Mit den al­ten Sor­ten ist gut Kir­schen es­sen

Jetzt ist die Sai­son

Pforzheimer Kurier - - VERBRAUCHER-REPORT -

Die Aus­wahl an ver­schie­de­nen Kirsch­sor­ten in Deutsch­land ist rie­sig. Das mein­te zu­min­dest der fran­zö­si­sche Obst­kund­ler An­dré Le­roy im 19. Jahr­hun­dert. Was wür­de er wohl heu­te sa­gen? Sei­ner­zeit gab es hier­zu­lan­de Hunderte un­ter­schied­li­che Sor­ten, heu­te kön­nen wir gera­de ein­mal aus ein paar Dut­zend aus­wäh­len – wenn über­haupt. Und es wer­den im­mer we­ni­ger.

Die Frü­he Mai­herz­kir­sche et­wa sei „weit ver­brei­tet“schrieb der Mei­nin­ger Po­mo­lo­ge Franz Jahn noch im Jah­re 1861 in sei­nem „Il­lus­trir­ten Hand­buch der Obst­kun­de“. 2010 ver­zeich­ne­ten Dr. An­net­te Braun-Lül­le­mann und Han­sJoa­chim Ban­nier in ih­rer Stu­die zur ge- ne­ti­schen Viel­falt al­ter Süß­kirsch­sor­ten nur noch ei­nen ein­zi­gen letz­ten Baum in ganz Deutsch­land. Selbst die­ser exis­tiert heu­te nicht mehr. Den Po­mo­lo­gen ist es im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes in al­ler­letz­ter Se­kun­de ge­lun­gen, den Gen­pool der Kir­sche mit­tels so­ge­nann­ter Rei­ser zu si­chern. Für et­li­che al­te Kirsch­sor­ten kommt die­se Hil­fe aber schon jetzt zu spät. Ihr ein­zig­ar­ti­ges Aro­ma ist be­reits für im­mer ver­lo­ren.

Und wenn sich der Ver­brau­cher­ge­schmack und die An­for­de­run­gen des Mark­tes nun än­dern? Auch die be­son­de­re Ro­bust­heit und die Re­sis­tenz ge­gen­über be­stimm­ten Krank­hei­ten und In­sek­ten kann ein Vor­teil ge­gen­über neue­ren Züch­tun­gen sein – wenn es ge­lingt, die­se al­ten Kir­schen zu er­hal­ten. Die Ge­schmacks­viel­falt der Klas­si­ker spricht ein­deu­tig für sich, aber der Ge­schmack ist nur ein Teil des­sen, was heu­te ge­fragt ist, und da kön­nen man­che al­te Sor­ten mit den neue­ren Züch­tun­gen nicht mit­hal­ten.

Die Früch­te sol­len näm­lich zum ei­nen leicht zu ern­ten sein, was auch ein Grund da­für ist, dass die Obst­bau­ern den neue­ren Nied­rigs­tamm­züch­tun­gen den Vor­zug vor den al­ten Hoch­stammsor­ten ge­ben. Die Wet­te­rer­eig­nis­se der letz­ten Zeit ha­ben aber auch ge­zeigt, wie wich­tig ei­ne Wit­te­rungs­be­stän­dig­keit sein kann. Auf kei­nen Fall dür­fen die Kir­schen vom Re­gen auf­plat­zen oder gar von Krank­hei­ten oder In­sek­ten be­fal­len wer­den. Dann müs­sen sie sich auch noch gut trans­por­tie­ren und la­gern las­sen, und zwar oh­ne an­schlie­ßend Druck­stel­len oder an­de­re Be­schä­di­gun­gen auf­zu­wei­sen.

Über­haupt ha­ben die Früch­te le­cker aus­zu­se­hen, mög­lichst groß, prall und dun­kel­rot sol­len sie sein. Auch der Preis spielt na­tür­lich ei­ne wich­ti­ge Rol­le und nicht zu­letzt die Kon­kur­renz aus dem Aus­land. Die ei­er­le­gen­de Woll­milch­sau soll es al­so sein – ein ech­tes Di­lem­ma.

Man­che al­te Sor­ten schla­gen sich da bes­ser als an­de­re. Die Gro­ße Schwar­ze Knor­pel­kir­sche ist so ein Al­les­kön­ner. Sie zählt zu den äl­tes­ten be­kann­ten Sor­ten über­haupt und wur­de schon im 16. Jahr­hun­dert in der Li­te­ra­tur be­schrie­ben. Die Bäu­me sind stark­wüch­sig und reich­t­ra­gend, die Früch­te groß, prall, von na­he­zu schwar­zer Far­be und vor al­lem: platz­fest. Mit ih­rem aro­ma­tisch-sü­ßen Ge­schmack ist sie über­aus le­cker. Auch die Gro­ße Prin­zes­sin, auch Na­po­leon­kir­sche ge­nannt, ist ei­ne der schmack­haf­tes­ten al­ten Sor­ten über­haupt. Sie hat gro­ße herz­för­mi­ge Früch­te, die gelb bis hell­rot sind. Ei­ne leich­te Säu­re sorgt zu­sam­men mit der Sü­ße der Frucht für den tol­len Ge­schmack. Lei­der ist sie et­was platz­emp­find­lich.

Bes­ser schlägt sich da Garrns Bun­te, die recht platz­fest ist. Noch viel wich­ti­ger: Das fes­te saf­ti­ge Frucht­fleisch schmeckt rich­tig le­cker. Eben­falls her­vor­ra­gend im Ge­schmack: die Frü­he Spa­ni­sche, die sü­ße und fast schwar­ze Früch­te hat, die al­ler­dings et­was klei­ner sind. Ein wei­te­rer Ge­heim­tipp ist Bern­hard Net­te mit den fast schwar­zen Früch­ten, die ein fes­tes Frucht­fleisch be­sit­zen. Selbst­ver­sor­gern wird oft die Ba­de­bor­ner Schwar­ze Knor­pel emp­foh­len. Kein Wun­der, ist das doch ei­ne der wohl­schme­cken­den Sor­ten über­haupt, mit ei­nem sehr aro­ma­ti­schen sü­ßen und saf­ti­gen Frucht­fleisch. Der Vor­teil für Selbst­an­bau­er: Die Früch­te hal­ten sich lan­ge am Baum. Ge­schmack­lich her­vor­ra­gend ist auch Dö­nis­sens Gel­be Knor­pel­kir­sche, die mit ih­ren gel­ben Früch­ten ho­nigs­üß schmeckt. Al­ler­dings ist sie et­was platz­emp­find­lich und auch für Druck­stel­len an­fäl­lig.

Wer ei­ne op­tisch be­son­ders an­spre­chen­de Kir­sche sucht, soll­te sich vi­el­leicht ein­mal Til­ge­ners Ro­te Herz­kir­sche an­schau­en, die durch de­ko­ra­ti­ve herz­för­mi­ge Früch­te auf­fällt. Bei die­ser klei­nen Aus­wahl zeigt sich schon: Ein Blick auf die­se und die vie­len an­de­ren al­ten Sor­ten lohnt sich durch­aus, denn die Ge­schmacks­viel­falt ist hier wirk­lich Trumpf. Chris­ti­an Sa­to­ri­us

Platz­fest und zu­cker­süß

LE­CKE­RER SOMMERGENUSS: Kir­schen sind auch bei Kin­dern ein sehr be­lieb­tes Obst. Je sü­ßer, des­to bes­ser. Fo­to: © Phili­pi­mage / Ado­be Stock

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