Bit­te­re Plei­te für die Po­ker­spie­le­rin

Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May steht vor dem Scher­ben­hau­fen ih­rer Po­li­tik

Pforzheimer Kurier - - WAHLBEBEN IN GROSSBRITANNIEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Jo­chen Wittmann

Als sie um halb vier in der Frü­he in ih­rem Wahl­kreis Mai­den­head ein­trifft, ist ih­re Mie­ne wie ver­stei­nert. The­re­sa May (Fo­to: dpa) weiß zu die­sem Zeit­punkt, dass sie ih­ren ei­ge­nen Un­ter­haus­sitz lo­cker hal­ten wird. Aber das po­li­ti­sche Glücks­spiel der Pre­mier­mi­nis­te­rin, vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len aus­zu­ru­fen, um ih­re Mehr­heit im Par­la­ment aus­zu­bau­en, ist auf gan­zer Li­nie fehl­ge­schla­gen. May hat sich schlicht und ein­fach ver­zockt. In die­sem Mo­ment weiß sie, dass ih­re Par­tei nicht Sit­ze hin­zu­ge­won­nen, son­dern zwölf Man­da­te ver­lo­ren hat. Das be­deu­tet vor al­lem ei­ne per­sön­li­che Schlap­pe für die Pre­mier­mi­nis­te­rin. Kein Wun­der, dass der Schock ihr ins Ge­sicht ge­schrie­ben steht.

Die 60-Jäh­ri­ge setzt zu ei­ner kur­zen Re­de an, ih­re Stim­me klingt brü­chig. Dann fasst sie sich wie­der. „In die­sen Zei­ten“, sagt sie, „braucht das Land mehr als al­les an­de­re ei­ne Pe­ri­ode der Sta­bi­li­tät. Wenn die Kon­ser­va­ti­ven die meis­ten Sit­ze und die meis­ten Stim­men ge­won­nen ha­ben, ob­liegt es uns, si­cher­zu­stel­len, die­se Pha­se der Sta­bi­li­tät zu be­kom­men, und das ist es, was wir tun wer­den.“Vie­le un­ge­len­ke Wor­te, um ei­nes zu sa­gen: Die Kon­ser­va­ti­ve Par­tei will wei­ter­hin die Re­gie­rung stel­len. Auf­ge­reg­te Fra­gen von Jour­na­lis­ten, ob sie selbst zu­rück­tre­ten wird, igno­riert die Pre­mier­mi­nis­te­rin. Im Lau­fe des Vor­mit­tags wird ein zu­vor ge­plan­tes State­ment von May ab­ge­sagt. Spe­ku­la­tio­nen, ob die Pre­mier­mi­nis­te­rin hin­ter den Ku­lis­sen von Par­tei­kol­le­gen zum Rück­tritt ge­drängt wird, schie­ßen ins Kraut. Dann lässt Dow­ning Street ver­lau­ten: May wird die Queen noch am sel­ben Tag auf­su­chen und Eliz­a­beth II. bit­ten, ei­ne Re­gie­rung bil­den zu dür­fen. Da­mit ist klar: May will trotz der rie­si­gen Schlap­pe im Amt blei­ben.

Als die Pre­mier­mi­nis­te­rin von der Au­di­enz mit der Queen zu­rück­kommt, wirkt sie wie­der so ge­fasst und re­so­lut, wie man das bei ih­ren An­spra­chen ge­wohnt ist. Im ed­len Ko­s­tüm tritt May ans Red­ner­pult, das vor die Tür zu Num­ber 10 Dow­ning Street ge­stellt wur­de, und wen­det sich ans Volk. „Ich wer­de ei­ne Re­gie­rung bil­den“, sagt sie, „die das Land durch die­se schwie­ri­gen Zei­ten und durch die kri­ti­schen Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen führt, die in nur zehn Ta­gen be­gin­nen“. Dann wie­der­holt sie, was sie schon in der Frü­he un­ter­stri­chen hat­te: „Was das Land jetzt mehr als je zu­vor braucht ist Si­cher­heit. Mit den meis­ten Stim­men und Sit­zen ist es klar, dass die Kon­ser­va­ti­ven die Le­gi­ti­mi­tät ha­ben, dies be­reit­zu­stel­len.“Man wer­de, sagt May, „mit un­se­ren Freun­den und Al­li­ier­ten in der De­mo­cra­tic Unio­nist Par­ty im be­son­de­ren zu­sam­men­ar­bei­ten. Lasst uns an die Ar­beit ge­hen!“

Da­mit ist klar: Es soll ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung wer­den. Be­reits kurz nach der Ver­öf­fent­li­chung der ers­ten Hoch­rech­nung hat­ten die Ver­trau­ten von May ers­te Füh­ler aus­ge­streckt und Po­li­ti­ker der „De­mo­cra­tic Unio­nist Par­ty“(DUP) kon­tak­tiert. Die DUP hat in Nord­ir­land zehn Man­da­te ge­win­nen kön­nen. Zu­sam­men mit den 318 Sit­zen der Kon­ser­va­ti­ve wür­de es gera­de rei­chen, dass ei­ne Re­gie­rung im Par­la­ment nicht ab­ge­wählt wer­den kann – die ma­gi­sche Gren­ze liegt bei 326 Sit­zen. Da­bei soll es aber zu kei­ner for­mel­len Ko­ali­ti­on zwi­schen DUP und Kon­ser­va­ti­ven kom­men, son­dern zu ei­ner Dul­dungs­ver­ein­ba­rung: Die DUP un­ter­stützt die Re­gie­rung in den ent­schei­den­den par­la­men­ta­ri­schen Ab­stim­mun­gen zum Re­gie­rungs­pro­gramm und zum Haus­halt und be­kommt im Ge­gen­zug Zu­ge­ständ­nis­se. Wie sol­len die aus­se­hen? Dar­über muss in den nächs­ten Ta­gen ver­han­delt wer­den, aber es dürf­te auf mehr Geld für die Pro­vinz hin­aus­lau­fen und auf ein Mit­spra­che­recht bei den Br­ex­itVer­hand­lun­gen. Doch noch ist es zu früh, um mit Si­cher­heit wis­sen zu kön­nen, wie es wei­ter­geht. Groß­bri­tan­ni­en ist in ei­ne Pha­se der Un­wäg­bar­kei­ten ein­ge­tre­ten. Ei­ne der vie­len Fra­gen lau­tet: Wird sich May in­ner­halb ih­rer ei­ge­nen Par­tei be­haup­ten kön­nen, ob­wohl sie doch persönlich ver­ant­wort­lich für die Wahl­schlap­pe ist? Ihr gro­ßer Kon­kur­rent, der Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son, wird jetzt hin­ter den Ku­lis­sen aus­lo­ten wol­len, ob Mays Rück­halt in der Frak­ti­on noch aus­reicht oder sei­ne ei­ge­nen Chan­cen stei­gen. Im­mer­hin hat­te die Pre­mier­mi­nis­te­rin oh­ne Not die Wah­len an­ge­setzt, mit schwa­chen Wahl­kampf­auf­trit­ten ih­re zu­vor gro­ße Po­pu­la­ri­tät ver­spielt, ei­ne de­sas­trö­se „De­menz­steu­er“, nach der äl­te­re Mit­bür­ger selbst für ih­re Pfle­ge auf­kom­men müs­sen, ins Wahl­pro­gramm auf­ge­nom­men und schließ­lich da­für ge­sorgt, dass zwölf ih­rer Frak­ti­ons­kol­le­gen den Job ver­lo­ren ha­ben. Kon­ser­va­ti­ve Par­tei­vor­sit­zen­de sind schon für sehr viel we­ni­ger zum Rück­tritt ge­zwun­gen wor­den. Auch der La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn wird nicht mü­de, nach dem Rück­tritt von Pre­mier­mi­nis­te­rin May zu ru­fen. Er hat ei­nen her­vor­ra­gen­den Wahl­kampf hin­ter sich. An­fangs als un­be­hol­fen und tak­tisch un­ge­schickt auf­tre­ten­der Po­li­ti­ker be­lä­chelt, hat sich Cor­byn über die ver­gan­ge­nen sie­ben Wo­chen ge­mau­sert. Im Ge­gen­satz zu May, die ih­ren Wahl­kampf auf im­mer glei­chen Slo­gans und Plat­ti­tü­den auf­bau­te, re­de­te Cor­byn über po­li­ti­sche In­hal­te, ver­sprach ein En­de der Spar­po­li­tik und warb für die Na­tio­na­li­sie­rung von Bahn, Post und Ener­gie­un­ter­neh­men. Be­son­ders sein Ver­spre­chen, die Stu­di­en­ge­büh­ren ab­zu­schaf­fen, hat zu ei­ner Mo­bi­li­sie­rung der Jungwähler zwi­schen 18 und 24 Jah­ren ge­führt. Die deut­lich ver­stärk­te Wahl­be­tei­li­gung in die­ser Al­ters­grup­pe ist ei­ner der ent­schei­den­den Fak­to­ren da­für, dass La­bour ih­ren Stimm­an­teil auf 40 Pro­zent, nur zwei Punk­te hin­ter den Kon­ser­va­ti­ven, an­he­ben konn­te. Cor­byns Ver­bleib im Amt des Op­po­si­ti­ons­füh­rers gilt als si­cher. Und vi­el­leicht be­kommt er ei­ne Chan­ce, selbst ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung auf die Bei­ne zu stel­len, soll­te The­re­sa May ei­ne Ver­trau­ens­ab­stim­mung ver­lie­ren. Ei­ne in­for­mel­le Al­li­anz aus La­bour, Li­be­ral­de­mo­kra­ten und schot­ti­schen Na­tio­na­lis­ten von der SNP wä­re al­ler­dings brü­chig und hät­te nicht ge­nug Man­da­te für ei­ne sta­bi­le Mehr­heit. Doch die Kon­ven­tio­nen der un­ge­schrie­be­nen bri­ti­schen Ver­fas­sung ge­bie­ten, dass dem Op­po­si­ti­ons­füh­rer zu­min­dest die Chan­ce ei­ner Re­gie­rungs­bil­dung ein­ge­räumt wird, be­vor es zu Neu­wah­len kommt. In die­sem Fall dann sä­hen sich die leid­ge­plag­ten Bri­ten ei­ner vier­ten na­tio­na­len Ab­stim­mung in drei Jah­ren ge­gen­über.

„Lasst uns an die Ar­beit ge­hen!“

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