Ein ers­tes Si­gnal?

EZB be­lässt Leit­zins auf null Pro­zent – Öko­no­men se­hen aber Trend­wen­de

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von Jörn Bender und Frie­de­ri­ke Marx

Frankfurt/Tal­linn. Eu­ro­pas Wäh­rungs­hü­ter tas­ten sich an ein En­de ih­rer Bil­lig­geld­schwem­me her­an. Zugleich warn­te der Prä­si­dent der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB), Ma­rio Draghi, aber vor über­trie­be­ne Er­war­tun­gen auf ein schnel­les En­de der Nied­rig­zin­sen. „Ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Maß an geld­po­li­ti­scher Un­ter­stüt­zung ist im­mer noch nö­tig“, sag­te Draghi nach der aus­wär­ti­gen Sit­zung des EZB-Ra­tes in der est­ni­schen Haupt­stadt Tal­linn. Den Leit­zins im Eu­ro­raum be­ließ der Rat auf dem Re­kord­tief von null Pro­zent. Par­ken Fi­nanz­in­sti­tu­te über­schüs­si­ges Geld bei der EZB, müs­sen sie da­für un­ver­än­dert 0,4 Pro­zent Straf­zin­sen zah­len.

Für den Kauf von Staats­und Un­ter­neh­mens­an­lei­hen will die No­ten­bank bis min­des­tens zum Jah­res­en­de wei­ter mo­nat­lich 60 Mil­li­ar­den Eu­ro auf­wen­den. Erst­mals gab die EZB aber vor­sich­ti­ge Hin­wei­se auf ei­nen Ein­stieg in den Aus­stieg. Die No­ten­bank be­ur­teil­te die Wachs­tums­ri­si­ken für den Eu­ro­raum als „weit­ge­hend aus­ge­gli­chen“statt „ab­wärts­ge­rich­tet“und be­tont die ver­bes­ser­ten kon­junk­tu­rel­len Rah­men­be­din­gun­gen stär­ker. Zu­dem ver­zich­te­ten die Wäh­rungs­hü­ter auf den Hin­weis auf mög­li­che wei­te­re Zins­sen­kun­gen. Bei­des gilt un­ter Öko­no­men als ers­tes Si­gnal, dass sich die Wäh­rungs­hü­ter all­mäh­lich an ei­ne Nor­ma­li­sie­rung ih­rer Geld­po­li­tik her­an­tas­ten.

Der Ban­ken­ver­band BdB be­grüß­te die „ers­ten Trip­pel­schrit­te in Rich­tung Aus­stieg aus der ex­trem ex­pan­si­ven Geld­po­li­tik“, hät­te sich an­ge­sichts der sta­bi­len Kon­junk­tur­ent­wick­lung im Eu­ro­raum aber ein „ent­schlos­se­ne­res Vor­ge­hen ge­wünscht“, wie BdB-Haupt­ge­schäfts­füh­rer Micha­el Kem­mer sag­te. Kri­tik am EZB-Kurs kommt seit lan­gem aus wirt­schaft­lich star­ken Län­dern wie Deutsch­land. Denn Spa­rer be­kom­men kaum noch Zin­sen, Ban­ken tun sich mit dem Geld­ver­die­nen schwer.

Al­ler­dings pro­fi­tie­ren auf der an­de­ren Sei­te Kre­dit­neh­mer von güns­ti­gen Kon­di­tio­nen – zum Bei­spiel beim Kauf von Häu­sern und Woh­nun­gen. Öko­no­men er­war­ten, dass die EZB schritt­wei­se erst das An­lei­hen­kauf­pro­gramm („Quan­ti­ta­ti­ve Ea­sing“/QE) zu­rück­fah­ren wird und dann – wo­mög­lich erst 2019 – die Zin­sen all­mäh­lich an­he­ben wird. Das vie­le bil­li­ge Geld soll im Ide­al­fall die Kon­junk­tur an­schie­ben und die Teue­rungs­ra­te nach­hal­tig in Rich­tung der EZB-Ziel­mar­ke von knapp un­ter 2,0 Pro­zent trei­ben – weit ge­nug weg von der Null­li­nie. Dau­er­haft nied­ri­ge Prei­se auf brei­ter Front gel­ten als Ri­si­ko für die Kon­junk­tur: Un­ter­neh­men und Ver­brau­cher könn­ten In­ves­ti­tio­nen auf­schie­ben, in der Hoff­nung, dass es noch bil­li­ger wird.

Im Mai la­gen die Ver­brau­cher­prei­se im Eu­ro­raum nach Zah­len des eu­ro­päi­schen Sta­tis­tik­amts Eu­ro­s­tat um 1,4 Pro­zent über dem Vor­jah­res­wert. Die Kern­in­fla­ti­on oh­ne schwan­kungs­an­fäl­li­ge Ener­gie- und Le­bens­mit­tel­prei­se er­reich­te 0,9 Pro­zent. Vor al­lem we­gen der nied­ri­gen Öl­prei­se wer­den die Ver­brau­cher­prei­se nach Ein­schät­zung der EZB al­ler­dings lang­sa­mer stei­gen als zu­letzt er­war­tet. Für das lau­fen­de Jahr rech­net die No­ten­bank nun mit ei­ner Teue­rungs­ra­te von 1,5 Pro­zent (Mär­zPro­gno­se: 1,7 Pro­zent). Auch für 2018 und 2019 senk­ten die Wäh­rungs­hü­ter ih­re Pro­gno­se. Der Wirt­schaft im Eu­ro­raum traut die No­ten­bank in­des ein stär­ke­res Wachs­tum zu als noch im März. Für das lau­fen­de Jahr er­war­tet sie nach ei­nem schwung­vol­len Auf­takt ei­nen Zu­wachs von 1,9 (1,8) Pro­zent beim Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP). Im ers­ten Quar­tal hat­te die Wirt­schaft in den 19 Län­dern des Wäh­rungs­raums nach An­ga­ben von Eu­ro­s­tat um 0,6 Pro­zent zum Vor­quar­tal zu­ge­legt.

AL­LES BEIM AL­TEN be­ließ die EZB, de­ren Rat dies­mal nicht in der Zen­tra­le in Frankfurt tag­te. Fo­to: dpa

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