Zu vie­le Pil­len in zu ho­her Do­sis

Me­di­ka­ti­ons­plan oft ver­nach­läs­sigt

Pforzheimer Kurier - - MENSCH UND MEDIZIN -

Seit dem ver­gan­ge­nen Jahr hat je­der Pa­ti­ent, der min­des­tens drei Me­di­ka­men­te be­kommt, ei­nen An­spruch auf ei­nen Me­di­ka­ti­ons­plan. Dar­in sol­len Arzt oder Apo­the­ker auf­lis­ten, wel­che Arz­nei­en in wel­cher Do­sie­rung zu wel­chem Zeit­punkt ge­nom­men wer­den. Dem Pa­ti­en­ten dient der Plan als Ge­dächt­nis­stüt­ze, sei­nen Ärz­ten als wich­ti­ge In­for­ma­ti­on – je­den­falls in der Theo­rie. „Die meis­ten Pa­ti­en­ten ha­ben da­von noch nie et­was ge­hört. Vie­le Haus­ärz­te wis­sen zu­dem nicht, wel­che Me­di­ka­men­te die Fach­ärz­te ver­schrei­ben. In ei­ner Stu­die aus Müns­ter wur­de gera­de fest­ge­stellt, dass 90 Pro­zent der Me­di­ka­ti­ons­plä­ne feh­ler­haft sind“, be­rich­tet Mag­da­le­ne Linz, Prä­si­den­tin der Apo­the­ker­kam­mer Nie­der­sach­sen.

Da­bei scheint die In­for­ma­ti­ons­wei­ter­ga­be we­gen der Ge­fahr von Wech­sel­wir­kun­gen drin­gen­der denn je. Dar­auf las­sen meh­re­re Stu­di­en des Phar­ma­zeu­ti­schen In­sti­tuts der Uni­ver­si­tät Bonn schlie­ßen. Dar­in wur­de die Me­di­ka­men­ten­ein­nah­me von Heim­be­woh­nern un­ter­sucht – im Schnitt be­kommt ein Be­woh­ner täg­lich ein gu­tes Dut­zend ver­schie­de­ne Ta­blet­ten. „Es fehlt ei­ne sys­te­ma­ti­sche Über­prü­fung. Oft könn­ten und müss­ten ein­zel­ne Arz­nei­en weg­ge­las­sen wer­den“, fasst Stu­di­en­lei­ter Ul­rich Ja­eh­de zu­sam­men und fügt hin­zu: „60 Pro­zent der Ne­ben­wir­kun­gen wä­ren dann ver­meid­bar.“Auch die Sturz­ge­fahr wür­de sin­ken.

Er be­rich­tet von ei­ner 89-jäh­ri­gen, die in­ner­halb von drei Mo­na­ten statt 80 nur noch 72 Ki­lo wog und über star­kes Schwit­zen und Übel­keit klag­te. Sie nahm täg­lich elf ver­schie­de­ne Arz­nei­stof­fe, un­ter an­de­rem ge­gen Schmer­zen der Len­den­wir­bel, Nie­ren­krank­heit, Blut­hoch­druck, De­menz und De­pres­si­on. „Wir ha­ben ei­ne Über­do­sie­rung fest­ge­stellt, weil die Ge­wichts­ab­nah­me nicht be­rück­sich­tigt wur­de. Die aku­ten Sym­pto­me er­ga­ben sich auch durch die Wech­sel­wir­kung zwi­schen ei­nem Opi­at und ei­nem An­ti­de­pres­si­va. Ein Mit­tel wur­de auf un­se­re Emp­feh­lung vom Neu­ro­lo­gen re­du­ziert, ein an­de­res ab­ge- setzt“, be­rich­tet Ja­eh­de. Schwit­zen und Übel­keit sei­en dar­auf­hin ver­schwun­den, die an­ti­de­pres­si­ve Wir­kung ge­blie­ben. Wich­tig sei da­bei die eng­ma­schi­ge Über­wa­chung ge­we­sen. Der Bon­ner Pro­fes­sor für Kli­ni­sche Phar­ma­zie weiß, dass die Rea­li­tät ab­seits sol­cher Stu­di­en oft an­ders aus­sieht: „Bei neu­en Sym­pto­men wer­den lei­der eher zu­sätz­li­che Mit­tel ver­ord­net.“

Auch über­prüf­ten Ärz­te viel zu sel­ten die Nie­ren der Pa­ti­en­ten: Ar­bei­ten sie nur noch ein­ge­schränkt, ist die Stan­dard­do­sie­rung oft zu hoch. Zu Ja­eh­des Emp­feh­lun­gen ge­hö­ren jähr­lich die Mes­sung des Krea­ti­nin­wer­tes, des Blut­drucks und des Blut­spie­gels so­wie die Über­prü­fung der kom­plet­ten Me­di­ka­ti­on durch ei­nen Apo­the­ker.

Wich­tig sei da­bei auch das Ge­spräch mit den Ärz­ten. „Ein Haus­arzt kann nicht al­les leis­ten und braucht die phar­ma­zeu­ti­sche Ex­per­ti­se und Un­ter­stüt­zung“, sagt Olaf Krau­se, Ober­arzt an der Me­di­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver. Selbst­kri­tisch stellt er al­ler­dings fest: „Es gibt Kol­le­gen, die emp­find­lich auf Rat­schlä­ge von Apo­the­kern re­agie­ren.“Joa­chim Gö­res

60 Pro­zent der Ne­ben­wir­kun­gen wä­ren ver­meid­bar

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