Der End­los-Streit geht wei­ter

EuGH be­kommt es mit deut­schen Fra­gen zum Ur­he­ber­schutz zu tun

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

Karls­ru­he/Lu­xem­burg. Zwei Se­kun­den Hip-Hop schrei­ben dem­nächst auch eu­ro­päi­sche Rechts­ge­schich­te. In ei­nem Ur­he­ber­rechts­streit zwi­schen dem Rap-Mu­sik­pro­du­zen­ten Mo­ses Pel­ham und der le­gen­dä­ren Pop­for­ma­ti­on „Kraft­werk“wur­den sie vom Bun­des­ge­richts­hof (BGH) nach lan­ger Ver­fah­rens­dau­er ver­bo­ten , dann aber vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kürz­lich doch er­laubt. Die­se Kor­rek­tur durch die Karls­ru­her Ver­fas­sungs­hü­ter will der Bun­des­ge­richts­hof jetzt aber nicht ak­zep­tie­ren und wen­det sich mit­hil­fe ei­ner Vor­la­ge an den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof in Lu­xem­burg.

Der Aus­lö­ser des pro­mi­nen­ten Mus­ter­streits: Das 1997 er­schie­ne­ne Lied der Deut­schrap­pe­rin Sa­b­ri­na Set­lur „Nur mir“war mit ei­ner rhyth­mi­schen Dau­er­schlei­fe un­ter­legt, für die Pel­ham ei­nen Mu­sik­fet­zen aus ei­ner Ton­spur von „Kraft­werk“aus dem Jahr 1977 ver­wen­det hat­te. Sol­ches Sam­pling, der Ein­bau mu­si­ka­li­scher und text­li­cher Zi­ta­te prägt die­se Mu­sik­gat­tung.

Der BGH ur­teil­te im De­zem­ber 2012, dass im Prin­zip auch kleins­te Tei­le ei­nes Mu­sik­stücks ur­he­ber­recht­lich ge­schützt sei­en und sie des­halb nur mit Zu­stim­mung des Ur­he­bers ent­nom­men wer­den dür­fen. Von die­ser Re­gel ge­be es nur ei­ne Aus­nah­me, wenn die Klang­sequenz we­gen ih­rer be­son­de­ren Ei­gen­art nicht ein­fach nach­ge­spielt wer­den kön­ne. Der BGH fand aber nach Ein­schal­tung von Mu­sik­ex­per­ten, es wä­re Pel­ham mög­lich ge­we­sen, die über­nom­me­ne Rhyth­mus­se­quenz selbst ein­zu­spie­len.

Das Ver­fas­sungs­ge­richt sah da­durch je­doch die Reich­wei­te der Kunst­frei­heit des Hip-Hop-Pro­du­zen­ten ver­kannt. Wenn sol­che Sam­ples nur bei schwer zu er­mit­teln­der „Nach­spiel­bar­keit“ver­wen­det wer­den dürf­ten, an­de­ren­falls aber teu­rer Scha­dens­er­satz dro­he, dann ha­be dies „ab­schre­cken­de Wir­kung“und tref­fe den Künst­ler beim Schaf­fens­pro­zess im Nerv. Der ver­fas­sungs­recht­li­che Schutz des geis­ti­gen Ei­gen­tums ge­bie­te nicht, „dem Ton­trä­ger­her­stel­ler je­de nur denk­ba­re wirt­schaft­li­che Ver­wer­tungs­mög­lich­keit zu­zu­ord­nen“, son­dern sol­le le­dig­lich si­cher­stel­len, dass ihm ins­ge­samt ein an­ge­mes­se­nes Ent­gelt für sei­ne Leis­tung ver­blei­be. Bei der Ver­kün­dung des Vor­la­ge­be­schluss for­mu­lier­te der BGH-Se­nats­vor­sit­zen­de Wolf­gang Bü­scher et­was mo­kant: Künf­tig müss­ten sich beim Streit ums Ur­he­ber­recht die Klä­ger mit dem Rechts­weg zum BGH be­gnü­gen und könn­ten nicht mehr zum Ver­fas­sungs­ge­richt zie­hen, wenn sich die Eu­ro­pa­rich­ter der Mei­nung sei­nes Se­nats an­schlös­sen. Dann sei nicht mehr das Grund­ge­setz son­dern al­lein das EU-Recht samt EU-Grund­rech­te­char­ta der ent­schei­den­de Prüf­maß­stab. Das klingt al­ler­dings nur im ers­ten Mo­ment wie ein Af­front ge­gen­über den Ro­ten Ro­ben aus dem Schloss­be­zirk. Die hat­ten näm­lich selbst auf den Weg nach Eu­ro­pa hin­ge­wie­sen, weil die eu­ro­päi­sche Ur­he­ber­richt­li­nie seit 2002 als voll har­mo­ni­sie­rend, das heißt ver­bind­lich für al­le na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen der EU-Mit­glieds­län­der gilt. Soll­ten Zwei­fel an der Über­ein­stim­mung der Richt­li­nie mit den grund­ge­set­zähn­li­chen Uni­ons­grund­rech­ten ent­ste­hen, hät­te der BGH die Fra­ge dem EuGH zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bleibt hier aber wei­ter­hin im Spiel: Denn es be­hält sich vor, die­se Vor­la­ge­pra­xis auch in­so­weit zu über­prü­fen, ob im En­d­er­geb­nis „der un­ab­ding­ba­re Min­dest­stan­dard des (deut­schen) Grund­ge­set­zes ge­wahrt“bleibt. Die­ser letz­te Hin­weis rich­tet sich ein­deu­tig auch an die Adres­se des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­ho­fes: Die­ser muss da­für sor­gen, dass – auch auf dem Feld von Kun­stund Pres­se­frei­heit – die deut­sche Ver­fas­sungs­iden­ti­tät nicht zu Scha­den kommt, das wür­den die deut­schen Ver­fas­sungs­hü­ter nicht hin­neh­men.

Micha­el Reis­sen­ber­ger

Zank­ap­fel ist ein Rhyth­mus aus ei­nem Kraft­werk-Ti­tel Mu­sik­bran­che schaut auf­merk­sam zu

SORGT FÜR AUF­SE­HEN: Der Streit zwi­schen dem Kom­po­nis­ten und Pro­du­zen­ten Mo­ses Pel­ham und den Elek­tro­pop-Pio­nie­ren „Kraft­werk“wan­dert schon seit fast zwei Jahr­zehn­ten durch die In­stan­zen und be­schäf­tig­te auch das Ver­fas­sungs­ge­richt. Fo­to: dpa

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