Ver­zockt

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - JO­CHEN WITTMANN

Das ging gründ­lich da­ne­ben. The­re­sa May hat ver­sagt, bei den bri­ti­schen Wah­len ein über­zeu­gen­des Man­dat zu ho­len. Da­bei hat­te die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin die vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len zum bri­ti­schen Un­ter­haus al­lein aus die­sem Grund aus­ge­ru­fen: Um sich ei­ne kla­re par­la­men­ta­ri­sche Mehr­heit zu be­sor­gen für die an­ste­hen­den Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen. Das Land, so hat­te May ar­gu­men­tiert, brau­che kla­re Ver­hält­nis­se, nach­dem man im Re­fe­ren­dum die schick­sal­haf­te Ent­schei­dung ge­trof­fen ha­be, die Eu­ro­päi­sche Uni­on zu ver­las­sen. Der ein­zi­ge Weg, ver­si­cher­te May den Bri­ten, „um Si­cher­heit und Sta­bi­li­tät für die nächs­ten Jah­re zu ga­ran­tie­ren, ist, die­se Wahl ab­zu­hal­ten und eu­re Un­ter­stüt­zung zu su­chen für die Ent­schei­dun­gen, die ich ma­chen muss.“

Als sie vor sie­ben Wo­chen die­sen Schritt un­ter­nahm, schien ihr der Sieg si­cher. Die La­bour-Op­po­si­ti­on lag weit ab­ge­schla­gen hin­ter der Re­gie­rungs­par­tei. Man hielt ei­nen Erd­rutsch­sieg der Kon­ser­va­ti­ven für wahr­schein­lich, bei dem May ei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit von mehr als 100 Sit­zen ein­fah­ren wür­de. Die Hoch­rech­nung nach der Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le muss­te wie ein Schock auf die Pre­mier­mi­nis­te­rin wir­ken: Die ab­so­lu­te Mehr­heit ist ver­spielt. Es ist ein De­sas­ter für May, und schlim­mer noch: ein selbst ver­schul­de­tes, denn es gab für sie kei­nen Zwang, die Neu­wah­len an­zu­set­zen. Ei­ne deut­lich ge­schwäch­te Re­gie­rungs­che­fin muss jetzt den Fens­ter­sturz durch Frak­ti­ons­kol­le­gen fürch­ten, so re­so­lut sie sich auch gibt. Ein an­de­rer gro­ßer Ver­lie­rer ist Paul Nut­tall, der Vor­sit­zen­de der rechts­po­pu­lis­ti­schen Ukip.

Ukip hat­te in den Par­la­ments­wah­len vor zwei Jah­ren noch 12,6 Pro­zent der Stim­men ein­fah­ren kön­nen. Dies­mal wur­den es gera­de ein­mal 1,8 Pro­zent. Auch die schot­ti­sche SNP muss­te Fe­dern las­sen. Ein er­neu­tes Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum für Schott­land dürf­te da­mit vor­erst vom Tisch sein. Nicht der Sie­ger, aber si­cher­lich die glück­lichs­te Par­tei der Wahl­nacht war La­bour. Die größ­te Op­po­si­ti­ons­par­tei konn­te ih­re Man­da­te und ih­ren Stimm­an­teil deut­lich er­hö­hen – ein tri­um­pha­ler Er­folg für den um­strit­te­nen Her­aus­for­de­rer Je­re­my Cor­byn. Er hat de­mons­triert, dass mit ei­nem Pro­gramm der Hoff­nung selbst die ab­trün­nig ge­wor­de­nen La­bour-Wäh­ler in Nord­eng­land, die vor zwei Jah­ren von Ukip ab­ge­wor­ben wur­den, wie­der zu­rück­ge­holt wer­den kön­nen. Und die Mo­bi­li­sie­rung der Jungwähler, die Cor­byn ge­lang, lässt Hoff­nung ma­chen auf ei­ne Re­vi­ta­li­sie­rung der po­li­ti­schen De­bat­ten im Kö­nig­reich.

Das Er­geb­nis der Neu­wah­len: Ei­ne ge­schwäch­te Re­gie­rungs­che­fin, un­sta­bi­le Mehr­heits­ver­hält­nis­se, ein un­kla­rer Br­ex­it-Kurs. Und vor al­lem: Ein zer­ris­se­nes Land. Groß­bri­tan­ni­en ist ge­spal­ten zwi­schen Jung und Alt, Br­ex­it-Fans und Eu­ro­pa­freun­den, eng­li­schen und schot­ti­schen Na­tio­na­lis­ten und ur­ba­nen Zen­tren, wo La­bour deut­lich do­mi­niert, und Rest-En­g­land, wo die Kon­ser­va­ti­ven den Ton an­ge­ben. Statt für kla­re Ver­hält­nis­se hat The­re­sa May für ei­ne neue Un­über­sicht­lich­keit ge­sorgt. Und das in Zei­ten, wo die Wirt­schaft die ers­ten ne­ga­ti­ven Kon­se­quen­zen des Br­ex­it ver­spürt. Un­glück­li­cher hät­te die­se Wahl für das Land kaum aus­ge­hen kön­nen.

Groß­bri­tan­ni­en ist ein ge­spal­te­nes Land

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