Von ge­die­gen-sanft bis kra­wal­lig-laut

Ca­dil­lac XT5 und Ca­dil­lac ATS-V

Pforzheimer Kurier - - MOTOR UND VERKEHR -

Wer sich in deut­schen Lan­den zu Zei­ten des Kli­ma­wan­del-Ne­gie­rers Do­nald Trump für ei­nen Ca­dil­lac ent­schei­det, braucht schon ein aus­ge­präg­tes Selbst­be­wusst­sein. Denn die Mar­ke mit dem klang­vol­len Na­men steht zu­min­dest aus eu­ro­päi­scher Sicht durch und durch für Old Eco­no­my. Das Pro­dukt­spek­trum be­wegt sich zwi­schen zwei Au­tos wie dem mäch­ti­gen SUV XT5 und dem zwar zier­li­che­ren aber nicht we­ni­ger mar­tia­li­schen Cou­pé ATS-V.

Der tra­di­tio­nel­le­re Ame­ri­ka­ner ist der XT5: Ein 4,82 Me­ter lan­ges Schiff von Hö­he und Brei­te mit weit­ge­hen­der Voll­aus­stat­tung, dem Wohl­fühlam­bi­en­te ei­ner te­xa­ni­schen Ranch und ei­nem lei­se säu­seln­den 3,6 Li­ter gro­ßen Sechs­zy­lin­der, der trotz sei­ner Leis­tung jen­seits der 300-PSMar­ke nicht eben das Ge­fühl von Kraft im Über­fluss ver­mit­telt. Das SUV mit dem rie­si­gen Küh­ler­grill und dem un­or­tho­do­xen, ver­ti­ka­len LED-Tag­fahr­licht gibt sich als Freund der ge­müt­li­chen Gan­gart zu er­ken­nen: Ge­pfleg­te Au­to­bahn-Rei­sen in mitt­le­rem Tem­po sind die Do­mä­ne die­ses Wa­gens, und auch nur dort ge­lingt es, den Kraft­stoff­ver­brauch vor­über­ge­hend un­ter die ZehnLi­ter-Mar­ke zu drü­cken. Ist der 81 Li­ter gro­ße Kraft­stoff­be­häl­ter leer­ge­fah­ren, huscht dem Tank­wart beim Kassieren ein zu­frie­de­nes Lä­cheln übers Ge­sicht. Drei­stel­li­ge Rech­nun­gen sind hier die Re­gel.

Wer dem mäch­ti­gen Ca­dil­lac Ge­rech­tig­keit wi­der­fah­ren las­sen will, muss kon­sta­tie­ren, dass der Ein­stands­preis von deut­lich un­ter 50 000 Eu­ro ein fai­res An­ge­bot ist. Für ei­nen ver­gleich­bar mo­to­ri­sier­ten BMW X5 et­wa muss die Kund­schaft noch ei­nen fünf­stel­li­gen Eu­ro­be­trag oben­drauf le­gen. Und wer beim Cad­dy gar zu den Top-Aus­stat­tun­gen greift, muss nicht das Ge­rings­te ent­beh­ren: Ad­ap­ti­ver Tem­po­mat ist eben­so da­bei wie Rück­fahr­ka­me­ra, ei­ne per Fuß­schwenk zu öff­nen­de Heck­klap­pe, das gro­ße Sound­pa­ket so­wie Ka­me­ra­über­wa­chung rundum. Das Fahr­ver­hal­ten des All­rad­lers ist äu­ßerst soft, doch so­bald man es mit Wegstre­cken zwei­ter und drit­ter Ord­nung zu tun hat, kommt das Fahr­werk merk­lich an sei­ne Gren­zen. Für die Afri­ka-Ex­pe­di­ti­on ist der XT5 al­so eher nicht ge­dacht.

Noch we­ni­ger der zwei­te Ca­dil­lac im Bunde – ein kom­pak­tes Cou­pé, mit dem man Kon­kur­ren­ten wie BMW mit dem M4 oder Mer­ce­des mit dem AMG C63 in die Schran­ken wei­sen möch­te. Zu­ge­ge­ben: Der ATS-V ist kein Prot­ago­nist des Un­der­state­ment. Mäch­ti­ge Luft­ein­läs­se und grim­mig bli­cken­de Schein­wer­fer sol­len Über­hol­pres­ti­ge ver­mit­teln – in Wirk­lich­keit wirkt der Wa­gen im Rück­spie­gel vor al­lem ag­gres­siv. Mit vol­len Ho­sen ist aber auch gut stin­ken: 470 PS kit­zeln die In­ge­nieu­re dank pfif­fi­ger BiTur­bo­auf­la­dung aus den eben­falls rund 3,6 Li­ter gro­ßen Brenn­räu­men des knapp 1,8 Ton­nen schwe­ren Vier­sit­zers. Über­tra­gen wird die Kraft mit­tels ei­ner acht­stu­fi­gen Au­to­ma­tik. Sel­bi­ge neigt von Haus aus zu ei­ner ge­wis­sen Lethar­gie, so dass man die Din­ge bald selbst in die Hand nimmt und die Gän­ge per Schalt­pad­del am Lenk­rad wech­selt. So brennt der Wa­gen ein be­ein­dru­cken­des Leis­tungs­feu­er­werk ab, ent­wi­ckelt Druck oh­ne En­de und gibt sich elas­tisch wie ein Gum­mi­band. Wenn da­bei die Laut­äu­ße­run­gen des An­triebs von ähn­li­cher Gü­te wie sein Leis­tungs­ver­mö­gen wä­ren, kä­me das Kind im Man­ne voll­be­ein­dru­cken­der

ends zu sei­nem Recht. Doch man kann of­fen­bar nicht al­les ha­ben im Le­ben: Tech­no­kra­tisch statt sinn­lich fällt hier die Akus­tik aus – das kann die Kon­kur­renz aus dem al­ten Eu­ro­pa bes­ser.

Da­für gibt es an­de­re hüb­sche De­tails. Zu ih­nen zählt das (auf­preis­pflich­ti­ge) Lenk­rad aus be­son­ders wei­chem und grif­fi­gen Ve­lours­le­der, aber auch man­cher nicht sicht­ba­re Le­cker­bis­sen. So gibt es ei­ne ak­ti­ve Sper­re für die Hin­ter­ach­se und ei­ne Fahr­dy­na­mik­re­ge­lung, die über­schüs­si­ge Trak­ti­on hoch-ef­fek­tiv über die Zün­dung zu do­sie­ren weiß. Dass die Ame­ri­ka­ner hier kein Show­Car für die Eis­die­le ge­zim­mert ha­ben, son­dern ein kon­kur­renz­fä­hi­ges Su­per­sport-Cou­pé däm­mert auch beim Blick auf das Leis­tungs­ver­mö­gen der üp­pig di­men­sio­nier­ten Brem­bo-Brems­an­la­ge.

Wenn nö­tig, ver­wan­deln sie selbst Tem­pi von jen­seits der 250er-Mar­ke tat­kräf­tig in Ver­zö­ge­rung und Hit­ze.

Weil die We­nigs­ten mit ei­nem Au­to wie dem ATS-V aus­schließ­lich auf der Rund­stre­cke un­ter­wegs sind, muss er auch im täg­li­chen Pen­del- und Stau­ein­satz Fle­xi­bi­li­tät be­wei­sen. Das ge­lingt ihm al­ler­dings nur in Ma­ßen. Der weit nach vorn ra­gen­de Front­spoi­ler sitzt tief wie ein Schnee­pflug, so dass bei An­nä­he­rung an Bord­stein­kan­ten stets sämt­li­che in­ne­ren Alarm­glo­cken schril­len. Und wenn Pas­sa­gie­re im Fond Platz neh­men, soll­ten sie tun­lichst nur klein von Wuchs sein. Die ab­fal­len­de Dach­li­nie zwingt an­sons­ten näm­lich zu ge­bück­ter Hal­tung. Ganz zu schwei­gen vom Zustieg nach hin­ten. Der ist ei­ne ech­te Ka­ta­stro­phe. WV

VIEL PO­WER FÜRS GELD: Knal­li­ge Fahr­leis­tun­gen sind die Stär­ke des Ca­dil­lac ATS-V, Kom­fort und Platz ste­hen er­kenn­bar nicht im Mit­tel­punkt. Fo­to: Werk

VIEL BLECH FÜRS GELD: Der Ca­dil­lac XT5 ist ein SUV von al­tem Schrot und Korn. Kom­fort und Platz sind hier Trumpf, Per­for­mance we­ni­ger. Fo­to: Werk

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