„Be­ra­tungs­pflicht könn­te Impf­geg­ner stär­ken“

In Kin­der­gär­ten wird über Ver­trau­ens­ver­hält­nis zu El­tern dis­ku­tiert / Es gibt noch kei­ne Richt­li­ni­en

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Bettina Geb­hard An­ge­li­ka Ed­wards

Imp­fen ist schon lan­ge ein gro­ßes The­ma in Kin­der­gär­ten. Jetzt kommt wahr­schein­lich ei­ne wei­te­re Druck­stu­fe: Recht­lich steht zur De­bat­te, dass Ein­rich­tun­gen dem Ge­sund­heits­amt mel­den, wenn Kin­der kei­nen oder kei­nen voll­stän­di­gen Impf­schutz im Sin­ne der stän­di­gen Impf­kom­mis­si­on (STIKO) ha­ben und El­tern ei­ne Be­ra­tung ver­wei­gern.

Ge­naue Richt­li­ni­en da­zu lie­gen noch nicht vor, sagt An­ge­li­ka Ed­wards, Sach­ge­biets­lei­te­rin für In­fek­ti­ons­schutz und Hy­gie­ne am Ge­sund­heits­amt Pforz­heim und Enz­kreis (Fo­to: PK). Sie geht aber da­von aus, dass El­tern von nicht ge­impf­ten Kin­dern dann ins Ge­sund­heits­amt ein­be­stellt wer­den. Ei­ne In­for­ma­ti­on für meh­re­re Er­zie­hungs­be­rech­tig­te gleich­zei­tig hält sie für un­ge­eig­net. Ei­ne Impf­be­ra­tung sei im­mer in­di­vi­du­ell. Da­bei ge­he es dar­um, Nut­zen und Ri­si­ko ab­zu­wä­gen. Das ha­be im Vor­feld das Ro­bert-Koch-In­sti­tut für die All­ge­mein­heit schon ge­tan.

„Das Ge­sund­heits­amt will auf al­le Fäl­le das Imp­fen for­ciert in den Mit­tel­punkt stel­len.“Ei­ne hö­he­re Impf­ra­te ver­spricht sich An­ge­li­ka Ed­wards von die­ser Maß­nah­me al­ler­dings nicht, sie be­fürch­tet so­gar, dass sich durch den Zwang die Fron­ten von Impf­be­für­wor­tern und Impf­geg­nern ver­här­ten wer­den und zu­dem das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zu Er­zie­he­rin­nen im Kin­der­gar­ten be­las­tet wird. Die drei bis fünf Pro­zent Impf­geg­ner sei­en oh­ne­hin nicht durch Auf­klä­rungs­ar­beit um­zu­stim­men, da sie aus Über­zeu­gung han­del­ten und die­se auch mit Ar­gu­men­ten un­ter­mau­er­ten. Ed­wards kann sich auch vor­stel­len, dass es durch den ge­plan­ten Druck ins­ge­samt zu ei­ner kri­ti­sche­ren Hal­tung Imp­fun­gen ge­gen­über kom­men könn­te.

Für Er­zie­he­rin­nen und Lei­te­rin­nen von Kin­der­ta­ges­stät­ten er­gä­be sich durch ei­ne ver­än­der­te Impf­auf­klä­rungs­pflicht die Kon­se­quenz, dass sie al­le Kin­der auf ih­ren STIKO-kon­for­men Impf­sta­tus über­prü­fen und ans Ge­sund­heits­amt mel­den müss­ten, falls er nicht er­füllt ist. Sil­via Rol­ler, Lei­te­rin des Kin­der­gar­tens Am Brei­ten­stein in Isprin­gen, freut sich nicht über den zu­sätz­li­chen Bü­ro­kra­tie-Auf­wand. „Ich den­ke je­doch nicht, dass da­durch das Ver­hält­nis zu den El­tern be­ein­träch­tigt wird.“

El­tern se­hen sich auch au­ßer­halb der Dis­kus­si­on ums Imp­fen zu­neh­mend mit Vor­schrif­ten und Vor­wür­fen kon­fron­tiert. Den­noch steht Daniel Kur­feß aus Isprin­gen, Va­ter von zwei Kin­dern im Kin­der­gar­ten- und Grund­schul­al­ter, ei­ner Impf­auf­klä­rungs­pflicht of­fe­ner ge­gen­über. Die ak­tu­el­le Dis­kus­si­on ha­be er nur am Ran­de ver­folgt. Er ge­he aber da­von aus, dass „die über­wie­gen­de Mehr­heit der El­tern über Nut­zen und Ri­si­ken von Imp­fun­gen bei Kin­dern hin­rei­chend in­for­miert ist.“Dies tref­fe für ei­nen ge­rin­gen Teil nicht zu. Ei­ne Auf­klä­rungs­pflicht sei des­halb sinn­voll, so­lan­ge sie auf un­ab­hän­gi­gen wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen ba­sie­re und so­wohl Nut­zen als auch Ne­ben­wir­kun­gen von Imp­fun­gen für das Kind so­wie Aus­wir­kun­gen auf die Ge­samt­ge­sell­schaft be­leuch­te. Ob so ho­he Geld­stra­fen, wie ak­tu­ell dis­ku­tiert, not­wen­dig sind, stellt Kur­feß in Fra­ge.

Die an­ge­streb­te Form von Impf­be­ra­tung be­schäf­tigt auch Kin­der­ärz­te. Das wird in Dis­kus­si­ons­fo­ren deut­lich. Sie be­fürch­ten vor al­lem mehr bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand durch die Mel­de­pflicht.

Was tun, wenn ein Kind nun – ge­impft oder un­ge­impft – an Ma­sern er­krankt ist? Ed­wards emp­fiehlt: „Die Krank­heit muss man un­be­dingt ernst neh­men. Sie kann ei­nen schwe­ren Ver­lauf neh­men. Vor al­lem das Fie­ber muss man un­be­dingt im Au­ge be­hal­ten und na­tür­lich soll­te man so­fort Kon­takt mit dem Arzt auf­neh­men.“

Ge­ne­rell sei es wich­tig, dass kran­ke Kin­der zu Hau­se blei­ben und nicht et­wa mit fie­ber­sen­ken­den Mit­teln ver­sorgt und in Schu­le oder Kin­der­gar­ten ge­schickt wer­den. „Au­ßer der Ge­fahr, dass ge­sun­de Kin­der an­ge­steckt wer­den, ist auch das Im­mun­sys­tem, wenn es schon so stark be­las­tet ist, nicht in der La­ge, mit mög­li­cher­wei­se noch mehr Krank­hei­ten zu kämp­fen.“

DEN STICH MIT DER IMPFSPRITZE er­le­ben heu­te die meis­ten Kin­der. Da­vor gibt es in der Re­gel ein Ge­spräch mit dem be­han­deln­den Kin­der­arzt. Bei El­tern, die sich ge­gen ei­ne Imp­fung ent­schei­den, soll künf­tig über­prüft wer­den, ob sie be­ra­ten wur­den. Fo­to: dpa

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