Vol­ler Glut und an­rüh­ren­der Mo­men­te

Opé­ra na­tio­nal du Rhin Straß­burg: Ve­ris­mo-Dop­pel „Ca­val­le­ria rusti­ca­na“und „Pagli­ac­ci“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

San­tuz­za kommt nicht zur Ru­he. Vor ih­ren Au­gen wird der Va­ter ih­res un­ge­bo­re­nen Kin­des er­sto­chen. 28 Jah­re spä­ter wird auch eben­je­ner Sohn, der sich auf ei­ne Af­fä­re mit der Ko­mö­di­an­tin Ned­da ein­ließ, von de­ren ei­fer­süch­ti­gen Gat­ten Ca­nio er­sto­chen. Aus San­tuz­zas Woh­nung in dem an­stel­le der arm­se­li­gen Bruch­bu­den­burg rasch hoch­ge­zo­ge­nen Hoch­hoch­haus, von des­sen Zu­gän­gen aus die Be­woh­ner die alt­mo­di­sche Com­me­dia dell ’Ar­te-Pos­se der „Pagli­ac­ci“be­schau­en, dringt nach den Schluss­wor­ten „La com­me­dia è fi­ni­ta“ein Schuss. Wir­kungs­vol­les Fi­na­le für Marc Clé­meur, der mit dem po­pu­lä­ren Ve­ris­mo-Dop­pel aus „Ca­val­le­ria rusti­ca­na“und „Pagli­ac­ci“sei­ne In­ten­danz an der Opé­ra du Rhin be­en­det. Für die Rea­li­sie­rung hat­te er sich den Thea­ter­mann Kris­ti­an Fréd­ric ge­holt, der vor drei Jah­ren in der Urauf­füh­rung von Ré­gis Cam­pos „Quai West“das von Ber­nard-Ma­rie Kol­tès be­schrie­be­ne No Man’s Land am Hud­son und den Dschun­gel aus al­ten Docks, La­ger­hal­len und Feu­er­trep­pen­An­la­gen de­tail­ge­nau er­kun­de­te und dar­in die aus­ge­spro­che­ne Künst­lich­keit ei­nes Film­sets be­wahr­te.

Fréd­ric ver­knüpft jetzt die bei­den Ein­ak­ter dich­ter als ge­wohnt zu ei­nem Bild des Nach­krieg­si­ta­li­en: Pie­tro Mas­ca­gnis 1890 in Rom ur­auf­ge­führ­te „Ca­val­le­ria rusti­ca­na“und Rug­gie­ro Leon­ca­val­los zwei Jah­re spä­ter in Mai­land erst­mals ge­spiel­te „Pagli­ac­ci“, die seit 1893 als Ve­ris­mo-Dop­pel über die Büh­nen der Welt ge­hen und sich hart­nä­ckig ge­gen an­de­re Paa­run­gen sträu­ben. Im­mer wie­der ha­ben Re­gis­seu­re die Stü­cke auf­ein­an­der be­zo­gen, was in der Re­gel bei ei­nem Ein­heits­büh­nen­bild en­det. Fréd­ric geht wei­ter, sieht sie als Teil 1 und Teil 2 ei­nes „Das Feld des Leids“(„Les La­bours de la souf­fran­ce“) be­ti­tel­ten Di­pty­chons.

In dem von Bru­no de La­venè­re für die 1950 spie­len­de „Ca­val­le­ria rusti­ca­na“ge­bau­ten Woh­nungs­ge­wimm­le aus Ver­schlä­gen und Hüt­ten und den se­pia­dunk­len Hin­ter­hoff­ar­ben er­weist Fréd­ric dem Neo­rea­lis­mo der Nach­kriegs­jah­re von Ros­sel­li­ni bis Pa­so­li­ni sei­ne Re­ve­renz (Ko­s­tü­me: Ga­b­rie­le Hei­mann). Kri­mi­nel­le und ab­ge­brüh­te Ty­pen be­völ­kern das schmud­de­li­ge Vier­tel, das wäh­rend der Pau­se un­ter dem Ge­d­röhn der Press­luft­ham­mer ab­ge­ris­sen wird; hin­ter Vor­hän­gen spie­len sich Sex­sze­nen ab, durch die Fens­ter las­sen sich bru­ta­le Ehe­dra­men be­ob­ach­ten. Ein hoch­schwan­ge­res Mäd­chen wird von den Be­woh­nern ge­äch­tet.

Ein­zig San­tuz­za zeigt Mit­leid, weiß sie doch, was ihr droht, wenn sie von Tu­riddu für ei­ne an­de­re ver­las­sen wird. Die Leu­te, die am Os­ter­fest vor der mit ei­nem Au­to­rei­fen als Hei­li­gen­schein auf­ge­rüs­te­ten Ma­don­na be­ten und vor dem das Kreuz schlep­pen­den Schmer­zens­mann knien, wer­den auch sie aus­sto­ßen. Bis zur Selbst­er­nied­ri­gung ist sie des­halb be­reit, Tu­riddu zu hal­ten. Gé­ral­di­ne Chau­vet spielt die Kit­tel­schür­zenSan­tuz­za mit der Lei­den­schaft der Ma­gna­ni in „Mam­ma Ro­ma“, was ih­rem un­gleich­mä­ßi­gen und rau­en Ge­sang Wahr­haf­tig­keit ver­leiht. Ste­fa­no La Col­la gibt das cha­rak­ter­lo­se Würst­chen Tu­riddu mit der Glät­te des ita­lie­ni­schen Strah­le­te­nors. Ste­fa­nia Toc­zys­ka, Mez­zostar der 70er und 80er Jah­re, ver­leiht sei­ner Mut­ter Lu­cia gro­ße Aus­sa­ge­kraft.

Von dem Schwarz­weiß­film der „Ca­val­le­ria“blen­det Fréd­ric in das grell­bun­te Ita­li­en der 70er Jah­re, ex­akt den 9. Mai 1978, als der Kör­per des von den Ro­ten Bri­ga­den ent­führ­ten und er­mor­de­ten Al­do Mo­ro ge­fun­den wur­de. Der mit Ton­do­ku­men­ten auf­be­rei­te Tag fin­det in der Ins­ze­nie­rung kaum Wi­der­hall. Fréd­ric hat statt­des­sen ein fes­seln­des Bild aus un­zäh­li­gen sich auf den Bal­kons ab­spie­len­den De­tails und Klein­ge­schich­ten ent­wor­fen, de­ren fil­mi­sche Brei­te das von Akro­ba­ten leb­haft be­glei­te­ten „Spiel im Spiel“der Ko­mö­di­an­ten um­rahmt. Mit dun­kel tim­brier­tem So­pran und emo­tio­na­ler Ein­dring­lich­keit singt Bri­git­ta Ke­le ei­ne be­rüh­ren­de Ned­da.

Elia Fab­bi­an, zu­vor ein ge­müt­li­cher Al­fio, gibt den To­nio mit edel ba­ri­to­na­ler Hö­hen­bra­vour, Vi­to Pri­an­te ist der Tu­riddu-Spröss­ling Sil­vio mit mar­kan­tem Ba­ri­ton. Doch vor al­lem Ste­fa­no La Col­la über­rascht als Ca­nio mit der schie­ren Wucht sei­nes hö­hen­star­ken Fan­fa­ren­te­nors. Da­nie­le Cal­le­ga­ri zeig­te, dass Mas­ca­gni und Leon­ca­val­lo nicht nur mit gro­ben Pin­sel mal­ten und setzt der Glut der bei­den Stü­cke ei­ne oft­mals sub­ti­le Klang­ver­liebt­heit ent­ge­gen. Ni­ko­laus Schmidt

VIEL LIE­BE ZUM DE­TAIL zeigt sich im Straß­bur­ger Büh­nen­bild zu der Oper „Pagli­ac­ci“von Rug­gie­ro Leon­ca­val­lo, die jetzt an der Opé­ra na­tio­nal du Rhin ei­ne ein­drucks­vol­le Pre­mie­re fei­er­te. Fo­to: Kai­ser

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.