­VOR: Der letz­te Ei­ni­gungs­ver­such ist ge­schei­tert, die deut­schen Sol­da­ten in In­cir­lik kön­nen ih­re Sa­chen pa­cken. Die Bun­des­wehr ist nach den Wor­ten von Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) auf ei­nen Um­zug vom tür­ki­schen Stütz­punkt nach Jor­da­ni­en vor­be­rei­tet. Fo­to: Falk Bär­wald/Bun­des­wehr/dpa

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