Der Br­ex­it als Ach­ter­bahn­fahrt

Wie es mit den Ver­hand­lun­gen wei­ter­ge­hen soll

Pforzheimer Kurier - - WAHLBEBEN IN GROSSBRITANNIEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Gra­bitz

Nein, nicht ein­mal hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand ma­chen sich Par­la­men­ta­ri­er und EU-Bü­ro­kra­ten über das De­sas­ter von The­re­sa May lus­tig. Viel­mehr macht sich Sor­ge breit. Brüssel be­fürch­tet wei­te­re Ver­zö­ge­run­gen bei den Ver­hand­lun­gen. Ei­gent­lich soll­te die ers­te Run­de am 19. Ju­ni los ge­hen. Doch an­ge­sichts der in­nen­po­li­tisch un­si­che­ren La­ge in London hat man in Brüssel die­sen Ter­min in­of­fi­zi­ell be­reits ab­ge­schrie­ben. Es wird nicht aus­ge­schlos­sen, dass May schon bald von in­ner­par­tei­li­chen Wi­der­sa­chern ge­stürzt wird. Die Re­gie­rungs­bil­dung wird schwie­rig und noch ein­mal Zeit kos­ten. Der deut­sche EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oet­tin­ger (CDU) äu­ßert Zwei­fel da­ran, dass London über­haupt schnell ver­hand­lungs­be­reit ist: „Oh­ne Re­gie­rung kei­ne Ver­hand­lun­gen.“

Die Zeit drängt aber: Ok­to­ber, No­vem­ber 2018 müs­sen die Ver­hand­lun­gen ab­ge­schlos­sen sein, da­mit das Schei­dungs­do­ku­ment zwi­schen der EU und London im Eu­ro­papar­la­ment und von den Mit­glieds­staa­ten noch ge­bil­ligt wer­den kann. Au­ßer­dem steht im Ju­ni 2019 die nächs­te Wahl zum EU-Par­la­ment vor der Tür: Nie­mand will ei­ne Eu­ro­paWahl, an der die aus­tritts­ent­schlos­se­nen Bri­ten noch ein­mal teil­neh­men. Doch ist ei­ne schwa­che Re­gie­rung in London aus EU-Sicht nicht ei­ne gu­te Aus­gangs­la­ge für die Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen? Im Ge­gen­teil. EU-Chef­un­ter­händ­ler Mi­chel Bar­nier hät­te es lie­ber ge­se­hen, wenn May mit ei­ner kom­for­ta­blen ei­ge­nen Mehr­heit aus­ge­stat­tet wor­den wä­re. Nun ist sie kein star­ker Ver­hand­lungs­part­ner, sie (oder ihr Nach­fol­ger) wird sich im Un­ter­haus nur auf ei­ne schwa­che Mehr­heit stüt­zen. Da­mit be­steht die Ge­fahr, dass Ab­stim­mun­gen im Un­ter­haus über Ver­hand­lungs­er­geb­nis­se zu Zit­ter­par­ti­en wer­den. Brüssel liegt zu­dem da­ran, die Ver­hand­lun­gen über­haupt zum Ab­schluss zu brin­gen. Au­ßer­dem will die EU von London 50 bis 100 Mil­li­ar­den Eu­ro, um die Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen ab­zu­lö­sen.

Kommt jetzt vi­el­leicht doch noch der Exit vom Br­ex­it? Die Hoff­nung wä­re kühn. Gro­ße Op­ti­mis­ten set­zen auf ein an­de­res Sze­na­rio: Wo­mög­lich stei­gen mit dem sich im­mer mehr ver­schär­fen­den Zeit­druck die Chan­cen dar­auf, dass es zu ei­ner Über­gangs­ver­ein­ba­rung zwi­schen London und Brüssel kommt. Er­stre­bens­wert wä­re, dass da­bei die Gr­und­frei­hei­ten des Bin­nen­mark­tes wie Per­so­nen­frei­zü­gig­keit, kei­ne Zöl­le und Han­dels­schran­ken pro­vi­so­risch in Kraft blei­ben.

HAT GU­TE LAU­NE: Bis vor kur­zem galt La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn noch als kras­ser Au­ßen­sei­ter, nun ist er der ei­gent­li­che Sie­ger der Par­la­ments­wahl. Fo­to: dpa

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