Elek­trisch von Haus zu Haus

Zu­stel­ler wie Ar­ri­va, die Post und UPS set­zen ver­stärkt auf E-Fahr­zeu­ge

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ekart Kin­kel

Ba­den-Ba­den/Karls­ru­he. In den Vil­len­vier­teln von Ba­den-Ba­den wird selbst ei­ne ver­meint­lich ein­fa­che Sa­che wie das Aus­tra­gen von Brie­fen zu ei­ner über­aus kom­pli­zier­ten An­ge­le­gen­heit. „Zu Fuß kön­nen Brie­fe we­gen der gro­ßen Ent­fer­nun­gen zwi­schen den ein­zel­nen Häu­sern nicht zu­ge­stellt wer­den. Und für das Fahr­rad sind die Stei­gun­gen teil­wei­se schlicht­weg zu steil“, nennt Frank Nei­nin­ger von der für Ar­ri­va tä­ti­gen Zu­stell­lo­gis­tik Ba­den-Würt­tem­berg (ZLBW) die lo­gis­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen in der Kur­stadt. „Und für die Kupp­lung ei­nes Au­tos ist das stän­di­ge An­hal­ten und An­fah­ren im hü­ge­li­gen Ge­län­de eben­falls ei­ne Ka­ta­stro­phe.“Seit ei­ni­gen Wo­chen wer­den die Brie­fe des Post­dienst­leis­ters Ar­ri­va in zwei Zu­stell­be­zir­ken des­halb mit ei­nem so­ge­nann­ten Paxs­ter aus­ge­lie­fert. Die Elek­tro­mo­bi­le wur­den 2013 vom nor­we­gi­schen Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rer Loyds In­dus­tri im nor­we­gi­schen Bor­gen­hau­gen spe­zi­ell für den Zu­stell­dienst kon­zi­piert. Der­zeit wer­den vier der kom­pak­ten Fahr­zeu­ge von Ar­ri­va in Ba­den-Würt­tem­berg auf Herz und Nie­ren ge­tes­tet, ei­nes da­von im Karls­ru­her Stadt­teil Dax­lan­den.

„Bis­lang ha­ben wir sehr gu­te Er­fah­run­gen ge­macht“, be­rich­tet Nei­nin­ger. Vor al­lem in leicht hü­ge­li­gem Ter­rain mit län­ge­ren Wegstre­cken sei­en die Paxs­ter ein ech­ter Ge­winn. Die Reich­wei­te von 100 Ki­lo­me­tern ist laut Nei­nin­ger für den Zu­stell­dienst eben­so aus­rei­chend wie die Höchst­ge­schwin­dig­keit von 45 St­un­den­ki­lo­me­tern. Ins­ge­samt zwölf Brief­kis­ten mit je­weils 15 Ki­lo­gramm Ge­wicht kön­nen auf der La­de­flä­che ver­staut wer­den. Und auch für Pa­ket­zu­stel­lun­gen sind die E-Fahr­zeu­ge gut ge­eig­net. Dass der Paxs­ter kei­ne Tü­ren hat, ist für Nei­nin­ger eben­falls von Vor­teil. „Bei Zu­stell­au­tos sind die Tü­ren ne­ben der Kupp­lung und den Brem­sen be­son­ders oft ka­putt“, be­tont er, schließ­lich wür­den sie „bei je­dem Stopp auf­ge­macht und wie­der zu­ge­schla­gen.“

Gut 15 000 Eu­ro kos­tet der­zeit ein Paxs­ter. Zwei wei­te­re sind für den Ein­satz im Karls­ru­he und Ras­tatt be­reits be­stellt. „Ein Klein­wa­gen kos­tet aber ge­nau so viel“, so Nei­nin­ger, und auf je­den Fall sei der Strom aus der Steck­do­se der­zeit noch „deut­lich güns­ti­ger“als der Sprit für ei­nen Ver­bren­nungs­mo­tor.

Um die Zu­stel­lung in ge­sam­ten Re­gi­on auf die pass­ge­nau­en Elek­tro­fahr­zeu­ge um­zu­stel­len, muss laut Nei­nin­ger je­doch auch die In­fra­struk­tur bei Ar­ri­va auf den Prüf­stand ge­stellt wer­den. Denn das Ab­ho­len der täg­li­chen Post im zen­tra­len La­ger im Karls­ru­her Ha­fen so­wie das an­schlie­ßen­de Ver­tei­len im Stadt­ge­biet sei­en we­gen der zu ge­rin­gen Reich­wei­te mit den klei­nen Elek­tro­fahr­zeu­gen nicht mög­lich. „Für den Aus­bau der Elek­tro­mo­bi­li­tät brau­chen wir Mi­kro­de­pots im Stadt­ge­biet“, be­tont Nei­nin­ger. Weil die An­mie­tung von klei­ne­ren La­den­ge­schäf­ten als Zwi­schen­la­ger in ei­nem Bal­lungs­raum aber zu teu­er sei, den­ke man bei Ar­ri­va über Al­ter­na­ti­ven wie An­hän­ger oder Klein­bus­se nach.

Als Vor­bild könn­te auch ein Pro­jekt des Kon­kur­ren­ten Uni­ted Par­cel Ser­vice (UPS) in Ham­burg die­nen. Dort die­nen

„Bis­lang ha­ben wir sehr gu­te Er­fah­run­gen ge­macht“

meh­re­re Con­tai­ner als Zwi­schen­de­pots und von dort aus wird die Post mit elek­trisch be­trie­be­nen, drei­räd­ri­gen „Car­go Crui­sern“ab­ge­holt und ver­teilt. „Die Bran­che steht der­zeit enorm un­ter Druck“, sagt Nei­nin­ger, „aber über kurz oder lang wird die Post aus­schließ­lich mit nach­hal­ti­gen Ver­kehrs­mit­teln aus­ge­tra­gen.“

Auch bei der Deut­schen Post und ih­rem Pa­ket­dienst DHL hat man die Zei­chen der Zeit schon lan­ge er­kannt und für das Zu­stel­len von Brie­fen und Pa­ke­ten meh­re­re Elek­tro­mo­bi­le aus der Rei­he „Streets­coo­ter“ent­wi­ckelt. Al­lein in der Re­gi­on um Karls­ru­he sind laut Pos­tPres­se­spre­cher Hu­go Gim­ber be­reits über 40 sol­cher Scoo­ter im Ein­satz, lan­des­weit sind es rund 400, bun­des­weit über 2 500. Mit­tel­fris­tig wol­len Post und DHL die ge­sam­te Zu­stell­flot­te auf E-Fahr­zeu­ge um­stel­len, be­tont Gim­ber. Für die Brief­zu­stel­lung in den In­nen­städ­ten und dicht be­sie­del­ten Ge­bie­ten set­ze die Post al­ler­dings auch wei­ter­hin auf das be­währ­ten „CO2-freie“Aus­tra­gen auf Schus­ters Rap­pen oder mit dem Fahr­rad. „Fahr­zeu­ge set­zen wir dort nur ein, wenn auch Pa­ke­te ge­bracht wer­den“, macht Gim­ber deut­lich, und da­für sei­en die drei bis­he­ri­gen Streets­coo­terMo­del­le mit den La­de­vo­lu­mi­na von vier, acht und 20 Ku­bik­me­ter bes­tens ge­eig­net.

Die Streets­coo­ter wur­den von ei­ner Post-Toch­ter spe­zi­ell für den Zu­stell­ver­kehr kon­zi­piert und un­ter an­de­rem sol­len Spe­zi­al­schar­nie­re an den Tü­ren für ei­ne lan­ge Le­bens­dau­er sor­gen. Die Ent­wick­lung ei­nes ei­ge­nen Zu­stell­fahr­zeugs war für Gim­ber haupt­säch­lich den „sehr spe­zi­el­len An­for­de­run­gen“an die Streets­coo­ter ge­schul­det. „Die füh­ren­den Au­to­mo­bil­her­stel­ler bau­en Au­tos mit ei­ner Reich­wei­te von meh­re­ren Hun­dert Ki­lo­me­tern und vier oder fünf Sit­zen“, so Gim­ber, „wir aber brauch­ten vor al­lem ein Werk­zeug.“

FLOTTE ELEK­TRO-FLIT­ZER: Die Fahr­zeu­ge von Ar­ri­va wer­den auch in der Re­gi­on ein­ge­setzt. Kon­kur­ren­ten wie die Post set­zen eben­falls ver­stärkt auf Elek­tro­mo­bi­li­tät. Fo­to: pr

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