„Die Rech­te“mo­bi­li­siert ih­re Geg­ner

Tau­sen­de de­mons­trie­ren weit­ge­hend fried­lich

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von Theo Wes­ter­mann, Pa­tri­zia Ka­luz­ny und Ste­fan Jeh­le

Karls­ru­he. Am Sams­tag­mor­gen herrsch­te in Karls­ru­hes Stadt­teil Dur­lach ei­ne völ­lig un­ge­wöhn­li­che Stil­le. Wohl je­des zwei­te Ge­schäft in der an­sons­ten be­leb­ten Fuß­gän­ger­zo­ne in der mit­tel­al­ter­li­chen Alt­stadt hat­te vor­sorg­lich ge­schlos­sen, weil es Sor­gen vor mög­li­chen Aus­schrei­tun­gen auf­grund der De­mons­tra­ti­on von Rechts­ex­tre­mis­ten gab.

St­un­den spä­ter ge­gen 18 Uhr bei ei­ner spon­tan or­ga­ni­sier­ten Pres­se­kon­fe­renz vor dem Dur­la­cher Bahn­hof – die Rechts­ex­tre­mis­ten hat­ten ge­ra­de den Stadt­teil ver­las­sen – gab es aus­schließ­lich fro­he Ge­sich­ter bei den Ver­ant­wort­li­chen der Stadt­ver­wal­tung, der Po­li­zei, auch beim Ak­ti­ons­bünd­nis, das die Ge­gen­de­mons­tra­tio­nen or­ga­ni­siert hat­te. Karls­ru­he hat­te ei­nen im we­sent­li­chen ru­hi­gen De­mons­tra­ti­ons­sams­tag er­lebt. Nur rund 300 De­mons­tran­ten der rechts­ex­tre­men Sze­ne, die bun­des­weit für ih­ren so­ge­nann­ten „Tag der deut­schen Zu­kunft“ge­trom­melt hat, wa­ren ge­kom­men, es war mit deut­lich mehr ge­rech­net wor­den. An den Ge­gen­de­mons­tra­tio­nen in Dur­lach, or­ga­ni­siert von der Stadt und ei­nem Ak­ti­ons­bünd­nis von rund 150 Grup­pen, nah­men zwi­schen 2 500 und 3 000 Men­schen teil. Zum zeit­gleich statt­fin­den­den Chris­to­pher Street Day in der Karls­ru­her In­nen­stadt ka­men eben­falls noch ein­mal rund 2000 Per­so­nen. Bei­de Ver­an­stal­tun­gen hat­te die Stadt un­ter das Mot­to „Karls­ru­he zeigt Flag­ge“ge­stellt.

Am Sams­tag­abend sag­te ein sicht­lich er­leich­ter­ter OB Frank Mentrup ge­gen­über den BNN: „Karls­ru­he hat ei­nen qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Ge­gen­pro­test aus der gan­zen Brei­te der Ge­sell­schaft auf die Bei­ne ge­stellt.“Die Stadt­ge­sell­schaft sei sich da­durch wie­der ver­stärkt ih­res Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühls und ih­rer Viel­falt be­wusst ge­wor­den.

Das Si­cher­heits­kon­zept, das ei­nen Groß­ein­satz der Po­li­zei und ei­ne strik­te Tren­nung der De­mons­tra­ti­ons­be­rei­che vor­sah, hat­te sich be­währt, re­sü­mier­ten der für Si­cher­heit zu­stän­di­ge Ers­te Bür­ger­meis­ter Wolf­ram Jä­ger und Po­li­zei­prä­si­dent Gün­ther Freis­le­ben „Die ge­walt­be­rei­ten De­mons­tran­ten wa­ren ein­deu­tig in der Min­der­zahl. Dort, wo es not­wen­dig war, sind wir ent­schie­den vor­ge­gan­gen,“sag­te der Po­li­zei­prä­si­dent. Freis­le­ben be­zog sich da­mit auf Atta­cken von bis zu 700 An­hän­gern der An­ti­fa, die am Sams­tag­nach­mit­tag wäh­rend des Um­zugs der Rech­ten mehr­fach ver­sucht hat­ten, Ab­sper­run­gen zu über­win­den. Bei dar­aus re­sul­tie­ren­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen setz­te die Po­li­zei Schlag­stock und Pfef­fer­spray ein, vier Be­am­te wur­den da­bei ver­letzt, auch meh­re­re De­mons­tran­ten, vor­wie­gend in Fol­ge des Pfef­fer­spray­ein­sat­zes. Die Po­li­zei ver­hin­der­te zu­dem Ver­su­che von An­ti­fa-An­hän­gern, die B 3 zu blo­ckie­ren. 19 Per­so­nen wur­den fest­ge­nom­men, drei aus dem rechts­ex­tre­men Spek­trum. Sie ka­men bis am Abend wie­der auf frei­en Fuß, müs­sen aber mit Straf­ver­fah­ren rech­nen. Aus dem lin­ken po­li­ti­schen Spek­trum gab es Kri­tik am Vor­ge­hen der Po­li­zei.

Bei den Ge­gen­kund­ge­bun­gen des Ak­ti­ons­bünd­nis­ses und der Stadt, die par­al­lel zum Auf­trieb der Neo­na­zis vor dem Dur­la­cher Bahn­hof und auf dem Schloss­platz statt­fan­den, be­kann­ten sich zahl­rei­che Red­ner zur plu­ra­len Ge­sell­schaft. Ne­ben OB Frank Mentrup

An­ti­fa ver­such­te, Sper­ren zu über­win­den

tra­ten DGB-Lan­des­vor­sit­zen­der Mar­tin Kunz­mann so­wie SPD-Lan­des­che­fin Le­ni Brey­mai­er auf, au­ßer­dem Red­ner von CDU, FDP, Grü­nen und Lin­ken so­wie der Kir­chen. Kunz­mann ver­ur­teil­te ras­sis­ti­sche Stim­mungs­ma­che, mit der ge­zielt ver­sucht wer­de, Zu­kunfts­ängs­te zu schü­ren und ei­ne Droh­ku­lis­se ge­gen Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund und Ge­flüch­te­te auf­zu­bau­en. Die Grü­nen-Staats­se­kre­tä­rin Bärbl Mie­lich sprach von ei­nem „An­griff auf un­se­re li­be­ra­le De­mo­kra­tie“, SPD-Lan­des­vor­sit­zen­de Le­ni Brey­mai­er be­ton­te, dass „kei­ne Un­zu­frie­den­heit und kei­ne Sor­ge es ir­gend­wie recht­fer­tigt, Flücht­lings­hei­me an­zu­zün­den“. Ei­ne kla­re Kan­te gab es auch ge­gen je­ne, die von der Red­ner­tri­bü­ne zu mi­li­tan­ten Ge­gen­ak­tio­nen auf­rie­fen. So kon­ter­te Da­ni­el Mel­chi­en vom Stadt­ju­gend­aus­schuss ei­nen Auf­ruf zur Mi­li­tanz durch ei­nen An­ti­fa-Ak­ti­vis­ten mit ei­nem von der Men­ge viel­be­klatsch­ten kla­ren Be­kennt­nis: „Für mich ist der Wi­der­stand rich­tig, wenn er fried­lich ist“.

Bis zur letz­ten Mi­nu­te hat­te die Par­tei „Die Rech­te“un­ter­des­sen ver­sucht, ge­gen das vom städ­ti­schen Ord­nungs­amt ver­füg­te Ver­bot von meh­re­ren ih­rer Red­ner vor­zu­ge­hen. Die Stadt woll­te die­se we­gen di­ver­ser Vor­stra­fen nicht zu­las- sen, auch ver­schie­de­ne nach­no­mi­nier­te Red­ner nicht. „Die Rech­te“schei­ter­te in die­ser Sa­che mit Kla­gen am Sams­tag­nach­mit­tag vor dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof. Da­mit war Chris­ti­an Worch, Bun­des­vor­sit­zen­der der Neo­na­zi­par­tei, ei­ner von drei ver­blie­be­nen Red­nern. Er warf der Po­li­tik un­ter an­de­rem die För­de­rung ei­nes „Über­frem­dungst­su­na­mis“vor. Um 18.49 Uhr teil­te dann noch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit, dass es die Be­schwer­de Worchs ab­ge­lehnt hat­te. Zu spät für sei­ne St­un­den zu­vor an­ge­droh­te Dau­er­re­de – die Ver­samm­lung hat­te sich da be­reits auf­ge­löst, in Dur­lach war wie­der Ru­he ein­ge­kehrt.

GUT GE­SI­CHERT durch die Po­li­zei wa­ren die un­ter­schied­li­chen De­mons­tra­ti­ons­rou­ten im Karls­ru­her Stadt­teil Dur­lach. An die­ser Sper­re ging es für die Ge­gen­de­mons­tran­ten nicht mehr wei­ter. Fo­to: Deck

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