Fet­tes Haus und knö­chel­tie­fes Was­ser

Die „Skulp­tur Pro­jek­te“Müns­ter sind zwar klei­ner als die do­cu­men­ta, ha­ben aber auch in­ter­na­tio­na­le Strahl­kraft

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Wan­deln über Was­ser wie Je­sus, ei­ne Schre­ber­gar­ten­ko­lo­nie er­for­schen oder das Han­dy am La­ger­feu­er auf­la­den – das al­les ist Kunst. Die Skulp­tur Pro­jek­te in Müns­ter, der klei­ne Kon­kur­rent der do­cu­men­ta in Kas­sel, mes­sen al­le zehn Jah­re den Puls der in­ter­na­tio­na­len Kunst. Die fünf­te Auf­la­ge der 1977 ge­grün­de­ten Frei­luft­aus­stel­lung lässt Wer­ke von 35 Künst­lern buch­stäb­lich mit der idyl­li­schen Uni-Stadt ver­schmel­zen. Die ers­te Er­kennt­nis ist: Die her­kömm­li­che Vor­stel­lung von Skulp­tur als greif­ba­rem Kun­st­ob­jekt führt völ­lig in die Ir­re. 40 Jah­re nach den ers­ten „Skulp­tur Pro­jek­ten Müns­ter“hat sich der Kunst­be­griff im 21. Jahr­hun­dert er­wei­tert – und wird in­fra­ge ge­stellt. Die zwei­te Er­kennt­nis: Die „Skulp­tur Pro­jek­te“sind ei­ne Schön-Wetter-Schau, die man mög­lichst mit dem Fahr­rad, aber nicht im strö­men­den Re­gen er­kun­den soll­te. Gera­de noch ra­delt man an hop­peln­den Ka­nin­chen im Park vor­bei und steht dann vor ei­ner ver­las­se­nen Eis­sport­hal­le. Der fran­zö­si­sche Star­künst­ler Pier­re Huyg­hes hat über Wo­chen den Bo­den ab­tra­gen las­sen und ei­ne me­ter­tie­fe Mond­land­schaft aus leh­mi­gen Erd­hü­geln und Was­ser­pfüt­zen dort ent­ste­hen las­sen, wo einst Eis­läu­fer Pi­rou­et­ten dreh­ten. Das wüs­te Ge­län­de wird be­wohnt von Pfau­en, Bie­nen in skulp­tur­ar­ti­gen Bie­nen­stö­cken, Fi­schen und Krebs­zel­len in Aqua­ri­en – und man fragt sich, ob das Tier­quä­le­rei ist und wo die Blu­men für die Bie­nen sind. Aber auch die kom­ple­xen Bio­top-Sys­te­me von Huyg­hes sind im wei­tes­ten Sinn Skulp­tur. Tief in das So­zi­al­ge­fü­ge ei­ner Klein­gar­ten­ko­lo­nie taucht der bri­ti­sche Künst­ler Je­re­my Del­ler im Schre­ber­gar­ten­ver­ein „Müh­len­feld“ein. Zwi­schen ak­ku­rat ge­schnit­te­nen Ra­sen­flä­chen und ei­ner bun­ten Blu­men­pracht hat sich Del­ler in ei­ner schwer zu fin­den­den Gar­ten­lau­be ein­ge­nis­tet. Zehn Jah­re lang ließ Del­ler Schre­ber­gärt­ner Ta­ge­bü­cher füh­ren. 26 di­cke Bän­de mit Fo­tos von Fes­ten und Blu­men­kohl, Her­ba­ri­en und Be­rich­ten über den All­tag in der Ko­lo­nie legt Del­ler nun vor: ei­ne fas­zi­nie­ren­de Do­ku­men­ta­ti­on der in Deutsch­land so ty­pi­schen Klein­gar­ten­kul­tur. „In Groß­bri­tan­ni­en gibt es das nicht“, sagt der Kon­zept­künst­ler. „Des­halb fin­de ich das so span­nend.“

Die „Skulp­tur Pro­jek­te“in der west­fä­li­schen Pro­vinz zie­hen eben­so das in­ter­na­tio­na­le Pu­bli­kum an wie das GroßE­vent do­cu­men­ta. Die Ma­cher sind so selbst­be­wusst, die Er­öff­nung in Müns­ter zeit­gleich zur do­cu­men­ta-Er­öff­nung zu le­gen. Er­war­tet wer­den in Müns­ter bis 1. Ok­to­ber rund ei­ne hal­be Mil­li­on Kun­st­in­ter­es­sier­te. Ge­wis­se Ten­den­zen sind in Müns­ter und Kas­sel ähn­lich. Et­wa die boo­men­de Per­for­mance oder die Er­wei­te­rung des Aus­stel­lungs­raums auf an­de­re Städ­te. Die Ruhr­ge­biets­stadt Marl mit ih­rer Be­ton-Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur ist 2017 der Tra­bant der „Skulp­tur Pro­jek­te“. Per­for­mance und Kunst zum Mit­ma­chen boomt in Müns­ter al­ler­orts. Die Istan­bu­ler Künst­le­rin Ay­se Erk­men lässt Be­su­cher im Bin­nen­ha­fen wie Je­sus über Was­ser lau­fen. Da­für hat sie knapp un­ter der Was­ser­ober­flä­che ei­nen Steg aus Me­tall­git­tern ge­baut. 64 Me­ter lang ist der Weg von Ufer zu Ufer, den man im knö­chel­tie­fen Was­ser wa­tet. Das hat eher Abenteuer-Flair als künst­le­ri­sche Tie­fe. Auch über den tie­fe­ren Sinn des Tat­too-Stu­di­os für Se­nio­ren von Micha­el Smith lässt sich si­cher strei­ten. Wo­bei hier der Be­griff Kör­per­kunst na­he liegt. Die ru­mä­ni­sche Künst­le­rin Alex­an­dra Pi­ri­ci lässt im Saal des West­fä­li­schen Frie­dens im Rat­haus Per­for­mer ei­nen Kol­lek­tiv­kör­per for­men. Die Ar­gen­ti­nie­rin Mi­ka Rot­ten­berg hat ei­nen ver­las­se­nen Asia-La­den mit La­mett­a­ber­gen und Plas­tik­spiel­zeug zum Kun­st­ort ge­macht. Raum­künst­ler Gre­gor Schnei­der ver­stört mit ei­ner in das LWL-Mu­se­um ein­ge­bau­ten Woh­nung, in der sich der Be­su­cher auf un­heim­li­che Wei­se be­ob­ach­tet fühlt. Klin­geln bit­te bei „N. Schmidt“, Pfer­de­gas­se 19. Ei­nen denk­wür­di­gen Bei­trag zum di­gi­ta­len Zeit­al­ter leis­tet der Bre­mer Künst­ler Aram Bar­t­holl mit sei­ner Han­dy-La­de­sta­ti­on am La­ger­feu­er. Ein Ge­ne­ra­tor wird in ei­ner Pfan­ne über dem of­fe­nen Feu­er er­hitzt. Der da­durch er­zeug­te Strom wird über ein Ka­bel in ein Netz­teil ge­lei­tet, an das man das Han­dy an­schließt. Auch wenn mal ei­ne wirk­li­che Skulp­tur zu se­hen ist, geht es nicht wirk­lich klas­sisch zu: Ni­co­le Ei­sen­mans Brun­ne­nen­sem­ble aus fünf Bron­ze- und Gips­fi­gu­ren mit klo­bi­gen Fü­ßen und Co­la-Do­se iro­ni­siert die an­ti­ke Skulp­tur-Äs­t­he­tik. Do­ro­thea Hüls­mei­er

PLATZT AUS AL­LEN NÄHTEN: Das „Fat Hou­se“, ei­ne be­geh­ba­re Skulp­tur von Er­win Wurm bei den „Skulp­tur Pro­jek­ten“in Müns­ter, die mor­gen er­öff­net wer­den. Fo­to: dpa

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