Je­de Men­ge Sche­re­rei­en

Dur­la­cher Bür­ger ar­ran­gie­ren sich mit dem Aus­nah­me­zu­stand

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Kirs­ten Et­zold

Der Aus­nah­me­tag bringt den Men­schen in Dur­lach je­de Men­ge Sche­re­rei­en. Schon in der Nacht vor dem Auf­marsch der Rechts­ex­tre­men und der Groß­de­mons­tra­ti­on der Geg­ner hat in der Karl-Weysser-Stra­ße die Po­li­zei die Auf­stel­lung ih­rer Hun­dert­schaf­ten vor­be­rei­tet. Über dem Stadt­teil kreist ein Hub­schrau­ber. Der Markt – dies­mal nur ein Eier­stand und ein An­bie­ter von Bi­oGe­mü­se – steht fak­tisch un­ter Po­li­zei­schutz. Ein Paar parkt sei­ne Fahr­rä­der un­ab­ge­schlos­sen am Markt­brun­nen. „Ich las­se mir doch von den Neo­na­zis nicht mein Sams­tags­pro­gramm ver­der­ben“, sagt ei­ne Kun­din trot­zig. Sie will mit Freun­den in der De­mo für To­le­ranz und Viel­falt mit­zie­hen und dann gril­len.

Um 9 Uhr öff­nen in der Fuß­gän­ger­zo­ne ei­ni­ge Ge­schäf­te. Mei­ke Eber­stadt sitzt auf der Stu­fe vor ih­rem Kräu­ter­la­den. Ein Lkw des Tech­ni­schen Hilfs­werks mit THW-Frei­wil­li­gen und Sperr­git­tern rum­pelt übers Kopf­stein­pflas­ter der fast ver­wais­ten Fuß­gän­ger­zo­ne – es wirkt ge­spens­tisch. Eber­stadt, die zur Ar­beits­ge­mein­schaft Dur­la­cher Händ­ler ge­hört, kri­ti­siert: „Wir fin­den es grob fahr­läs­sig, 3 500 Men­schen durch die Pfinz­tal­stra­ße zie­hen zu las­sen, bei de­nen man nicht weiß, wer sich dar­un­ter mischt.“

Im „Fa­sa­nen­bä­cker“na­he der Karls­burg nimmt ei­ne weiß­haa­ri­ge Kun­din ein hal­bes Kas­ten­weiß­brot mit. „Ganz zu­ma­chen geht gar nicht“, sagt die Ver­käu­fe­rin. „Vie­le wa­ren aber schon ges­tern da.“Der Krusch­tel­markt auf dem Schloss­platz ist be­stückt, wenn auch luf­tig. Laut Mi­t­or­ga­ni­sa­tor Oli­ver Mächt­lin­ger sind vie­le „Stamm­be­schi­cker“da. Man wol­le durch­aus nicht um 12 Uhr ab­räu­men: „Nach dem DGBMarsch bei uns ei­ne Brat­wurst es­sen, et­was trin­ken und über den Platz bum­meln – war­um nicht?“Tat­säch­lich: Am Nach­mit­tag ist die be­wir­ten­de KaGe Blau­weiss aus­ver­kauft.

An der Pfinz­stra­ße sorgt sich Ani­ta Jol­lit, In­ha­be­rin des Gast­hau­ses Zum Och­sen. Eben hat sie er­fah­ren, dass die Po­li­zei kein Git­ter vor den of­fe­nen Hof ih­res Hau­ses stellt, an dem die Rechts­ex­tre­men zwei­mal di­rekt vor­bei­zie­hen. „Schreck­lich, dass hier so et­was statt­fin­det“, seufzt sie. Lie­ber hät­te sie die an­de­re De­mons­tra­ti­on vor der Tür. Ihr Mann wi­der­spricht. „Un­ord­nung“ge­he eher von der Ge­gen­de­mons­tra­ti­on aus. Ul­la Wright ver­lässt ihr Haus an der Ecke Hub­stra­ße. Sie geht zur Ge­gen­de­mo. „Ich ha­be mich ges­tern bei der Po­li­zei er­kun­digt, wie ich spä­ter durch­kom­me“, er­zählt sie mun­ter. Aus­weis in der Ta­sche, Schirm­müt­ze, An­ste­cker ge­gen Ras­sis­mus und Frem­den­hass an der bun­ten Som­mer­blu­se: Die agi­le Se­nio­rin, die als Mut­ter ei­nes dun­kel­häu­ti­gen Soh­nes Aus­län­der­feind­lich­keit kennt, ist ge­rüs­tet.

Frü­her als er­war­tet at­men vie­le An­woh­ner und Ge­schäfts­leu­te in Dur­lach auf. Es­ka­la­tio­nen be­schrän­ken sich auf den nörd­li­chen Rand des De­mo-Ge­biets. Mai­ke Fl­eig, In­ha­be­rin der Wein­hand­lung Cu­vee beim Was­ser­werk Dur­lach, hat da­von ge­hört, nicht aber von der na­tio­na­lis­ti­schen Het­ze auf dem Hengst­platz: „Das wur­de von Mu­sik über­schallt.“

Her­bert Sie­bach führt die Hün­din Sho­na aus und war­tet dar­auf, dass sei­ne Frau Ma­rie-Chris­ti­ne Haas von der Ge­gen­de­mo zu­rück­kehrt. „Es ist wich­tig, sich zu zei­gen, die­se Ak­ti­on der Stadt war toll“, fin­det der Leh­rer am Mark­gra­fen-Gym­na­si­um. Als Alt­stadt­ein­woh­ner freut er sich dop­pelt, dass es vor sei­ner Tür fried­lich blieb: „Dur­lach war kein He­xen­kes­sel.“

DUR­LACH IM AUS­NAH­ME­ZU­STAND: Die Bür­ger muss­ten vie­le Sper­run­gen in Kauf neh­men. Vie­le Ge­schäf­te blie­ben am Sams­tag ge­schlos­sen. Fo­to: Sand­bil­ler

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