Mit Lu­ther zu ei­ner ge­rech­te­ren Wel­t­ord­nung

Hei­ner Geiß­ler er­klärt in Bü­chen­bronn die Er­schüt­te­rung der Ord­nung durch die Re­for­ma­ti­on

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Hei­ner Geiß­ler zählt oh­ne Fra­ge zum po­li­ti­schen Ur­ge­stein der Bun­des­re­pu­blik. Spä­tes­tens seit sei­ner Wen­dung zu ten­den­zi­ell lin­ken Po­si­tio­nen und sei­nem Bei­tritt zur glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on Attac 2007 gilt das CDU-Mit­glied als Qu­er­den­ker sei­ner Par­tei, wenn nicht als Wan­de­rer zwi­schen den Wel­ten. 1930 in Obern­dorf am Neckar ge­bo­ren, ist der in­zwi­schen 87-Jäh­ri­ge nach wie vor in der Öf­fent­lich­keit prä­sent, heu­te vor al­lem als Au­tor. So ver­öf­fent­lich­te er zu­letzt „Sa­pe­re au­de! War­um wir ei­ne neue Auf­klä­rung brau­chen“(2013), „Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zwei­feln muss?“(2017) und „Was müss­te Lu­ther heu­te sa­gen?“(2015). Bei der Ver­an­stal­tung im mit gut 120 Gäs­ten aus­ver­kauf­ten Ge­mein­de­haus der evan­ge­li­schen Ge­mein­de Bü­chen­bronn am Mitt­woch­abend, lag letz­te­res die gan­ze Zeit auf dem Pult vor ihm.

Un­ge­öff­net. Denn statt zu le­sen re­fe­rier­te der eins­ti­ge Je­sui­ten­schü­ler zwei St­un­den lang frei spre­chend vor ei­nem kon­zen­triert lau­schen­den Pu­bli­kum sei­ne Ge­dan­ken zum Lu­ther­Jahr. Geiß­ler er­klär­te die Di­men­si­on, in de­nen Lu­ther die Welt er­schüt­ter­te in ei­nem wei­ten Bo­gen. Noch in der Nach­kriegs­zeit in den 1960er Jah­ren, er­zähl­te er, saß das Miss­trau­en zwi­schen evan­ge­li­schen und ka­tho­li­schen Chris­ten so tief, dass an ei­ne Kan­di­da­tur ei­nes Ka­tho­li­ken in ei­nem mehr­heit­lich evan­ge­li­schen Wahl­kreis, und um­ge­kehrt, nicht zu den­ken war. Erst als die CDU mit Lud­wig Er­hardt ei­nen evan­ge­li­schen Kanz­ler­kan­di­da­ten auf­ge­stell­te, wur­de dem kon­fes­si­ons­über­grei­fen­den Pro­jekt CDU ge­glaubt. „Die­sem Um­stand ver­dan­ke ich meine Wahl 1965 im Wahl­kreis Reut­lin­gen zum Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten“, sag­te Geiß­ler.

Was aber hat­te die Kir­che rund 500 Jah­re lang so tief ge­spal­ten? Fol­gen­de Punk­te führ­te Geiß­ler an: Lu­ther griff die fi­nan­zi­el­len Grund­la­gen der Kir­che an, in­dem er den Ablass­han­del (die Ver­ge­bung der Sün­den ge­gen Geld) ab­lehn­te. Er mach­te aus ei­nem stra­fen­den ei­nen lie­ben­den Gott. Er stell­te den Men­schen, oh­ne Ver­mitt­lung über die Kir­che, Gott di­rekt ge­gen­über. Und er trat für die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau ein – ein The­ma, das Geiß­ler be­son­ders aus­führ­lich be­han­del­te. Al­les Punk­te, die die Kir­che in ih­rer Exis­tenz in Fra­ge stell­ten, die christ­li­che Ge­mein­schaft spal­te­ten. Zahl­rei­che Glau­bens­krie­ge wa­ren die Fol­ge.

Geiß­lers zen­tra­le Bot­schaft auf der Grund­la­ge des von Lu­ther neu de­fi­nier­ten christ­li­chen Glau­bens war am En­de: Die Welt braucht ei­ne ge­rech­te­re Wirt­schafts­ord­nung. Täg­lich, so Geiß­ler, wür­den Bil­lio­nen von Dol­lar an den Bör­sen die Be­sit­zer wech­seln, oh­ne dass da­für Steu­ern be­zahlt wür­den. Des­halb for­der­te Geiß­ler die Ein­füh­rung ei­ner Fi­nanz­trans­ak­ti­ons­steu­er durch ei­ne welt­wei­te Ein­heits­front der zwei Mil­li­ar­den Chris­ten. Ha­rald Bott

Christ­li­che Ein­heits­front für ei­ne Trans­ak­ti­ons­steu­er

MEHR PU­BLI­KUM GING NICHT IN BÜ­CHEN­BRONN: Bei der Le­sung von Hei­ner Geiß­ler war das evan­ge­li­sche Ge­mein­de­haus aus­ver­kauft. Der Qu­er­den­ker mit CDU-Par­tei­buch sprach über Lu­thers An­griff auf die bis da­hin gül­ti­ge kirch­li­che und da­mit auch welt­li­che Ord­nung. Fo­to: Fix

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