„Leo­no­re“als Schluss­ak­zent

Die Mu­sik­fest­spie­le in Dres­den fei­ern ihr 40-jäh­ri­ges Be­ste­hen

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Als 1978 in Dres­den die Mu­sik­fest­spie­le ge­grün­det wur­den, sah wohl kaum je­mand die ge­wal­ti­ge Ent­wick­lung die­ses Fes­ti­vals vor­aus. Und doch wur­de die Stadt sehr bald zum Gast­ge­ber für be­rühm­te En­sem­bles und So­lis­ten aus den un­ter­schied­lichs­ten Län­dern. Und ob­wohl sich die Ge­schich­te der Fest­spie­le in ih­ren nun­mehr 40 Jahr­gän­gen – zu­mal wäh­rend der Wen­de­zeit – wech­sel­voll ge­stal­te­te, blie­ben sie doch stets ih­rem An­spruch treu, ein mu­si­ka­li­sches Fens­ter zur Welt zu sein. Auch die Dra­ma­tur­gie ei­nes jähr­lich wech­seln­den Leit­mo­tivs gibt dem Er­eig­nis in­halt­li­ches Pro­fil.

„Licht“lau­tet in die­sem Jahr das Mot­to, das über den rund 60 Ver­an­stal­tun­gen steht und ber das Jan Vog­ler, der In­ten­dant der Dresd­ner Mu­sik­fest­spie­le sagt: „Licht ist das Le­bens­eli­xier der Mensch­heit, es ist aber auch Sym­bol für Auf­klä­rung, Frei­heit, Trans­pa­renz und Ener­gie.“Dass der um­ge­bau­te Dresd­ner Kul­tur­pa­last mit sei­nem nun­mehr erst­klas­si­gen Kon­zert­saal recht­zei­tig zum 40-Jäh­ri­gen fer­tig wur­de, ver­leiht dem Fes­ti­val zu­sätz­li­che Zug­kraft.

Viel­ver­spre­chend war schon das Er­öff­nungs­kon­zert mit der Phil­har­mo­nie Zü­rich, das ein Wie­der­se­hen brach­te mit An­ne-So­phie Mut­ter und dem Di­ri­gen­ten Fa­bio Lui­si. Dass die be­rühm­te Gei­ge­rin das von klang­sinn­li­chen, licht­er­füll­ten Mo­men­ten ge­präg­te 1. Vio­lin­kon­zert von Max Bruch in­nig be­seelt ge­stal­ten wür­de, war zu er­war­ten. Ver­dienst­voll aber vor al­lem ihr En­ga­ge­ment für die Kom­po­si­ti­on „Nostalghia“des Ja­pa­ners To­ru Ta­ke­mi­t­su (1930 bis 1996), die 1987 für den gleich­na­mi­gen Film von And­rei Tar­kow­ski ge­schrie­ben wur­de.

Dem Fes­ti­val be­züg­lich ex­zel­len­ter Orches­ter­kul­tur so­wie in­no­va­ti­ver Pro­gramm­dra­ma­tur­gie an­ge­mes­sen – so er­leb­te man das Gast­spiel des Lon­don Phil­har­mo­nic Orches­tra un­ter Vla­di­mir Ju­row­ski. Es spann­te den Bo­gen von Micha­el Glin­k­as „Er­in­ne­run­gen an ei­ne Som­mer­nacht in Ma­drid“über Ser­gei Pro­kof­je­ws sel­ten ge­bo­te­nes 2. Cel­lo­kon­zert op. 58 (phä­no­me­nal der So­list Ste­ven Is­ser­lis) bis hin zu Dmi­tri Schosta­ko­witschs Schwa­nen­ge­sang sei­ner zwi­schen Licht und Schat­ten pen­deln­den 15. Sin­fo­nie.

Wenn ein Fes­ti­val Ton­schöp­fun­gen in den Mit­tel­punkt rückt, die vom Ge­dan­ken des Lichts in­spi­riert sind, darf Be­drˇich Sme­ta­nas sin­fo­ni­scher Zy­klus „Mein Va­ter­land“nicht feh­len. Ein Glücks­fall, dass man für die Auf­füh­rung ein der­art kom­pe­ten­tes Orches­ter wie die Tsche­chi­sche Phil­har­mo­nie ge­wann, der es un­ter der Lei­tung ih­res Di­ri­gen­ten Petr Altrich­ter ge­lang, vie­le lich­te Mo­men­te des Werks her­aus­zu­ar­bei­ten. In wel­chem Maß die her­vor­ra­gen­de Akus­tik des neu­en Kon­zert­saals die am­bi­tio­nier­ten Pro­gram­me der Dresd­ner Phil­har­mo­ni­ker be­för­dert, zeig­ten de­ren Fest­spiel­kon­zer­te. Gus­tav Mah­lers 6. Sin­fo­nie, die „Tra­gi­sche“, mit ih­rer mo­nu­men­ta­len Orches­ter­ar­chi­tek­tur er­wies sich da als Prüf­stein. Wie Marek Ja­now­ski, der ehe­ma­li­ge Chef­di­ri­gent, und die Phil­har­mon­ker im Kopf­satz in­mit­ten der un­auf­halt­sam vor­wärts stre­ben­den Mar­sch­im­pul­se und ih­rer kon­flikt­reich ent­wi­ckel­ten Durch­füh­rung ei­ne pas­to­ra­le Idyl­le als Vi­si­on ei­nes frei­en Mensch­seins ge­stal­te­ten, war frap­pie­rend.

Eh­ren­sa­che, dass auch die Säch­si­sche Staats­ka­pel­le, ge­lei­tet von Daniel Har­ding, ei­nen mar­kan­ten Ak­zent setz­te. Zum Kon­zert­auf­takt gab es Mah­lers fein­sin­nig aus­ge­leuch­te­ten Sym­pho­ni­schen Satz „Blu­mi­ne“, im Zen­trum stan­den je­doch sei­ne „Kin­der­to­ten­lie­der“. Her­vor­ra­gend, wie der Ba­ri­ton Mat­thi­as Go­er­ne die schmerz­li­che Aus­druck­s­pa­let­te der Ge­sän­ge höchst sen­si­bel aus­deu­te­te.

Im Kon­trast da­zu gab es An­to­nin Dvor­ˇáks von licht­vol­len Mo­men­ten ge­ra­de­zu über­quel­len­de 8. Sin­fo­nie. Vom pas­to­ra­len Be­ginn bis hin zum nach­ge­ra­de ma­jes­tä­ti­schen Fi­na­le ge­stal­te­ten das Meis­ter­or­ches­ter und sein Gast­di­ri­gent die­ses Werk über­aus span­nungs­reich. Noch bis zum 18. Ju­ni dau­ert das Fes­ti­val, als des­sen Schluss­ak­zent Lud­wig van Beet­ho­vens „Leo­no­re“vor­ge­se­hen ist. Dietrich Bretz

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