Tau­sen­de de­mons­trie­ren ge­gen brau­ne Ideo­lo­gie

Bun­ter Pro­test mit Kund­ge­bung an Bahn­hof und Schloss­platz / Stren­ge Tren­nung der Grup­pen

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von Ste­fan Jeh­le und Pa­tri­zia Ka­luz­ny

Auf dem Platz vor der Fried­rich-Realschule ist es be­reits ganz schön bunt. Mit­glie­der des Ju­gend­werks der AWO ha­ben zu Spray­do­sen ge­grif­fen und wei­ße T-Shirts in re­gen­bo­gen­far­be­ne Uni­ka­te ver­wan­delt. Dar­auf prangt die Bot­schaft „Un­se­re Zu­kunft ist bunt“. Spä­ter wer­den sie in die­sen Shirts im vom „Ak­ti­ons­bünd­nis 3.6.2017“or­ga­ni­sier­ten Pro­test­zug über die Pfinz­tal­stra­ße lau­fen. Der stell­ver­tre­ten­de Orts­vor­ste­her von Dur­lach, Mar­tin Pötz­sche, ist mit Kol­le­gen ver­schie­de­ner po­li­ti­scher Cou­leur aus dem Rat­haus be­reits auf dem Weg zum Bahn­hof. „Heu­te gibt es kei­ne Par­tei­en“, sagt Pötz­sche und ern­tet zu­stim­men­des Ni­cken. Im­mer mehr Men­schen, die ge­gen den Na­zi-Auf­marsch „Tag der deut­schen Zu­kunft“pro­tes­tie­ren wol­len, zieht es zum Dur­la­cher Bahn­hof. Tril­ler­pfei­fen wer­den ver­teilt, Trans­pa­ren­te ent­rollt. Die Grup­pe „Rhyth­men of Ré­sis­tan­ce“trom­melt sich schon mal warm.

Kurz vor 12 Uhr ist der Bus­bahn­hofs­platz vol­ler Men­schen. Frau­en, Män­ner, Jun­ge, Al­te, Schü­ler­grup­pen, vie­le Fa­mi­li­en – die Stim­mung ist aus­ge­las­sen. Auf der Büh­ne spie­len die Jungs von „Trans­por­ter“Punk­rock. Als die Nach­richt die Run­de macht, dass ein Zug mit Rechts­ex­tre­men in den Bahn­hof ein­rollt, ver­la­gert sich das Ge­sche­hen so­fort an die Ab­sper­rung. Für die Na­zis gibt es ein gel­len­des Pfeif­kon­zert und laut­star­ke „Na­zis raus“-Ru­fe. Es wer­den nicht die letz­ten sein.

„Wir wol­len mit un­se­rer Stim­me heu­te ein deut­li­ches Zei­chen set­zen“, ruft Ober­bür­ger­meis­ter Frank Mentrup als ers­ter Red­ner der Kund­ge­bung den Bür­gern zu. Pas­send da­zu brül­len an der Ab­sper­rung Hun­der­te Men­schen laut­hals „Na­zis raus“in Rich­tung der sich ver­sam­meln­den Teil­neh­mer der rech­ten De­mo. „Ich bin dank­bar, dass sie heu­te al­le hier sind, denn das, was die Rechts­ex­tre­mis­ten, Neo­na­zis und Hoo­li­gans wol­len, das ist nicht un­se­re Mei­nung und nicht un­se­re Zu­kunft“, so Mentrup. Die Viel­falt sei nicht der Feind, son­dern die Vor­aus­set­zung und das Fun­da­ment für un­se­re blü­hen­de und rei­che Ge­sell­schaft, ruft Mentrup und ver­liest auch ei­ne Bot­schaft sei­nes Kol­le­gen aus Dort­mund, der So­li­da­ri­tät mit den Karls­ru­hern be­kun­det. In Dort­mund fand im ver­gan­ge­nen Jahr der „Tag der deut­schen Zu­kunft“statt. Mar­tin Kunz­mann, Vor­sit­zen­der DGB Ba­den-Würt­tem­berg, nennt den rechts­ex­tre­men „Tag der deut­schen Zu­kunft“ei­ne „Schan­de für un­se­re Re­gi­on“. Es fol­gen noch vie­le Re­de­bei­trä­ge.

Kurz vor 14 Uhr zieht es die Ge­gen­de­mons­tran­ten – gut 2 500 sol­len es sein – vom Bus­bahn­hof an die Kreu­zung, an der die Dur­la­cher Al­lee in die Pfinz­tal­stra­ße über­geht. Dort for­miert sich der Pro­test­zug, der un­ter an­de­rem vom OB Frank Mentrup, dem Karls­ru­her DGBChef Die­ter Bürk und SPD-Lan­des­vor­sit­zen­den Le­ni Brey­mai­er an­ge­führt wird. Mit glit­zern­dem Kon­fet­ti­re­gen zie­hen die De­mons­tran­ten bis zum Schloss­platz, wo als Ab­schluss ei­ne Kund­ge­bung der DGB-Ju­gend statt­fin­det. Zu­gleich ver­sam­meln sich die Bür­ger an meh­re­ren Git­ter­ab­sper­run­gen in der Alt­stadt, um ih­ren Un­mut ge­gen rech­te Het­ze und Rechts­ex­tre­men und Neo­na­zis laut­stark zu ar­ti­ku­lie­ren.

An­ge­kün­digt wa­ren bis zu 1 000 Rechts­ex­tre­mis­ten. Ge­wor­ben hat­te die vom Ver­fas­sungs­schutz be­ob­ach­te­te Par­tei „Die Rech­te“schon seit Mo­na­ten in den so­zia­len Netz­wer­ken. Doch am En­de kam nur ein Pulk von et­wa 300 Neo­na­zis. Nichts ist mit den dut­zen­den schwarz-weiß-ro­ten Flag­gen, wie sie in den Wer­be­vi­de­os der ein­schlä­gi­gen Blogs im Wind we­hen, und die ver­meint­lich „bes­se­re Zei­ten des deut­schen Na­tio­na­lis­mus“be­schwö­ren sol­len. Die Grup­pe vor dem Bahn­hof er­in­ner­te eher an ein ver­spreng­tes Häuf­lein, das sich nach Dur­lach ver­irrt zu ha­ben schien.

Die Si­cher­heits­vor­keh­run­gen sind frei­lich im­mens: über­all sind Ab­sperr­git­ter zu se­hen. Hun­der­te von Po­li­zis­ten prä­gen das Bild zwi­schen dem Bahn­hof und der wei­ter öst­lich ver­lau­fen­den Pforz­hei­mer Stra­ße. Vor dem Bahn­hof steht ein Was­ser­wer­fer. Da­hin­ter, na­he dem Ge­bäu­de ei­nes Phar­ma­kon­zerns, grup­pie­ren sich Be­am­te in schwe­rer Ein­satz-Mon­tur, mit Hel­men und Schlag­stö­cken.

Streng ge­trennt von den Ge­gen­de­mons­tran­ten beim Haupt­ein­gang des Bahn­hofs, müs­sen die über­wie­gend in schwar­zen Ho­sen und ro­ten T-Shirts ge­klei­de­ten Rechts­ex­tre­mis­ten durch ei­ne Schleu­se hin­durch, be­vor sie sich am Ort der ers­ten Kund­ge­bung, am Be­ginn der Pfinz­stra­ße, sam­meln. Po­li­zei­be­am­te durch­su­chen Ta­schen – tas­ten die Teil­neh­mer auf ver­bo­te­ne Ge­gen­stän­de ab. Nach­dem die städ­ti­sche Ver­samm­lungs­be­hör­de am Frei­tag­abend und Sams­tag zu­nächst rund ein Dut­zend der von den Rechts­ex­tre­mis­ten ge­mel­de­ten Red­ner ab­ge­lehnt hat­te, gibt es Ein­wei­sun­gen für 18 Ord­ner. Aus­wei­se wer­den kon­trol­liert. Der Bun­des­vor­sit­zen­de der Par­tei „Die Rech­te“, Chris­ti­an Worch, echauf­fiert sich bei den Be­hör­den­ver­tre­tern über an­geb­li­che Ver­zö­ge­run­gen: Nach­dem er selbst die Auf­la­gen der Kund­ge­bung ver­le­sen hat – ver­bo­ten sind et­wa mi­li­tä­risch ge­präg­te Klei­dungs­stü­cke oder Sprin­ger­stie­fel – hält er ei­ne ers­te Kund­ge­bungs­re­de. Beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ha­be er Be­schwer­de ein­ge­legt ge­gen die „Ver­kom­men­heit“, die Red­ner­lis­te „will­kür­lich“zu än­dern. Der sich mit rund ei­ner St­un­de Ver­spä­tung Rich­tung Alt­stadt be­we­gen­de Tross der Rechts­ex­tre­mis­ten wird be­glei­tet von Fo­to­jour­na­lis­ten. „20 Me­ter Ab­stand vor dem Zug“, lau­tet die Vor­ga­be der Po­li­zei. „Wer sich auf Hö­he der Grup­pe be­wegt, wird au­to­ma­tisch Teil des Zugs der Rechts­ex­tre­mis­ten“, lässt zu­vor der Po­li­zei­spre­cher ver­lau­ten. Den­noch gibt es spä­ter ver­ein­zelt Kri­tik von Me­di­en­ver­tre­tern. An den Qu­er­stra­ßen er­tö­nen laut­stark die Stim­men der Ge­gen­de­mons­tran­ten: „Na­zis raus“, heißt es da. Die Git­ter­ab­sper­run­gen ste­hen in si­che­rer Ent­fer­nung zum Zug. Spä­ter fol­gen Pfeif­kon­zer­te. Am ers­ten Zwi­schen­stopp, beim Hengst­platz, ha­ben An­lie­ger die Fens­ter weit auf­ge­sperrt – aus Laut­spre­chern er­tönt erst Klas­sik, spä­ter oh­ren­be­täu­ben­de Tech­no-Mu­sik.

Der zwei­te Kund­ge­bungs­red­ner, der Karls­ru­her Ma­nu­el Mül­tin, Lan­des­vor­sit­zen­der von „Die Rech­te“, ist kaum noch zu hö­ren. Auf dem Rück­weg, der wie­der auf der Pfinz­stra­ße zu­rück zum Bahn­hof führt, gibt es noch­mals laut­stark Pro­test: an der Och­sen­tor­stra­ße ha­ben sich die An­hän­ger der Grü­nen ver­sam­melt, an der Le­der­stra­ße wirkt das Pu­bli­kum der Ge­gen­de­mo eher bunt ge­mischt – an der nach Nor­den ab­zwei­gen­den Pforz­hei­mer Stra­ße sieht man ro­te DKP-Fah­nen. Ge­gen 17 Uhr löst sich die Ver­samm­lung der Rechts­ex­tre­mis­ten auf. Der Spuk nä­hert sich dem En­de: stram­men Schrit­tes mar­schie­ren die­se zum Bahn­hof, wer­den grup­pen­wei­se zu den Bahn­stei­gen vor­ge­las­sen. Man­che re­cken den rech­ten Mit­tel­fin­ger, als ver­blie­be­ne Ge­gen­de­mons­tran­ten ih­nen zu­ru­fen: „Haut end­lich ab“.

Im­men­se Si­cher­heits­vor­keh­run­gen

KARLS­RU­HER BÜR­GER set­zen vor dem Dur­la­cher Bahn­hof ein deut­li­ches Zei­chen. Mit­ten­drin OB Frank Mentrup, der das En­ga­ge­ment lob­te. Fo­to: Sand­bil­ler

DER RECHTS­EX­TRE­ME AUF­MARSCH „Tag der deut­schen Zu­kunft“mit rund 300 Teil­neh­mern zog un­ter an­de­rem über die Blu­men­tor­stra­ße. Fo­to: Jeh­le

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