Ein sehr zeit­ge­nös­si­scher Cha­rak­ter?

„Ne­ro 2.0“– Roms neu­es Mu­si­cal ent­setzt Kri­ti­ker und soll scha­ren­wei­se Tou­ris­ten lo­cken

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Der Ort könn­te spek­ta­ku­lä­rer kaum sein. Auf dem Pa­la­tin-Hü­gel mit Blick auf das Ko­los­se­um steht ei­ne rie­si­ge Büh­ne. Die Luft ist lau, ein som­mer­li­cher Wind weht. Os­car-ge­krön­te Cho­reo­gra­fen, Kom­po­nis­ten und Büh­nen­bild­ner so­wie alt­be­kann­te ita­lie­ni­sche Re­gis­seu­re und Pro­du­zen­ten ha­ben mehr als zwei Jah­re an ei­nem pom­pö­sen Mu­si­cal über den be­rüch­tigts­ten al­ler rö­mi­schen Kai­ser ge­ar­bei­tet: Ne­ro. „Di­vo Ne­ro­ne – Ope­ra Rock“– an­ge­kün­digt als das „sen­sa­tio­nells­te Spek­ta­kel“, das Rom je ge­se­hen hat – soll im Som­mer mas­sen­wei­se Tou­ris­ten an­zie­hen. Kri­ti­ker je­doch schla­gen die Hän­de über dem Kopf zu­sam­men. Und die Non­nen, die un­weit in ei­nem Klos­ter woh­nen, be­klag­ten den Lärm.

„Un­ser Ne­ro wird euch über­ra­schen“, sag­te der künst­le­ri­sche Lei­ter Er­nes­to Migli­ac­ci. „Er ist sehr ver­schie­den zu dem Ne­ro, über den man in den Ge­schichts­bü­chern liest. Er ist ei­ne Art Ne­ro 2.0. Er ist ein sehr zeit­ge­nös­si­scher Cha­rak­ter.“Ne­ro sei vom Volk ver­ehrt, von an­de­ren Po­li­ti­kern ver­ach­tet wor­den. Was ge­nau er mit dem Ne­ro 2.0 ge­meint ha­ben mag, blieb auch nach der ers­ten Auf­füh­rung un­klar. Der Re­gis­seur Gi­no Lan­di füg­te hin­zu: „Das Pu­bli­kum dürs­tet es nach Per­sön­lich­kei­ten und nach au­ßer­ge­wöhn­li­chen Or­ten wie die­sem.“Die Mu­sik soll an Grö­ßen wie Queen und die Pet Shop Boys er­in­nern, bleibt aber weit hin­ter dem An­spruch zu­rück. Das Büh­nen­bild und die Ko­s­tü­me sind we­nig ein­falls­reich.

Die Kri­ti­ken sind ent­spre­chend ver­nich­tend. Von ei­ner „Ka­ta­stro­phe“und ei­ner „Trash-Oper“schreibt das Mu­sik­ma­ga­zin „Rol­ling Sto­ne“. Um Tou­ris­ten aus al­ler Welt an­zu­zie­hen, wird das „bren­nends­te Mu­si­cal der Ge­schich­te“fünf­mal pro Wo­che in Eng­lisch und ein­mal auf Ita­lie­nisch auf­ge­führt. „Wäh­rend Ne­ro mit sei­ner wei­ßen Tu­ni­ka tanzt und auf ei­ne zah­len­de chi­ne­si­sche Kund­schaft hofft, bleibt dem al­ten Rom sein ei­ge­ner Glanz – und das wür­de rei­chen“, schreibt die Zei­tung „Re­pubb­li­ca“. Schon im Vor­feld hat­te das Mu­si­cal Kon­tro­ver­sen aus­ge­löst. Mo­niert wur­de die mons­trö­se Büh­ne in­mit­ten der ar­chäo­lo­gi­schen Schät­ze Roms. „Die Kai­ser­fo­ren als Büh­ne für Block­bus­ter-Shows? Au­then­ti­sche Archäo­lo­gie als Hin­ter­grund für ein Kitsch-Mu­si­cal über Ne­ro? Ei­ne schlim­me Idee“, er­klär­te der Kunst­his­to­ri­ker To­ma­so Mon­ta­na­ri in „La Re­pubb­li­ca“. Zwar recht­fer­ti­gen sich die Ma­cher da­mit, dass der Ort, an dem die Büh­ne mit ih­ren mehr als 3 000 Zu­schau­er­plät­zen steht, nor­ma­ler­wei­se „ver­waist“sei und dass man mit al­len zu­stän­di­gen Be­hör­den der Stadt in­ten­siv zu­sam­men­ge­ar­bei­tet ha­be. Doch die Fra­ge bleibt, ob an solch ei­nem Ort für so viel Geld (an­geb­lich hat auch die Re­gi­on La­ti­um ei­ne Mil­li­on Eu­ro zu­ge­schos­sen) nicht ein an­spruchs­vol­le­res Werk hät­te auf­ge­führt wer­den kön­nen. dpa

ER­IN­NE­RUNG AN EI­NEN UNHEILVOLLEN KAI­SER: In Rom wird jetzt das um­strit­te­ne Spek­ta­kel „Ne­ro 2.0“ge­bo­ten. Fo­to: dpa

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