Rad: Lö­sung für vie­le Her­aus­for­de­run­gen

KIT-In­sti­tut er­forscht das Mo­bi­li­täts­ver­hal­ten

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Ma­ri­an­ne Pasch­ke­witz-Kloß

Karlsruhe/Mannheim. Als Karl Drais vor 200 Jah­ren – am 12. Ju­ni 1817 – sein Holz­lauf­rad be­stieg, um es auf der Stre­cke von Mannheim nach Sch­wet­zin­gen der Öf­fent­lich­keit zu prä­sen­tie­ren, be­zweck­te er of­fen­bar nur ei­nes: Die­ses Ve­hi­kel auf zwei Rä­dern soll­te dem all­tags­taug­li­chen Ein­satz für den Trans­port von Mensch und klei­ne­ren Las­ten die­nen und da­mit das Pferd in sei­ner Funk­ti­on er­set­zen. Nach­dem Pfer­de­fut­ter in­fol­ge von Miss­ern­ten un­er­schwing­lich ge­wor­den war und in der Hun­gers­not Men­schen selbst ih­re Pfer­de aßen, hat­te Drais be­harr­lich an ei­ner Lö­sung ge­tüf­telt. Dass durch sei­ne Ent­wick­lung die Welt auf zwei Rä­der ge­stellt wür­de, hat­te der ba­di­sche Forst­be­am­te frei­lich nicht ge­ahnt. Al­lein in Deutsch­land be­sit­zen heu­te 80 Pro­zent der Be­völ­ke­rung min­des­tens ein Rad. Al­so rund 65 Mil- lio­nen Men­schen.

„Das Fahr­rad­fah­ren hat hier­zu­lan­de ein grund­sätz­lich gu­tes Image, der An­teil der Fahr­rad­nut­zer steigt bei al­len Be­völ­ke­rungs­grup­pen“, kon­sta­tiert die pro­mo­vier­te Stadt­pla­ne­rin und Geo­gra­fin Clo­til­de Mins­ter vom In­sti­tut für Ver­kehrs­we­sen (IfV) am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT). Seit über 20 Jah­ren wird dort das Mo­bi­li­täts­ver­hal­ten der Deut­schen im Auf­trag des Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums er­forscht. Der­zeit im Fo­kus: Das so­ge­nann­te „mul­ti­moda­le“Nut­zer­ver­hal­ten der Rad­ler, bei dem un­ter­schied­li­che Ver­kehrs­mit­tel je nach Ziel und Zweck zeit- und res­sour­cen­spa­rend ge­nutzt wer­den. In die­sem Zu­sam­men­hang be­ob­ach­ten die IfV-For­scher, dass seit 2001 die Dis­tanz, die mit dem Rad zu­rück­ge­legt wird, kon­ti­nu­ier­lich steigt. 40 Pro­zent der Fahr­rad­nut­zer grei­fen zum Draht­esel für Stre­cken zwi­schen 1,5 und fünf Ki­lo­me­tern, wo­bei man die Zie­le und to­po­gra­fi­schen Ge­ge­ben­hei­ten be­rück­sich­ti­gen müs­se, wie Clo­til­de Mins­ter be­tont.

Die 2,5 Mil­lio­nen E-Bi­ker hier­zu­lan­de leg­ten im Schnitt fünf bis zehn Ki­lo­me­ter zu­rück. Und: Da 60 Pro­zent der Rad­fah­rer auch Au­to­fah­rer sei­en, wüss­ten sie um die Vor­tei­le der je­wei­li­gen Ver­kehrs­mit­tel. Die Zahl der Rad­nut­zer ist aus Sicht der Ex­per­tin stei­ge­rungs­fä­hig. Zwar sei­en im länd­li­chen Raum rück­läu­fi­ge Ten­den­zen er­kenn­bar, in Groß­städ­ten je­doch Zu­wäch­se mög­lich. Karlsruhe stellt sie da­bei als Fahr­rad­stadt ein gu­tes Zeug­nis aus. Der po­li­ti­sche Wil­le zur För­de­rung des Rad­fah­rens sei in vie­len gro­ßen Städ­ten vor­han­den.

Den­noch könn­ten Kom­mu­nen durch spe­zi­el­le, si­che­re In­fra­struk­tur­an­ge­bo­te zu­sätz­li­che An­rei­ze zum Rad­fah­ren schaf­fen. Bei­spiel? „Al­les, was bremst ver­mei­den, ei­ne Grü­ne Wel­le er­zeu­gen und da­durch die Ge­schwin­dig­keit er­hö­hen.“Ab­schließ­ba­re, über­dach­te Ab­stell­mög­lich­kei­ten im öf­fent­li­chen Raum mo­ti­vier­ten eben­so zur Nut­zung des Rads wie das aus­rei­chen­de An­ge­bot an Mie­t­rä­dern (Bi­ke-Sha­ring) et­wa für Pend­ler, die ihr ei­ge­nes Fahr­rad nur an ei­nem Stand­ort nut­zen kön­nen. Da­bei ist auch die Trans­por­tier­bar­keit des Ge­fährts ein The­ma, Mins­ter fa­vo­ri­siert das Klapp­fahr­rad. Auf den Nen­ner ge­bracht: Mit dem Rad müs­se es be­que­mer, si­che­rer und schnel­ler ge­hen als mit an­de­ren Ver­kehrs­mit­teln.

Apro­pos „be­que­mer“: IfV-Stu­di­en cha­rak­te­ri­sie­ren den Rad­fah­rer nicht nur als ge­sund­heits- und um­welt­be­wusst, oben­drein sei er auch „sen­si­bel“. Herr­sche schlech­tes Wetter, blie­be der Draht­esel eben im Stall. Klei­ne Ver­bes­se­run­gen wie Um­klei­de- und Dusch­mög­lich­kei­ten am Ar­beits­platz könn­ten er­heb­li­che Wir­kung ent­fal­ten, emp­feh­len die Ver­kehrs­for­scher.

Die Drai­si­ne von vor 200 Jah­ren hat sich op­tisch und tech­nisch mäch­tig ver­än­dert. Und nicht nur das. Galt Drais’ Er­fin­dung noch als Not­lö­sung, be­schei­nigt Clo­til­de Mins­ter dem heu­ti­gen Fahr­rad gar ei­nen ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Stel­len­wert: „Es ist die Lö­sung für vie­le Her­aus­for­de­run­gen.“Es be­sei­ti­ge nicht nur Ver­kehrs- und Park­platz­pro­ble­me, son­dern kön­ne auch mas­siv zur Luf­t­rein­heit in be­son­ders kri­ti­schen Be­rei­chen in den Städ­ten bei­tra­gen. Mins­ter: „Das Fahr­rad ist ge­sell­schaft­lich im­ple­men­tiert.“

EIN GU­TES ZEUG­NIS stellt die Stadt­pla­ne­rin und Geo­gra­fin Clo­til­de Mins­ter vom KIT der Fahr­rad­stadt Karlsruhe aus. Fo­to: Pasch­ke­witz-Kloß

SO FING ES AN: Das Lauf­rad wur­de von Karl Drais er­fun­den. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.