Im Griff des Kli­ma­wan­dels

Von Po­lar­füch­sen und Schnee-Eu­len: Frei­bur­ger For­scher in Grön­land

Pforzheimer Kurier - - FORUM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Patri­cia Klatt

Frei­burg. Wer­den wir Schnee-Eu­len se­hen, ja oder nein? Was ist mit den Lem­min­gen? Und wa­ren wie­der Eis­bä­ren in der Trap­per­hüt­te? Das sind nur ei­ni­ge der Fra­gen, die Be­noit Sitt­ler und sein sechs­köp­fi­ges For­scher­team be­reits vor ih­rem dies­jäh­ri­gen Ab­flug in die Ark­tis be­we­gen. Noch rund vier Wo­chen, dann geht es er­neut in Rich­tung Grön­land, und das be­reits zum 30. Mal.

1988 be­grün­de­te Be­noit Sitt­ler als ech­te Pio­nier­leis­tung das Ka­ru­pelv Val­ley Pro­ject, ein deutsch-fran­zö­si­sches Lang­zeitFor­schungs­pro­jekt des In­sti­tuts für Lan­des­pfle­ge der Uni­ver­si­tät Frei­burg und der Grou­pe de Re­cher­ches en Eco­lo­gie Arc­tique, GREA. „Schwer­punkt wa­ren die ark­ti­sche Tier­welt und ih­re An­pas­sun­gen an Käl­te, Schnee und das spär­li­che Nah­rungs­an­ge­bot. Wir ha­ben uns da­mals be­son­ders für die Lem­min­ge und ih­re Fress­fein­de in­ter­es­siert“, er­in­nert sich Sitt­ler. Ur­sprüng­lich war das pri­vat fi­nan­zier­te Pro­jekt nur auf fünf Jah­re aus­ge­rich­tet, aber ein En­de fand sich bis heu­te nicht. „Durch den Kli­ma­wan­del er­ge­ben sich im­mer wie­der völ­lig neue Fra­ge­stel­lun­gen“, so der pro­mo­vier­te Geo­graf.

Von Frank­furt fliegt die Grup­pe En­de Ju­ni zu­nächst nach Is­land, „dort neh­men wir die Pro­vi­ant­kis­ten und an­de­re Sa­chen mit und als ’Pa­ra­do­xon’ wird auch zum ers­ten Mal ein so­lar­be­trie­be­ner Mi­ni­kühl­schrank da­bei sein. Dar­in wer­den wir Blut­pro­ben zwi­schen­la­gern, die wir von den Tie­ren für ge­ne­ti­sche Un­ter­su­chun­gen neh­men wol­len“. Auf Blut­pro­ben von Eis­bä­ren wer­de man aber wohl ver­zich­ten, schmun­zelt Sitt­ler. Von Is­land geht es wei­ter in den grön­län­di­schen Na­tio­nal­park, der 10 000 mal so groß ist wie der Na­tio­nal­park Schwarz­wald. An der Ran­ger­sta­ti­on wer­den Zel­te, Bat­te­ri­en, Elek­tro­zäu­ne, Schreck­schus­sAn­la­gen und mitt­ler­wei­le auch drei Ge­weh­re zum Schutz vor Eis­bä­ren ein­ge­la­den, be­vor das La­ger auf der In­sel Traill ein­ge­rich­tet wer­den kann. Vor 30 Jah­ren sei das al­les ir­gend­wie noch un­kom­pli­zier­ter ge­we­sen, „wir ha­ben zum Bei­spiel die Eis­bä­ren nur aus wei­ter Ent­fer­nung ge­se­hen. Aber durch den Kli­ma­wan­del schmilzt das Pack­eis und die Bä­ren be­su­chen uns nun in je­dem Jahr auf der Su­che nach et­was Ess­ba­rem“, er­zählt der Frei­bur­ger Grön­land­for­scher. Es ha­be schon ei­ni­ge ge­fähr­li­che Si­tua­tio­nen ge­ge­ben: „Auch un­se­re Trap­per­hüt­te wird ei­gent­lich re­gel­mä­ßig heim­ge­sucht. In ei­nem Jahr ha­ben wir die Ex­pe­di­ti­on so­gar um ei­ne gan­ze Wo­che ver­kürzt, weil ein Eis­bär im­mer auf­dring­li­cher wur­de und wir nicht in die Si­tua­ti­on kom­men woll­ten, dass wir ihn hät­ten er­schie­ßen müs­sen“.

Die Fra­ge­stel­lun­gen in die­sem Som­mer sind sehr zahl­reich, im ver­gan­ge­nen Jahr wur­den be­reits drei Po­lar­füch­se mit Sen­dern aus­ge­stat­tet – „wir konn­ten da­durch do­ku­men­tie­ren, dass ei­ner der Füch­se zwi­schen De­zem­ber 2016 und April 2017 rund tau­send Ki­lo­me­ter über Pack- und In­land­eis zu­rück­ge­legt hat. Nun sol­len zwei wei­te­re da­zu­kom­men“, plant Sitt­ler. Das set­ze al­ler­dings vor­aus, dass man über­haupt Po­lar­füch­se fan­gen wer­de. Man wer­de au­ßer­dem, wie in den ver­gan­ge­nen 29 Jah­ren auch, er­neut nach Lem­ming­nes­tern su­chen, ob­wohl die Po­pu­la­ti­on seit ei­ni­gen Jah­ren mehr oder we­ni­ger kom­plett zu­sam­men­ge­bro­chen sei. Be­sen­de­run­gen von San­der­lin­gen, Sand­re­gen­pfei­fern und Raub­mö­wen ste­hen eben­so auf dem Plan wie die von Schnee-Eu­len, wenn man denn wel­che se­hen soll­te. „Frü­her konn­ten wir die Eu­len mit ih­ren Jun­gen am Nest be­ob­ach­ten, das ist nun vor­bei“, be­dau­ert Sitt­ler. Auf­grund sei­ner Lang­zeit-Un­ter­su­chun­gen kam er in Ko­ope­ra­ti­on mit an­de­ren Schnee-Eu­len-For­schern zu der trau­ri­gen Ge­wiss­heit, dass es auf Grön­land wohl nur noch rund 800 Brut­paa­re gibt und es welt­weit wohl auch nicht mehr als 15 000 Paa­re sind.

Wel­che Aus­wir­kun­gen der Kli­ma­wan­del in der Ark­tis in den nächs­ten Jah­ren hat, wird Be­noit Sitt­ler do­ku­men­tie­ren, so lan­ge es geht. Aber zu­nächst liegt ein ar­beits­rei­ches Wo­che­n­en­de vor ihm, denn es war­ten be­reits rund 1 500 Po­lar­post-Brie­fe dar­auf, mit dem dies­jäh­ri­gen Ex­pe­di­ti­ons­stem­pel ver­se­hen zu wer­den. (Sie­he Hin­ter­grund.)

... und auch auf die Po­lar­füch­se hat Sitt­ler ein Au­ge. Zwei von ih­nen sol­len mit Sen­dern aus­ge­stat­tet wer­den ...

MIT DER ARKTISCHEN TIER­WELT be­schäf­tigt sich Be­noit Sitt­ler bei sei­ner Ex­pe­di­ti­on in Grön­land. Da­bei hat er un­ter an­de­rem die Raub­mö­wen im Blick ...

... um die Schnee-Eu­len sorgt sich der Frei­bur­ger For­scher der­weil. Nur noch 800 Brut­paa­re sol­len in Grön­land le­ben.

Fo­tos: Ka­ru­pelv Val­ley Pro­jekt

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