Droht ei­ne Pri­va­ti­sie­rung durch die Hin­ter­tür?

Die kürz­lich be­schlos­se­nen Grund­ge­setz­än­de­run­gen be­feu­ern den Streit um die Zu­kunft des deut­schen Au­to­bahn­net­zes

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Bern­hard Junginger

Ber­lin. Er­mög­licht das Ge­set­zes­pa­ket zur Re­form des Län­der­fi­nanz­aus­glei­ches durch die Hin­ter­tür die Pri­va­ti­sie­rung des deut­schen Au­to­bahn­net­zes? Bun­des­tag und Bun­des­rat ha­ben ver­gan­ge­ne Wo­che mit 13 Grund­ge­setz­än­de­run­gen die Fi­nanz­be­zie­hun­gen zwi­schen Bund und Län­dern in vie­len Fel­dern auf neue Bei­ne ge­stellt. Be­schlos­sen wur­de da­bei auch die Grün­dung ei­ner so­ge­nann­ten Au­to­bahn-Gm­bH. Uni­on und SPD be­teu­ern zwar, dass das neue Ge­setz zahl­rei­che Schran­ken ge­gen ei­ne Pri­va­ti­sie­rung ent­hält. Doch Kri­ti­ker sind von den For­mu­lie­run­gen nicht über­zeugt – sie fürch­ten, dass ei­ne Pri­va­ti­sie­rung gro­ßer Tei­le des Fern­stra­ßen­net­zes nun erst recht mög­lich ist.

Ei­ne zen­tra­le In­fra­struk­tur­ge­sell­schaft soll künf­tig über­neh­men, was bis­her Län­der­sa­che war: Pla­nung, Bau und Be­trieb der Au­to­bah­nen und Bun­des­stra­ßen in Deutsch­land. Die Be­für­wor­ter die­ses Mo­dells glau­ben, dass ei­ne sol­che Ge­sell­schaft die teils ma­ro­den und von Sa­nie­rungs­stau be­trof­fe­nen Stre­cken deut­lich schnel­ler und ef­fi­zi­en­ter auf Vor­der­mann brin­gen kann. Ul­rich Lan­ge (CSU), ver­kehrs­po­li­ti­scher Spre­cher der Uni­ons­frak­ti­on im Bun­des­tag, sagt: „Statt ver­floch­te­ner Bun­des- und Län­der­zu­stän­dig­kei­ten mit Dop­pel­struk­tu­ren und Rei­bungs­ver­lus­ten wer­den wir Kom­pe­ten­zen ef­fi­zi­ent bün­deln.“Die neue In­fra­struk­tur­ge­sell­schaft wer­de da­bei wie die Au­to­bah­nen selbst – „zu 100 Pro­zent in Bun­des­hand“blei­ben. Das Kon­strukt, sa­gen Ex­per­ten, sei et­wa mit städ­ti­schen Was­ser­wer­ken und Ener­gie­ver­sor­gern ver­gleich­bar – pri­vat­recht­lich or­ga­ni­siert, aber im Be­sitz der öf­fent­li­chen Hand. Nach frü­he­ren Plä­nen von Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) und Ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU) hät­ten auch pri­va­te In­ves­to­ren, et­wa Ban­ken und Ver­si­che­run­gen, An­tei­le an der Au­to­bahn­ge­sell­schaft er­wer­ben kön­nen. Der Staat hät­te nur ei­ne knap­pe Mehr­heit be­hal­ten. Doch da­ge­gen sperr­te sich die SPD und setz­te ein Ver­bot ei­nes kom­plet­ten oder teil­wei­sen Ver­kaufs der In­fra­struk­tur­ge­sell­schaft durch.

Kri­ti­ker se­hen in­des schon al­lein durch die Über­füh­rung der Auf­ga­ben in ei­ne pri­vat­recht­li­che Ge­sell­schaft gro­ße Nach­tei­le. Lau­ra Va­len­tu­ke­vici­u­te von der Or­ga­ni­sa­ti­on „Ge­mein­gut in Bür­ger­hand“warnt: „Der Bun­des­tag hat künf­tig kaum noch Ein­fluss- und Kon­troll­mög­lich­kei­ten – und die Län­der gar kei­ne mehr.“Und die Ge­fahr der Pri­va­ti­sie­rung sei kei­nes­wegs ge­bannt – kom­me aber aus ei­ner an­de­ren Rich­tung. Denn die so­ge­nann­ten öf­fent­lich-pri­va­ten Part­ner­schaf­ten (ÖPPs) blei­ben auch nach der Grund­ge­setz­än­de­rung mög­lich.

Ein Bei­spiel für ei­ne sol­che ÖPP ist et­wa der sechs­spu­ri­ge Aus­bau des Ab­schnitts zwi­schen Augs­burg und Ulm der Au­to­bahn A 8 durch das Un­ter­neh­men Pan­sue­via. Ei­gen­tü­mer sind die Bau­un­ter­neh­men Hoch­tief und Stra­bag. 2011 er­hielt die Fir­ma vom Staat den Auf­trag, die 41 Ki­lo­me­ter lan­ge Stre­cke aus­zu­bau­en und bis zum Jahr 2041 zu be­trei­ben. Ne­ben ei­ner An­schub­fi­nan­zie­rung von 75 Mil­lio­nen Eu­ro er­hält die Pan­sue­via da­für ei­nen Teil der Maut­ein­nah­men, die auf der Stre­cke an­fal­len. Do­brindt ist ein er­klär­ter Freund sol­cher Mo­del­le, sieht in ih­nen die Zu­kunft des Au­to­bahn­aus­baus. Der Staat spa­re so Zeit und Geld. Je­doch hat der Bun­des­rech­nungs­hof mehr­fach mo­niert, dass es bei auf die­se Wei­se ge­bau­ten Stra­ßen zu deut­li­chen Mehr­kos­ten kam. Nach der neu­en Ge­set­zes­la­ge wer­den ÖPPs zwar nicht aus­ge­schlos­sen, aber be­grenzt. Auf gan­zen Au­to­bahn­net­zen sind sie ver­bo­ten, er­laubt sind aber Ein­zel­pro­jek­te un­ter 100 Ki­lo­me­ter Län­ge. Doch für Va­len­tu­ke­vici­u­te ist die Ein­zel ÖPP oh­ne­hin die „gras­sie­ren­de Pri­va­ti­sie­rungs­form“. Un­ter den sie­ben bis­her ver­wirk­lich­ten Au­to­bahn ÖPPs um­fas­se kei­ne mehr als 100 Ki­lo­me­ter Stre­cke. Und nie­mand kön­ne künf­tig ver­hin­dern, dass ein Kon­zern sich zahl­rei­che Ein­zelÖPPs si­che­re und da­durch die Maut­ein­nah­men aus gro­ßen Tei­len des Stre­cken­net­zes kas­siert. Auch An­ton Ho­frei­ter, Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Grü­nen im Bun­des­tag, klagt: „Uni­on und SPD ha­ben Schlupf­lö­cher zur Pri­va­ti­sie­rung un­se­rer Au­to­bah­nen ge­schaf­fen.“Die Gro­ße Ko­ali­ti­on er­lau­be mit den ÖPPs „ei­ne kost­spie­li­ge un­durch­sich­ti­ge Be­tei­li­gung von Groß­kon­zer­nen an Bau und Be­trieb von Au­to­bah­nen.“

„Län­der feh­len künf­tig die Kon­troll­mög­lich­kei­ten“

Fo­to: dpa

ZANKAPFEL AU­TO­BAH­NEN: Uni­on und SPD be­teu­ern zwar, dass das neue Ge­setz zahl­rei­che Schran­ken ge­gen ei­ne Pri­va­ti­sie­rung ent­hält. Doch Kri­ti­ker sind da­von nicht über­zeugt.

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