Gro­ße Viel­falt bei klei­nen Cam­ping­mo­bi­len

Ca­ra­van­boom geht zu nen­nens­wer­ten Tei­len aufs Kon­to des VW-Bus­ses

Pforzheimer Kurier - - MOTOR UND VERKEHR - Fo­to: Frei

Die Ca­ra­van­bran­che eilt von ei­nem Zu­las­sungs­re­kord zum nächs­ten, vor al­lem die Zahl der Wohn­mo­bi­le wächst ra­sant. Gro­ßen An­teil am Boom ha­ben klei­ne­re Cam­ping­fahr­zeu­ge, die nach dem Ur­laub als Zweit- oder Erst­wa­gen ge­nutzt wer­den. Vie­le pas­sen auf Pkw-Stell­plät­ze, ei­ni­ge so­gar in Tief­ga­ra­gen, und die meis­ten sind leicht ge­nug, um auch von In­ha­bern ei­nes B-Füh­rer­scheins be­wegt zu wer­den.

Markt­füh­rer bei den Cam­ping­bus­sen ist mit wei­tem Ab­stand Volks­wa­gen. Seit mehr als 60 Jah­ren be­völ­kern zu Wohn­zwe­cken um­ge­rüs­te­te Bul­lis die Cam­ping­plät­ze der Welt, seit 1957 mischt VW selbst in die­sem Markt mit. Von der ak­tu­el­len Aus­ga­be des haus­ei­ge­nen Ca­li­for­nia auf Ba­sis des T6 wur­den 2016 in Han­no­ver rund 10 000 Ex­em­pla­re ge­baut – so vie­le wie noch nie. Hin­zu ka­men 3000 Frei­zeit­fahr­zeu­ge ein­fa­che­rer Mach­art, et­wa der Cad­dy Beach mit Schlaf­ge­le­gen­heit und ei­nem klei­nen Vor­zelt, das an die of­fe­ne Heck­klap­pe ge­clipst wird.

Solch ein Cad­dy kos­tet ab 22 000, der güns­tigs­te Ca­li­for­nia min­des­tens 43 000 Eu­ro. Kom­plett aus­ge­stat­tet mit Schlaf­platz un­term elek­tri­schen Auf­stell­dach, Mo­bi­li­ar und Mar­ki­se, Koch- und Wasch­ge­le­gen­heit so­wie stär­ke­rem An­trieb kann es aber auch dop­pelt so teu­er wer­den. Und ob­wohl die Preis­lis­te reich­lich Zubehör und De­ko­ra­ti­on of­fe­riert, fin­det nicht je­der In­ter­es­sent sein Wun­schmo­bil.

Das lässt ei­ne Markt­ni­sche, in der sich zahl­rei­che Aus­bau­fir­men ein­ge­rich­tet ha­ben. Sie be­zie­hen von VW das weit­ge­hend nack­te Ba­sis­fahr­zeug und rich­ten es nach ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen be­zie­hungs­wei­se nach den Wün­schen ih­rer Kund­schaft ein. Be­liebt, ab Werk aber nicht er­hält­lich, ist das fes­te Hoch­dach aus glas­fa­ser­ver­stärk­tem Kunst­stoff: Es bie­tet Schlä­fern im Ober­ge­schoss bes­se­re Wär­me- und Ge­räusch­däm­mung als das Zelt­tuch des Auf­stell­dachs, au­ßer­dem las­sen sich in­nen St­au­fä­cher und Be­leuch­tung in­te­grie­ren, au­ßen Ge­päck­trä­ger oder So­lar­pa­nee­le mon­tie­ren. Po­ly­roof et­wa ver­an­schlagt für so ein Hoch­dach min­des­tens 5 500, in der Lu­xus­ver­si­on auch mehr als 10 000 Eu­ro. Die Fir­ma Ter­ra­cam­per wie­der­um hat ein ei­ge­nes Auf­stell­dach ent­wi­ckelt, das mehr und an­de­re Öff­nungs­op­tio­nen bie­tet als das VW-Stan­dard­mo­dell, dar­un­ter so­gar ein gro­ßes Schie­be­dach, das wäh­rend der Fahrt Luft und Licht ins Au­to lässt.

un­end­lich sind die Va­ria­ti­ons­mög­lich­kei­ten im Erd­ge­schoss. Wer bei­spiels­wei­se oh­ne­hin nur zu zweit un­ter­wegs sein will, lässt die Rück­bank weg und ge­winnt ent­we­der Stau- oder Be­we­gungs­raum. Ter­ra­cam­per hat da­zu ein Sys­tem mo­du­la­rer Mö­bel­bo­xen kon­stru­iert, die be­lie­big kom­bi­nier­bar sind und auf Schie­nen im Wa­gen­bo­den fi­xiert wer­den. Da­mit kei­ne Gas-, Was­ser- oder Strom­lei­tun­gen die Va­ria­bi­li­tät be­schrän­ken, steckt die ge­sam­te In­stal­la­ti­on in fest­ste­hen­den schma­len Schrän­ken ober­halb der Rad­käs­ten.

In ei­nem Space­cam­per-Bul­li wie­der­um lässt sich der kom­plet­te Kü­chen­block durch die seit­li­che Schie­be­tür ins Freie schwen­ken; dort stört es we­ni­ger, falls mal Fett spritzt oder et­was über­kocht. Auf sol­che Ide­en kam Ge­schäfts­füh­rer Ben Wa­wra wäh­rend der Jah­re, in de­nen er fast aus­schließ­lich in ei­nem Cam­per leb­te. Dem­nächst wol­le er sich län­ger in ei­nen VW Craf­ter zu­rück­zie­hen, „und mal schau­en, was mir da­zu so ein­fällt“, sag­te Wa­wra den BNN.

Das na­gel­neue Mo­dell tritt in der nächst­grö­ße­ren Wa­gen­klas­se ge­gen Mer­ce­des Sprin­ter und Fi­at Du­ca­to an, die bei­de sehr häu­fig als Ba­sis für Wohn­mo­bi­le die­nen. Die klei­ne­ren Bul­li-Aus­bau­er zei­gen sich von den tech­ni­schen und fah­re­ri­schen Qua­li­tä­ten des Craf­ter sehr an­ge­tan und hät­ten ge­nü­gend Ide­en, des­sen Platz­an­ge­bot für Cam­per nutz­bar zu ma­chen. Al­ler­dings wä­re für die meis­ten Ma­nu­fak­tu­ren ei­ne zwei­te Bau­rei­he wohl zu auf­wen­dig und für ih­re Kun­den am En­de zu teu­er.

„Mei­ne Ziel­grup­pe steht vor der Fra­ge, ob sie ei­ne Fin­ca an­schaf­fen soll oder ein Rei­se­mo­bil“, scherzt hin­ge­gen Ul­rich Gehr­ke-Hoog. Der weiß­haa­ri­ge Jung­un­ter­neh­mer hat für sei­ne Fir­ma Ge­ho­c­ab ei­ne Wohn­ka­bi­ne kon­stru­iert, die er auf den VW Ama­rok mon­tiert. Bis hin zur Es­pres­so­ma­schi­ne und zum Wein­kel­ler reicht die Aus­stat­tung des ed­len Ap­par­teNa­he­zu ments, das der all­rad­ge­trie­be­ne Pick-up in ent­le­ge­ne Ge­gen­den schlep­pen könn­te. Je nach Kon­fi­gu­ra­ti­on kos­tet das Ge­fährt mehr als 200 000 Eu­ro. Nicht nur Ge­ho­c­ab be­dient den Trend zum „Glam­ping“, zum gla­mou­rö­sen Cam­ping. Doch wäh­rend sich die ei­nen jeg­li­chen Kom­fort gön­nen, wach­sen Ca­ra­van­her­stel­lern auch vom an­de­ren En­de der Ein­kom­mens­ska­la neue Kun­den zu. Swen Dluz­ak, De­si­gner und Mar­ke­ting­ex­per­te mit lang­jäh­ri­ger Er­fah­rung in der Bran­che, be­ob­ach­tet zum Bei­spiel, dass ei­ne zu­neh­men­de Zahl von Wohn­mo­bil­be­sit­zern ihr Fahr­zeug zeit­wei­se ver­mie­tet, was per In­ter­net und Smart­pho­ne be­son­ders be­quem von­stat­ten­ge­he. Au­ßer­dem mo­ti­vie­re der Trend zu Hand­ar­beit und Heim­wer­ke­rei manch jün­ge­re Leu­te da­zu, sich an den Selbst­aus­bau ei­nes güns­tig er­wor­be­nen Lie­fer­wa­gens zu wa­gen. Spä­te­rer Um­stieg auf ein pro­fes­sio­nell ge­fer­tig­tes Mo­bil nicht aus­ge­schlos­sen. Sön­ke Boldt

GROSSE FREI­HEIT: Cam­ping­bus­se kom­men an Or­te, die gro­ßen Wohn­mo­bi­len oft ver­sperrt blei­ben.

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